Mein Unternehmen lässt sich nicht von mir revolutionieren

P> Ich bin Dipl.-Ing. FH, weiblich, in der zweiten Hälfte 20. Bei meinem Diplomarbeitsthema hatte ich die Vorstellung, eine praxisnahe, aktuelle Problemstellung für ein großes deutsches Unternehmen zu entwickeln. Ich habe ein …-Managementsystem für das Unternehmen XY AG entwickelt, das sich mit der Bewertung und Steuerung großer Projekte beschäftigt.Nach Fertigstellung meiner Diplomarbeit (1,x) wurde mir mitgeteilt, dass in dem Unternehmen zur Zeit Einstellstopp gilt, so bewarb ich mich bei anderen, großen Unternehmen. Das Managementthema meiner Diplomarbeit hatte mich so fasziniert, dass ich dieses neue Managementsystem bei meinem zukünftigen Arbeitgeber implementieren wollte.Ich fand durch eine Initiativbewerbung sehr bald einen interessanten Arbeitgeber, der dieses neue Managementsystem einführen wollte. Es handelt sich um einen großen Mittelständler. Es fanden mehrere Gespräche statt, in denen ich das neue System vorstellte, die Geschäftsleitung schien von meiner Argumentation überzeugt zu sein und stellte mich ein.Ich begann im operativen Geschäft. Zwischenzeitlich hielt ich einen Vortrag über das neue Managementsystem vor der gesamten Geschäftsleitung – dann passierte monatelang gar nichts. Immer wieder entwickelte ich Vorschläge eines Strategieplans, die auch mit meinem Vorgesetzten diskutiert wurden und schließlich in die Geschäftsleitungssitzung eingebracht werden konnten. Dies wurde von allen abgenickt und ich dachte, los geht““s. Bis heute, mehr als ein Jahr danach, hat sich nicht wirklich etwas getan. Ich habe nach wie vor den Sachbearbeiterjob und komme nicht zu dem, was ich wirklich wollte. Außerdem setzt mich mein Vorgesetzter für langfristige Projekte nicht ein, weil ich für das neue Managementsystem bestimmt bin. So bekomme ich also nur kleine, überschaubare Tätigkeiten, wo ich keine Verantwortung übernehmen darf. Aus der Geschäftsleitung wird mir mitgeteilt, das werde schon, das brauche noch etwas Zeit …Meine Diplomarbeit hat sogar einen Preis gewonnen. Dies fand mein Vorgesetzter ganz hervorragend – jedoch komme ich nach wie vor im Unternehmen nicht weiter.Was habe ich vielleicht falsch gemacht? Wann ist ein kritischer Zeitgrenzwert für mich erreicht, ab wann lohnt das Warten nicht mehr? Kann hier ein klärendes Mitarbeitergespräch sinnvoll sein, um Fakten zu schaffen?

Antwort:

Was Sie getan haben, ist anerkennenswert, logisch und absolut „richtig“ in einem abstrakten Sinne. Ich beispielsweise erkenne Ihr Engagement und Ihre Leidenschaft für die selbstgestellte Aufgabe absolut an – empfinde jedoch Ihr Scheitern als zwangsläufig.Im Grunde ist die Geschichte ganz einfach: Ein Unternehmen besteht aus ausführenden und leitenden Mitarbeitern, davon haben von der erstgenannten Gruppe sehr viele umfassende Erfahrungen, von der letztgenannten alle. Diese Menschen wollen generell nicht und niemals von einem Berufsanfänger „beglückt“ werden. Sie haben schon größte Bedenken (und entwickeln adäquate Widerstände), wenn sich dieser Berufsanfänger auf rein fachliche Aspekte beschränkt und beispielsweise die Konstruktions- oder Fertigungstechnik im Metier dieses Unternehmens neu erfindet (z. B. den Automobilbau). Ganz besonders schlimm aber wird es, wenn dieser Berufsanfänger glaubt, Managementsysteme neu kreieren zu können oder gar zu müssen.Zwei Seiten haben je einen Fehler gemacht:a) Es war naiv von Ihnen zu glauben, als Anfängerin irgendeine Art von neuem Managementsystem in einem funktionierenden Unternehmen einführen zu wollen oder zu müssen oder zu dürfen.b) Es war nicht fair von dem Unternehmen, eine Weile die Illusion aufrechtzuerhalten, man wolle sich beglücken lassen. Niemand hat offenbar den Mut gefunden, die simple Wahrheit, dass man sich ohnehin von einem Anfänger nicht beglücken lassen werde, ganz am Anfang auszusprechen. Da war die Versuchung, auf diesem Weg vielleicht doch an ein neues, die Konkurrenz „alt aussehen lassendes“ System zu kommen, man kann ja nie wissen und überhaupt … Als dann in der Praxis klar wurde, dass ein neues System natürlich bedeutet, dass man sich von altgewohnten Gepflogenheiten trennen muss, dass man ein neues Denken, eine neue Organisation und vielleicht sogar neue personelle Gegebenheiten braucht, verließ die Leute der Mut. Dabei hätten sie vorher wissen sollen, dass dies geschehen würde.Es ist schön, dass die Jugend diesen Elan mitbringt und ich gratuliere Ihnen tatsächlich und ohne jeden Zynismus ausdrücklich zu dieser Grundeinstellung. Sie sollten jedoch realistisch genug sein, um zu wissen, dass Sie sich zunächst einmal um die dem Berufseinsteiger angemessenen Kleinigkeiten des Tagesgeschäfts kümmern sollten, wo Sie hinreichend viele Möglichkeiten finden, Dinge zu optimieren, neu zu gestalten – und nach vielen Monaten der Bewährung vielleicht sogar anders zu machen als bisher. Aber sich um Dinge zu kümmern, die den kompletten Einsatz der Geschäftsleitung eines Unternehmens erfordern, ist für den Berufsanfänger ein extrem gewagtes Vorhaben, von dem ich vorsichtshalber entschieden abrate. Es kommen nur Enttäuschungen dabei heraus.Der Kernsatz Ihrer Darstellung lautet: „Ich wollte dieses neue Managementsystem bei meinem zukünftigen Arbeitgeber implementieren.“ Der Rest, der dann geschah, war eigentlich nur noch folgerichtig.Grundsätzlich brauchen Sie mehr Bewährung im Beruf, einen erarbeiteten Namen für überzeugende Problemlösungen und sehr gute tägliche Arbeit bei Ihrem Unternehmen, vielleicht und vermutlich sogar eine deutlich höhere Stellung in der Hierarchie – bevor Sie eines Tages wieder an eine solche Aufgabe herangehen können.Was stets besser funktioniert: Die Geschäftsleitung selbst kommt auf die Idee, ein neues (am besten genau dieses) Managementsystem einführen zu wollen und sucht einen Projektmitarbeiter oder -leiter, der das in ihrem Namen tut. Dann ist es plötzlich möglich, so etwas voranzutreiben. Aber, nehmen Sie dies als Erfahrungswert mit: Unternehmen lassen sich nicht von unten her revolutionieren. Sie lassen sich auch von oben kaum revolutionieren – aber das ist im Moment nicht Ihr Thema (und Geschäftsführungen können das ebenso gut selbst herausfinden im Laufe ihrer längeren Berufstätigkeit).Ich bitte Sie dringend, diese Aussage nicht als enttäuschend zu empfinden. Es ist hinreichend Platz in dieser Arbeitswelt für das Ein- und Durchführen von Veränderungen. Jeden Tag „schreien“ zahlreiche Unternehmen nach diversen Veränderungen, in diesem Bereich können Sie sich erschöpfend „austoben“. Aber Sie müssen die Veränderungen aufgreifen, die von den Unternehmensleitungen jetzt und hier gewollt werden. In das Berufsleben einzutreten mit dem Ziel, ein ganz bestimmtes System einführen zu wollen, ist hingegen nicht zweckmäßig. Sie überfordern damit das System und Sie überziehen Ihre Position als Anfänger und neuer MitarbeiterSie kommen aus dieser Konstellation bei Ihrem derzeitigen Arbeitgeber übrigens vermutlich nur schwer wieder heraus: Eigentlich möchte ich Ihnen raten, das ganze Projekt aufzugeben. Das kann aber die Geschäftsleitung praktisch jetzt nicht mehr tun, sie würde ja ihr Gesicht verlieren. Also macht sie lieber halbherzig (sprich: gar nicht) weiter und hört damit erst auf, wenn Sie beispielsweise kündigten. Dann wiederum hätte sie eine gute Ausrede für das Begraben des Projekts.Was Sie hilfsweise tun können: Drängen Sie selbst überhaupt nicht mehr und lassen Sie vielleicht bei der Geschäftsleitung sogar durchblicken, dass Sie absolut flexibel sind, was den Zeitpunkt der Einführung angeht und dass Sie sich selbstverständlich auch vorstellen könnten, dies alles erst in zwei Jahren auf den Weg zu bringen. Vielleicht nimmt das etwas „Druck aus dem Kessel“. Und Ihrem direkten Vorgesetzten signalisieren Sie, dass Sie ihm nunmehr für die tägliche Arbeit zur Verfügung stehen und Ihre „Höhenflüge“ vorläufig zurückgestellt hätten. Dann versuchen Sie, mit Anstand zwei Jahre dort zuzubringen, anschließend wechseln Sie und suchen sich ein neues Unternehmen. Bitte aber nicht schon wieder mit dem Ziel, von unten her eine Managementrevolution durchzuführen (der Begriff ist von mir ein wenig hart gewählt, ich arbeite gelegentlich bewusst mit dem Instrument der Übertreibung, um Dinge deutlicher zu machen).In Ihrem Praktikumszeugnis von einem sehr großen, sehr namhaften deutschen Unternehmen steht: „Sie hat mit überdurchschnittlichem Einsatz gearbeitet. Die ihr übertragenen Aufgaben hat sie mit absoluter Gewissenhaftigkeit und erfolgreich zu unserer uneingeschränkten Zufriedenheit erledigt. Aufgrund ihrer selbstständigen Arbeitsweise hat sie den Abteilungsleiter fühlbar entlastet.“ Setzen Sie diese Qualifikation ein, erhalten Sie sich diese Arbeitsweise, schaffen Sie sich ein solides berufliches Fundament und behalten Sie Ihre „revolutionären“ Gedanken ein wenig im Hinterkopf, von wo Sie sie jederzeit hervorziehen können. Dann habe ich an Ihrem weiteren beruflichen Erfolg keine Zweifel. Oder auch:Werden Sie in einem Unternehmen Geschäftsführer und führen Sie dann dort ein, was immer Ihnen vorschwebt. Das dauert ein bisschen, hat aber seinen guten Grund: Man hat bis dahin viel Erfahrung, weiß mehr über das Berufsleben und stellt auch glaubhafter einen Menschen dar, der anderen zeigen kann, wo es langzugehen hat. Das System hat sich bei dieser Regelung schon etwas gedacht.Und damit Sie sehen, dass wir alle lernen müssen (oder in vergleichbarer Situation mussten): Als 21-jähriger Berufsanfänger mit sechswöchiger Dienstzeit nach dem Studium habe ich erklärt, ich könnte jetzt alles, was man mir dort gezeigt hätte – und wo denn die Stelle sei, wo man sich um eine Abteilungsleiterposition bewerben könne. Die grinsenden Kollegen erklärten mir, ich hätte meine Einarbeitung nicht etwa, wie von mir vermutet, glänzend durchgestanden, diese hätte noch nicht einmal begonnen. Man hätte mich bis dahin nur mit Kleinkram beschäftigt, damit ich überhaupt erst einmal das Laufen in diesem Konzern lernen könne. Ich bin seitdem etwas ruhiger geworden.Falls Sie noch ein Beispiel möchten: Als Anfängerin in einem Tennisverein sollten Sie auch nicht sofort dem Vorstand vorschlagen, das Spiel nach ganz anderen Regeln zu spielen. Werden Sie eine Art deutsche Tennis-Meisterin – dann hört man Ihnen wenigstens zu.

