Heiko Mell

Ein „erklärungsbedürftiges“ Vorleben

Frage: Mit nun 27 Jahren werde ich im nächsten Semester mein Maschinenbaustudium abschließen.
Nach einem schlechten Abitur (3,6), welches ich mehr auf meine Faulheit als auf mangelndes Talent zurückführe, hatte ich ein Studium an der Universität aufgenommen. Nach vier Semestern habe ich diese verlassen, da ich mit der „freizügigen“ Zeiteinteilung nicht klar kam; kurzum ich habe mehr meinen Freizeitaktivitäten nachgehangen als studiert.
Anschließend bin ich an eine Fachhochschule gewechselt und habe dort das Studium innerhalb der Regelstudienzeit beendet. Diese Phase habe ich als letzte Chance angesehen, mein Können doch noch unter Beweis zu stellen. Ich habe gelernt, was zielgerichtetes Arbeiten und Motivation bedeuten. Der Lohn war eine Diplomnote von 1,8!
Derart motiviert habe ich noch ein Masterstudium im Ausland drangehängt, um den verpassten Uniabschluss sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Da noch ein Semester ansteht, liegt die Endnote hier noch nicht fest (voraussichtlich A oder B).
Mein berufliches Ziel ist es, in der Automobilbranche im F + E-Bereich zu arbeiten. Während meines Studiums habe ich bereits ein Praxissemester bei einem führenden deutschen Automobilhersteller absolviert.
1. Wie reagiere ich im Vorstellungsgespräch, wenn meine Abiturnote oder der „Ausflug“ an die Uni zur Sprache kommen?
2. Wie schwer wiegen diese Verfehlungen?
3. Ist mein Alter ein Problem?
4. Ist es ratsam, sich auf eine Promotionsstelle in der Industrie zu bewerben bzw. habe ich bei meiner Vorgeschichte überhaupt eine realistische Chance?

Antwort:

Jugendlichen wird für Fehler dieser Art (mieser Schulabschluss) ziemlich problemlos eine Art „Rabatt“ eingeräumt – sofern sie inzwischen Leistung gezeigt sowie Erfolge vorzuweisen haben und ebenso ehrlich wie Sie über die Ursachen („Faulheit“) sprechen. Es gibt Spätentwickler im Leistungsbereich – die dann häufig mit dem übergroßen Ehrgeiz aller Konvertierten lostoben. Es gibt viele Bewerber mit Lebensläufen wie dem Ihren.

Das Eingeständnis mit der Uni als Freizeitveranstaltungsträger kann ich Ihnen ersparen: Sie hatten mit Ihrem Abi am negativen Maximum ohnehin an einer Uni statistisch keine Chance! Das gilt auch, wenn Sie es tapfer versucht hätten. Machen Sie kein Drama daraus, so etwas sieht ein Bewerbungsanalytiker jeden Tag. Aber für ein Abi, das an der Schmerzgrenze liegt, dürfen Sie sich durchaus schämen!

Zu 1: Die Abiturnote sollte Ihnen peinlich sein; das Resultat an der Uni ist fast Standard – Sie haben herausgefunden, was allgemein bekannt war. Stehen Sie dazu.

Zu 2: Es sind keine – für viele junge Menschen gehört so etwas zum Erwachsenwerden. „Spätentwickler“ gilt nicht als Schimpfwort.

Zu 3: Nein, im Normalfall nicht. Viele Uni-Absolventen starten erst mit 28 in die Praxis. Dass ein geringeres Alter besser wäre, ist eine andere Frage.

Zu 4: Vorsicht mit der Promotion. Es besteht der Verdacht, dass Sie – typisch für „Konvertierte“ – jetzt übertreiben. Da die klassische Promotion fünf Jahre dauert, wären Sie dafür mit 32 am Ende ziemlich alt! Reden Sie einmal mit der Personalabteilung des Weltkonzerns (Praxissemester) über Ihre Chancen dort, über die Notwendigkeit einer Promotion für einen Job in F + E und über eine nebenberufliche Promotion. Aber Sie haben keinen Grund, Asche auf Ihr Haupt zu streuen.

Kurzantwort:

Es ist sinnlos, längst bekannte Regeln immer wieder neu zu entdecken: z. B. reicht ein hundsmiserables Abi nicht zu einem Uni-Studium der Ingenieurwissenschaften. Warum gibt es wohl überhaupt Leistungskennzahlen (Noten)?

Frage-Nr.: 1960
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-09-29

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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