Heiko Mell

Leserreaktion – Schwerbehindert / krank

Anmerkung von Heiko Mell: Am 07.01.2005 erschien als Frage 1.902 die Einsendung eines Vaters, dessen Sohn Diabetiker ist, einen Schwerbehindertenausweis hat und sich nach Ende seines Studiums um eine Einstiegsposition bemühen muss. Ich warnte davor, dass Unternehmen der freien Wirtschaft vor einem Bewerber zurückzucken würden, wenn sie dessen Belastung oder Behinderung erfahren und riet dazu, den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber ins Auge zu fassen. Dazu erreichten uns recht viele interessante Zuschriften. Hier eine Auswahl.

Frage/1: Als Vorbemerkung: Ich habe Diabetes Typ I, d. h. ich kann essen wie ein „Normalsterblicher“, muss aber Insulin spritzen. Ich kam damit gut klar, kritisch wurde es jedoch erst beim Arbeitgeberwechsel, der wegen Schließung der Firma notwendig wurde.

Auf die Frage des Personalchefs „Sind Sie gesund?“ antwortete ich klipp und klar „Ja“ – so hatte es mir sogar mein Diabetologe geraten. Ganz wohl war mir nicht bei der Aussage. Vom Personalchef kam keine weitere Rückfrage. Eine (amts-)ärztliche Untersuchung wurde – aus welchen Gründen auch immer – nicht durchgeführt.

Bei dieser Firma bin ich dann sechs Jahre geblieben, einige wenige Kollegen wussten von meinem Diabetes, es gab – wie schon in der Firma vorher – keine Beeinträchtigung meiner beruflichen Leistung.

Hätte ich dem Personalchef damals geantwortet. „Ich bin Diabetiker, habe aber durch ärztliche Einstellung den Diabetes im Griff“, hätte es zwei Möglichkeiten gegeben:

1. Er hätte nur den Typ II („Altersdiabetes“) gekannt, vielleicht spontan an seinen kranken Opa gedacht und mich nicht eingestellt.

2. Er hätte den Typ I gekannt und vielleicht mit medizinischem Halbwissen über Nebenwirkungen diskutiert – mit sehr ungewissem Ausgang.Ich habe mich für die „Notlüge“ entschieden. Wie sehen Sie den Fall?

Frage/2: Dem Sohn des Einsenders kann ich nur empfehlen, den Schwerbehindertenausweis ein Leben lang beizubehalten und wenn möglich kein einziges Prozent davon abzugeben.

Meine Erfahrung bei der Pflege meines schwerbehinderten Vaters über die letzten zwanzig Jahre war, dass immer mehr Kosten auf die Bürger/Versicherungsnehmer abgewälzt werden. Die „Großzügigkeit“ von Ämtern und Institutionen wird immer geringer, so dass neben einem Appell an Goodwill eine staatlich verbriefte Hilfsbedürftigkeit manchmal die einzigen Argumente sind, um beantragte Hilfsmittel, Pflegeunterstützung, Kuren o.ä. zu erhalten.

Bei einer Bewerbung in der Industrie würde ich in einem Bewerbungsgespräch nichts von einer nicht sichtbaren Behinderung sagen, sondern diese erst bei einer eventuellen betriebsärztlichen Untersuchung als eine für mich selbstverständliche Änderung im Lebensalltag darstellen – vorausgesetzt, dass die Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt ist. Ob das Verschweigen der Behinderung beim Bewerbungsgespräch rechtlich zulässig ist, müsste ein Anwalt klären.

Ansonsten stimme ich Ihnen zu, dass ein Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst für einen Behinderten die sicherste Variante ist.

Frage/3: Ich bin seit dem 10. Lebensjahr Diabetiker, Dipl.-Ing. (FH) Maschinenbau und Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Naturgemäß beschäftige ich mich häufig mit Personalauswahl. Für mich ist Diabetes kein Ausschlusskriterium (wohl aber die sogenannten Essays in Bewerbungen, die ich fürchterlich finde und die keinerlei sittlichen Nährwert haben). Das liegt natürlich auch an meiner persönlichen Situation; und das ist meine Meinung zur 1902. Frage: Man kann so etwas nicht pauschal beantworten. Die Tatsache, dass sich der Vater erkundigt und nicht der junge Mann selbst, ist in meinen Augen ein größeres Manko als der Diabetes (natürlich ist das auch persönlich gefärbt, das weiß ich).

Frage/4: Als früherer Vertrauensmann der Schwerbehinderten in einer Behörde kann ich sagen:

1. Diabetes ist eine MdE (Minderung der Erwerbsfähigkeit), die unsichtbar ist.

2. Ein Arbeitgeber der Privatwirtschaft hat durchaus dann ein Interesse an einem solchen neuen Arbeitnehmer, wenn das Unternehmen die Pflichtquote der mit Schwerbehinderten zu besetzenden Arbeitsplätze noch nicht erfüllt hat (jeder nicht entsprechend besetzte Platz kostet Geld). Ein neuer MdE-Mitarbeiter senkt die Personalkosten (Lohnnebenkosten).

3. Der junge Mann sollte bei dem potenziellen Arbeitgeber herausfinden, wer dort Vertrauensmann der Schwerbehinderten ist und ihm seine Situation schildern. Personalleiter und Vertrauensmann arbeiten in der Regel Hand in Hand.

