Was ist eigentlich (der fehlende) Praxisbezug?

In Ihren „Notizen“ Nr. 151 in den VDI nachrichten vom 14.03.2003 erwähnen Sie Forderungen zur Verbesserung des Praxisbezugs in der Ingenieurausbildung.Als Professor im Fachbereich … an der … bin ich bestrebt, unsere Studenten möglichst nahe an die Situation heranzuführen, die sie erwartet, wenn sie das „Biotop Hochschule“ hinter sich gelassen haben.Ich bin sehr daran interessiert, welche Anregungen Sie zur Verbesserung des Praxisbezugs haben.

Antwort:

Halten wir zunächst diese unbestreitbare Tatsache fest: Die Unternehmen lieben oft die Anstellung von Berufseinsteigern nicht und suchen stattdessen „wie ein Mann“ den „jungen Akademiker mit zwei Jahren Praxis“. Damit zielen sie nur sehr bedingt auf vertiefte praktische Facherfahrungen im jeweiligen Metier, sondern auf irgend etwas anderes. Sie akzeptieren dabei, dass diese gesuchten jungen Leute gegebenenfalls sogar aus einer anderen Branche und/oder aus einem allenfalls ähnlichen Tätigkeitsbereich kommen – Hauptsache sie haben überhaupt Praxis.Sie, geehrter Einsender, haben mich auf die Idee gebracht, dass man diesen Begriff „Praxisbezug“ ruhig einmal definieren bzw. durch Beispiele erläutern sollte. Sonst reden wir noch aneinander vorbei. Ich zähle einmal auffallende Defizite auf. Bei der Gelegenheit: Angenehm fallen in dem Zusammenhang viele bis sehr viele promovierte junge Ingenieure auf. Die Jahre in enger Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl oder den Vorgesetzten am Institut und möglichst auch den Auftraggebern aus der Industrie sind offensichtlich hilfreich.Bleiben wir bei den anderen Jungakademikern, die frisch von der Hochschule in die Praxis hineinstolpern (keineswegs alle, aber eben viele). Sie- können nicht telefonieren. Sie wissen nicht, wie man auf einen fremden Gesprächspartner zugeht, wie man argumentiert. Sie sind nicht auf den Kontakt vorbereitet. Ja fragt man sie verzweifelt ob ihres Herumgestotteres, warum sie überhaupt anriefen, kommt fast immer nur die Antwort: „Da stand eine Telefonnummer in der Anzeige.“Vorsichtshalber merke ich an: Mein Haus hat eine Tür. Diese ist jedoch keine Aufforderung an jeden Passanten, der zufällig auf der Straße vorbeigeht, auch durch diese Tür zu marschieren. Nur wer einen besonderen Grund hat, sollte die Gelegenheit ergreifen (und seinen Grund dann auch ohne zu stottern artikulieren können).- können keinen Brief schreiben.- können in einem hohen Prozentsatz eigentlich überhaupt nicht schreiben. Rechtschreibung, Satzbau, insbesondere Zeichensetzung (nein, es kommt kein Komma alle 7,5 cm!), Ausdruck sind schlimm. Und vor allem fehlt Logik, Logik, Logik. Die Argumentation ist hahnebüchen, der Satzanfang passt nicht zum Ende etc. Sie basteln Sätze zusammen, deren Sinn man allenfalls erahnen kann. Hier ist ein weites Feld.Wie und in welchem Zustand, geehrter Einsender, lesen und bewerten Sie und Ihre Kollegen eigentlich Diplomarbeiten? Unter Cognac oder mit schwarzgetönter Sonnenbrille (damit Sie nicht alles sehen müssen)? Oder unter ständigem Kopfschütteln?- können entweder nicht sorgfältig lesen oder sie lesen eben aus Prinzip nicht. Anzeigen, beispielsweise, auf die sie sich bewerben.- können im persönlichen Kontakt nicht argumentieren, nicht diskutieren, nicht überzeugen. Oft hapert es am Umgang mit Gesprächspartnern höheren Ranges (wenn der auch noch anderer Meinung ist). Es fehlt dann auch hier wieder an der Vorbereitung auf den Kontakt.