Heiko Mell

Nach dem Studium ein Auslandspraktikum?

Frage: In einem früheren Beitrag dieser Reihe (Frage 1.986) wurde strikt davon abgeraten, sich nach dem Studium nicht unmittelbar eine entsprechende Arbeitsstelle zu suchen. Aber auch ich spiele mit dem Gedanken, nach dem Studium noch einmal (ein Studiensemester in Kanada erfolgte bereits) einige Monate im Ausland zu verbringen, bevor dies durch Job und Familie fast unmöglich wird.
Allerdings habe ich nicht etwa vor zu trampen o. ä., sondern mir eine befristete Arbeitsstelle in Nordamerika zu suchen. Da dies für Ausländer (Visa etc.) jedoch besonders schwierig ist, würde es stattdessen wahrscheinlich auf ein 6-monatiges Auslandspraktikum hinauslaufen. Wird ein Praktikum nach dem Studienabschluss von Personalverantwortlichen ebenfalls derart negativ angesehen?

Antwort:

Lesen Sie vor allem die Frage und Antwort Nr. 1.973 nach, die Nr. 1.986 war nur eine Leserreaktion darauf (alles problemlos im Internet nachzulesen unter www.ingenieurkarriere.de). Der junge Mann, der dort letztlich zum Stein des Anstoßes wurde, hatte das erste Misstrauen des betrieblichen Entscheidungsträgers hervorgerufen, als er nach dem Examen nicht gleich „richtig arbeiten“, sondern ein Praktikum absolvieren wollte. Als dann das eigentliche Ziel, „ich will durch Asien trampen“, genannt wurde, eskalierte die Situation.

Zu Ihrem Anliegen: Beim Thema „Trampen statt Arbeiten“ lässt sich die weit überwiegend negative Reaktion der betrieblichen Entscheidungsträger vorhersagen. Beim Thema „Praktikum statt richtiger Anstellung“ ist die Reaktion mehr fragend-verwundert. Entscheidend ist, dass Ihnen auf die todsicher folgende konkrete Frage („Warum?“) eine gute Antwort einfällt.

Die hätten Sie nicht bei einem Projekt „Praktikum im Inland“. Außer der Erklärung; „Ich habe keinen richtigen Job gefunden, ein Praktikum war besser als Arbeitslosigkeit.“ Und darin steckt wiederum die Aussage: „Angeblich fehlen in diesem Land tausende von Ingenieuren – aber mich wollte keiner.“ Das wäre nicht schmeichelhaft.

Ein Auslandspraktikum von begrenzter (sechsmonatiger) Dauer klingt schon viel besser. Dafür ist folgende Erklärung möglich:“Ich lese überall, Auslandsbezug sei für Bewerber um Einstiegspositionen vorteilhaft. Manche Konzerne, so hört man, geben Kandidaten ohne diese Erfahrung kaum noch eine Chance. Ich hatte zwar das eine Semester in Kanada aufzuweisen, das schien mir jedoch etwas wenig zu sein. Vor allem wollte ich auch praktische Erfahrungen im Ausland sammeln. Daher entschloss ich mich zu diesem Praktikum, um meine Marktchancen für den anschließenden Berufseinstieg zu ver­bessern.“Das klingt dann doch schon recht überzeugend. Und ganz besonders wichtig: Sie hatten sich etwas dabei gedacht, hatten die edelsten Motive, es ging Ihnen – natürlich – nur um den Beruf. Selbst wenn der Entscheidungsträger Ihre Planung für falsch hält, wird er Ihnen als jungem Menschen doch das Recht auf einen Irrtum einräumen – in dem Alter darf man auch einmal einen Fehler machen (das Trampen durch Asien ist kein Irrtum innerhalb einer soliden Planung, es zeigt in den Augen der maßgeblichen Leute eine falsche Generaleinstellung zum Beruf).

Aber sehen Sie zu, dass es mit dem Praktikum auch wirklich klappt und Sie das dann auch bescheinigt bekommen. An Branche und Tätigkeit werden beim Auslandseinsatz dieser Art keine allerhöchsten Ansprüche gestellt. Und Ihr amerikanischer „Arbeitgeber“ lernt auch etwas hinzu: In Germany gilt nicht, was nicht auf einem Papier bestätigt wurde.

Kurzantwort:

Für ein Auslandspraktikum nach dem Studium lässt sich vielleicht eine akzeptable Erklärung finden, für einen Trampurlaub eher nicht.

Frage-Nr.: 1995
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-02-10

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