Kurzantwort:

Es ist nicht realistisch, als Berufsanfänger in ein bestehendes größeres Unternehmen einzusteigen und dort ein komplett neues System (z. B. ein Managementsystem) einführen zu wollen. Firmen wollen nicht von Anfängern beglückt werden. Das gilt auch dann, wenn die Anfänger Recht hätten und das richtige System offerierten.
Frage-Nr.: 1687
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-02

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer (m/w/d) mit Fokus Software im Embedded-System Lüneburg,Hannover,Hamburg
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Tectrion GmbH-Firmenlogo
Tectrion GmbH Planungsingenieur / Projektleiter (m/w/d) Elektrotechnik / Prozessleittechnik (EMR / MSR / EMSR / PLT) Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen, Wuppertal-Elberfeld, Monheim am Rhein
Tectrion GmbH-Firmenlogo
Tectrion GmbH TGA Planer / Bauleiter / Koordinator (m/w/d) Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen, Wuppertal, Elberfeld, Monheim am Rhein
Tectrion GmbH-Firmenlogo
Tectrion GmbH Bauingenieur / Architekt / Bauleiter / Projektleiter Bau (m/w/d) Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen, Wuppertal-Elberfeld, Monheim am Rhein
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baukonstruktion Oldenburg
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Medizintechnik und Regulatory Affairs Wilhelmshaven
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baubetrieb Oldenburg
Hochschule Aalen-Firmenlogo
Hochschule Aalen Stiftungsprofessur der Carl-Zeiss-Stiftung (W3) Digitale Methoden in der Produktion Aalen
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Konstruktion und Bauteilfestigkeit Saarbrücken
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.