4. Der Vertrauensmann hat stets an den Sitzungen des Personalrats teilzunehmen, dem alle beabsichtigten Einstellungen vorzulegen sind. Im positiv entschiedenen obigen Fall würde der Vertrauensmann den einzustellenden neuen Mitarbeiter aus dem inoffiziellen Kontakt schon kennen; er wüsste auch, dass der neue Mann jetzt noch nicht mitteilen will, dass er eine Bestätigung seiner MdE vorlegen könnte.

5. Meine Empfehlung: Bei seinem ersten Arbeitgeber sollte er auf die Vorlage seines MdE-Bescheides grundsätzlich verzichten, auch wenn ihm dann der Zusatzurlaub für MdE-Mitarbeiter entgeht. Denn jetzt gilt: Der Einstieg ins Berufsleben hat allererste Priorität! Was nützt dem jungen Mann die ehrliche Darstellung seines Status, wenn seine Bewerbung (vermutlich) abgelehnt werden würde.

Antwort:

Antwort/1: Unabhängig von der Rechtslage (Rechtsauskünfte kann und will ich nicht geben) gilt: Sie haben, ob Sie das nun „durften“ oder nicht, einen künftigen Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch in einer für ihn schon sehr wichtigen Frage wissentlich angelogen. Das ist äußerst heikel! Der Arbeitgeber kann darauf, erfährt er eines Tages die Wahrheit, extrem(!) negativ reagieren, sich getäuscht fühlen o. ä. m.

Kommt das noch in der Probezeit ans Licht, hat er erleichterte Kündigungsmöglichkeiten. Erfährt der Chef später die Wahrheit, gilt: Ob er Ihnen nun kündigen darf oder nicht: Mit einem stocksauren, wütenden, enttäuschten und sich belogen fühlenden Chef im Nacken ist weder gut zu arbeiten noch etwa Karriere zu machen. Jeder muss selbst wissen, ob er das Risiko eingehen will – aber ich kann dazu keinesfalls raten.

Antwort/2: Teil eins der Einsendung zeigt sehr gut, wie stark eigene Erfahrungen oder gar die eigene Betroffenheit die Einstellung zu Problemthemen prägen. Unsere Ursprungsfragestellung (behinderter Jungingenieur sucht Anfangsstellung) tangiert das nur bedingt.

Teil zwei ist gefährlich! Selbst wenn die Rechtslage ergibt, dass man es hätte verschweigen dürfen, schützt das noch nicht vor der Wut eines sich verschaukelt fühlenden Chefs! Entlassung ist nicht die einzige Strafmaßnahme, die einem Arbeitgeber zur Verfügung steht! Es nützt nichts, gegenüber Vorgesetzten „im Recht“ zu sein. Die Berufsausübung soll wenn schon nicht glücklich, dann zumindest zufrieden machen – das aber ist auf dem Rechtsweg nicht zu erringen!

Antwort/3: Wie immer im Leben: Wer persönlich betroffen ist, denkt und entscheidet anders als „neutral“ eingestellte Menschen. Leider weiß man als Bewerber nie, zu welcher Gruppe der Empfänger der Zuschrift gehört.

Was den stellvertretend schreibenden Vater angeht: Auch ich meine, der Sohn hätte selbst fragen sollen. Aber ich achte den um sein krankes Kind (das bleibt es auch mit 40) besorgten Vater – und ich wollte auf dem ohnehin schon genug belasteten Sohn nicht auch noch mit einem Vorwurf herumtrampeln wie: „Sie sind alt genug, kümmern Sie sich selbst um Ihr Schicksal.“

Antwort/4: Zu 2: Das ist weitgehend Theorie. Sehr viele privatwirtschaftliche Unternehmen zahlen lieber als MdE-Arbeitnehmer einzustellen (auch weil man die schwer wieder entlassen kann).

Zu 3: Ich halte das für eine gute Idee.

Zu 4: Das ist ein bisschen kompliziert. Übrigens: „Personalräte“ gibt es im öffentlichen Dienst, in der freien Wirtschaft sind das Betriebsräte.

Zu 5: Darauf wird es wohl hinauslaufen. Schwierig wird es, wenn der Arbeitgeber nach dem Gesundheitszustand fragt oder sogar konkret: „Sind Sie schwerbehindert?“ Siehe auch Antwort 1.

Frage-Nr.: 1916
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-03-09

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer (m/w/d) mit Fokus Software im Embedded-System Lüneburg,Hannover,Hamburg
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baukonstruktion Oldenburg
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Medizintechnik und Regulatory Affairs Wilhelmshaven
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baubetrieb Oldenburg
Hochschule Aalen-Firmenlogo
Hochschule Aalen Stiftungsprofessur der Carl-Zeiss-Stiftung (W3) Digitale Methoden in der Produktion Aalen
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Konstruktion und Bauteilfestigkeit Saarbrücken
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Bio- und Umweltverfahrenstechnik Saarbrücken
Hochschule Offenburg-Firmenlogo
Hochschule Offenburg Professur (W3) für Medizintechnik Offenburg
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern W3-Professur für "Elektromobilität" (m/w/d) Kaiserslautern
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.