- denken und handeln nicht taktisch geschickt, kritisieren z. B. im betrieblichen Alltag sachliche Gegebenheiten – ohne auch nur daran zu denken, welche Person sie damit treffen (die für die alte Regelung verantwortlich war), formulieren persönliche Ziele ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten des jeweiligen Zuhörers, reiten sich durch eigene Aussagen in Schwierigkeiten hinein.- wissen zu wenig über innerbetriebliche Strukturen, Hierarchien, Arbeitsabläufe (z. B. Projektmanagement).- sind nicht vorbereitet auf Teamarbeit. Sie können zwar mit lauter gleichrangigen Kommilitonen in einer Gruppe (oder WG) irgendwie zurechtkommen, haben aber Probleme mit den feinen Abstufungen in der Praxis durch Alters- und Erfahrungsvorsprünge, durch Rangunterschiede etc.- verstehen zu wenig bis gar nichts von den „Spielregeln“ des beruflichen Systems, das sie ernähren und ihre Karriere ermöglichen soll.- haben Schwierigkeiten mit der Priorität beruflicher Anforderungen vor privaten Ansprüchen (Feierabend/Überstunden/Standort), das Feld ist ihnen überwiegend völlig unvertraut.- formulieren, sie wollten vor allem „Spaß“ haben – ein Begriff, den die Praxis nicht kennt.- wären häufig schon gut bedient, wenn ihnen ihre Defizite wenigstens bewusst wären.Als Anregung: Vielleicht schreiben uns praxiserfahrene Leser, Vorgesetzte wie Kollegen von Anfängern ihre Beobachtungen dazu, nennen uns einige Beispiele und gegebenenfalls Lösungsideen.Als mögliche Abhilfe stelle ich mir hochschulinterne Kurse, Vorträge und Seminare vor, gehalten vor allem von Praktikern. Von „Deutsch für deutsche Akademiker“ über Rhetorikkurse, Diskussionsforen und ständiges Üben im Argumentieren, im Halten von Vorträgen aller Art bis hin zu Vermittlung von Wissen über das Funktionieren des beruflichen Systems.Ein Hochschulkenner müsste sagen, wie man die Studenten zur Teilnahme animiert. Denn auch das gehört erfahrungsgemäß dazu: Sofern das kein Prüfungsfach ist, geht kaum jemand hin, irgendeine Art von Druck muss wohl sein. Oder reicht doch allein der Reiz solcher Zusatzausbildung bzw. Informationsvermittlung?Ich muss hier unbedingt noch ein paar Anregungen anfügen:1. Ich erwarte keineswegs, dass die Hochschule etwa „perfekte“ Menschen ins Leben entlässt. Die Absolventen sind jung – dürfen, ja müssen auch Fehler machen, über das Ziel hinausschießen, „an den Gitterstäben rütteln“. Aber das, was der heutige Durchschnittseinsteiger auf den genannten Gebieten kann, ist unbedingt sowohl steigerungsbedürftig als auch -fähig! Dass es auch einzelne rühmliche Ausnahmen gibt, ist unbestritten.2. Man kann sich aus gesamtgesellschaftlicher Sicht sehr wohl darüber streiten, ob eine Arbeit an diesen Schwachstellen Aufgabe der Hochschulen ist, der Privatinitiative des Einzelnen überlassen bleiben sollte, den Eltern oblegen hätte – oder gefälligst von den Arbeitgebern zu leisten wäre. Letzteres beispielsweise lässt sich nicht realisieren: DaimlerChrysler könnte es, der kleine Mittelständler mit einem Berufseinsteiger alle zwei Jahre niemals. Man könnte die Schulen verantwortlich machen oder den Schwarzen Peter sonst wo hinschieben. Erfahrungsgemäß gilt: Den Letzten beißen die Hunde. Und das letzte Glied in der Kette, die da heißt, wir bilden den einsatzfähigen deutschen Akademiker aus, ist nun einmal die Hochschule.Die von mir favorisierte Lösung wäre diese: Angebote auf rein freiwilliger Basis an den Hochschulen, intensive Aufklärungsarbeit darüber bei den Studenten ebenso wie bei den Arbeitgebern – und in relativ kurzer Zeit schauen die Unternehmen bei Einstellungen auf „Scheine“ in diesen Fächern, so wie sie heute schon stark das außeruniversitäre Engagement suchen, wenn sie Anfänger einstellen.3. In letzter Konsequenz nützte das alles vor allem den Anfängern. Sie wären schon beim Berufseinstieg begehrter, fielen gegenüber den Kandidaten mit zwei Jahren Praxis nicht mehr so stark ab, könnten schneller größere Verantwortung übernehmen.4. Es gibt bereits heute Hochschulen, Fachbereiche und einzelne Professoren, die sich Aufgaben dieser Art annehmen. Ihr Engagement – oft gegen interne Widerstände – ist nicht hoch genug zu würdigen. Aber noch ist das zu wenig, um insgesamt eine deutliche Wirkung in der gesamten deutschen Berufseinsteiger-Landschaft zu erzielen.Warum ich mich gerade bei diesem Thema so engagiere? Weil ich z. B. die Arbeit an dieser Serie (und es ist Arbeit, bei aller Bescheidenheit sei das auch einmal gesagt) von Anfang an im Grunde diesem Thema widme: Menschen zu helfen, mit einem System besser zurechtzukommen, in und von dem sie leben und über das sie so herzlich wenig wissen – warum auch immer.PS. Im Internet fanden wir zufällig jetzt bei der „Jungen Karriere“ des Handelsblatts das Angebot eines Karriere-Tests (geva Institut), in dessen Einführung es heißt: „Bedenken Sie deshalb: Insgesamt beruhen das Fortkommen in der Firma, Karriere und Erfolg zu neunzig Prozent auf dem persönlichen Verhalten am Arbeitsplatz. Gemeint sind Schlüsselqualifikationen wie Dynamik, Charisma, Flexibilität, Belastbarkeit und Durchsetzungskraft.“ Das ist auch aus meiner Sicht so – aber schon die „Hohe Schule“ (und: das alles ist kaum lernbar!). Ich bin ja schon froh, wenn lernbare Fähigkeiten (auf der Ebene darunter) gut ausgeprägt sind.Weiter wird dort aus einer Studie der IBM zitiert: „Die Qualität der Arbeit macht gerade mal zehn Prozent der Wirkung aus. Dreißig Prozent des Erfolgs werden vom Image eines Mitarbeiters beeinflusst. Und sechzig Prozent hängen davon ab, wie gut er oder sie die Vorgesetzten auf sich aufmerksam machen konnte!“ Meine Anmerkung: Jedenfalls geht das nicht mit Briefen in herzerweichend schlechtem Deutsch oder mit Vorträgen, die nicht über ein seelenloses Gestottere hinauskommen.Das alles ist so, ob man es nun mag oder nicht. Wer also Menschen (aus-)bildet, bilde sie dort, wo es ihnen nützt. Ist das falsch, nur weil es den praktischen Gegebenheiten entspricht? In jedem Fall wird dieser Beitrag nicht jedem gefallen, fürchte ich.Und diese Bitte darf ich noch anschließen: Wenn Sie, liebe Hochschullehrer, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen eine Wissensvermittlung nicht leisten können oder wollen, dann geben Sie den Studenten wenigstens ein Gefühl für die Fehler, die sie machen: prangern Sie an, kritisieren Sie – vermitteln Sie Problembewusstsein!

Kurzantwort:

Wenn die Hochschule ihren Absolventen stärkeren Praxisbezug vermitteln will, dann ist damit – zwangsläufig – weniger die nur aus Erfahrung kommende Vertrautheit mit den fachbezogenen Arbeitsproblemen gemeint. Sondern dann geht es vorrangig um Kenntnisse und Fähigkeiten, die sich aus dem in der beruflichen Praxis unausweichlichen Zwang ergeben, sich und sein Anliegen optimal zu „verkaufen“, taktisch geschickt vorzugehen und insgesamt bereit zu sein, den für die Erreichung anspruchsvoller Ziele geforderten Preis zu bezahlen. Leider fehlt es den Absolventen darüber hinaus oft sogar an Grundvoraussetzungen für den passablen Umgang mit ihrer Muttersprache.
Frage-Nr.: 1759
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-05-22

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