Bisher nur Absagen

Zur Zeit schreibe ich meine Diplomarbeit und bewerbe mich parallel um einen Arbeitsplatz als Wirtschaftsingenieur (FH).Wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können, hat das Studium länger gedauert. Ich denke, aus diesem Grund habe ich bis jetzt auch nur Absagen erhalten – obwohl einige Firmen die Anzeige immer wieder in der öffentlichen Presse oder im Internet schalten, also noch keinen passenden Bewerber gefunden haben. Natürlich spielt auch mein Alter eine Rolle.Nun möchte ich meine Bewerbung Ihrem kritischen Blick aussetzen, damit ich das Maximale herausholen kann. Ich weiß, dass Sie meine Bewerbung auseinander nehmen werden, ich bin Ihnen sehr dankbar dafür.

Antwort:

Man kann Katastrophen auf verschiedene Art und Weise begegnen. Sie zu verniedlichen, ist mit Abstand die ungeeignetste! „Länger gedauert“ hat Ihr Studium, schreiben Sie. Also schön, schaffen wir Maßstäbe: Acht Semester sind normal, neun sieht man häufig, zehn wären schon deutlich „länger“.Sie nun haben: erst einmal achtzehn(!) Semester Wirtschaftsingenieurwesen an einer Universität/Gesamthochschule studiert ohne vernünftige Erklärung, was daraus geworden ist. Man erfährt nicht einmal, ob das ein Uni- oder FH-Studiengang war. Es liegt eine 2,5 Jahre alte Bescheinigung bei, auf der gesagt wird, Sie hätten „folgende Prüfungsleistungen bestanden“, dann folgen irgendwelche Fächer mit irgendwelchen Noten. Ende der Information zu diesem Kapitel (Anmerkung von mir für Ihre ehemaligen Professoren an der Gesamthochschule: Was immer man mit Prüfungsleistungen macht – man „besteht“ sie nicht).Dann folgen auf diese entsetzlichen achtzehn Semester fünf weitere an einer FH, wo wohl in diesen Monaten der Abschluss erwartet wird. Das sind dann dreiundzwanzig Semester Wirtschaftsingenieurwesen.Das sprengt jede Dimension, die man mit „länger“ bezeichnen könnte. Na ja und dabei sind Sie dann 34 geworden (wenn man, wie bei Bewerbungen üblich, nur in ganzen Jahren rechnet).Sie legen mir eine konkrete Bewerbung vor, die sich auf ein „echtes“ Stellenangebot bezieht. Dort geht es um einen Logistikplaner mit Schwerpunkt Materialfluss. Dieser Positionsinhaber soll u. a. Projektteams führen. Von ihm werden verlangt: ein abgeschlossenes Studium mit Schwerpunkt Logistik, Erfahrung im genannten Aufgabengebiet(!), Fachwissen in der Prozesskostenrechnung sowie weitere eher „allgemeine“ Kenntnisse und Fähigkeiten.Damit gilt für Ihre Bewerbung:1. Dies ist eindeutig die Position für einen Menschen mit Berufserfahrung nach Studienabschluss (Erfahrung, Teams führen). Die haben Sie nicht.2. Dieser gewünschten Erfahrung setzen Sie den Hinweis auf Studien-Schwerpunktfächer im Anschreiben entgegen (ein tapferer Versuch, der aber nicht zum Ziel führen kann); im extrem wichtigen Lebenslauf – der auch ohne die Informationen im Anschreiben überzeugen muss – gibt es nicht einmal diese Hinweise auf relevante Studienschwerpunkte.3. Dafür heben Sie im unmittelbaren Umfeld der Rubrik „Studium“ ein Praxissemester bei einer Gemeindeverwaltung hervor. Wissen Sie, was die Industrie gemeinhin von jeder Art solcher Behörden hält (ungerecht natürlich, ich weiß, ich weiß – aber sie hält nun mal nichts davon, vorsichtig ausgedrückt)?4. Details zu Ihrem extrem schwer nachzuvollziehenden Studium gibt es nirgends. Warum der Abbruch nach achtzehn Semestern, was soll(te) das alles?5. Einzige – völlig unbefriedigende – Erklärung für die Dauer (nicht für den Abbruch) des Studiums ist ein Satz im Anschreiben: „…, habe ich während meines Studiums umfangreiche, unter anderem ehrenamtliche, Tätigkeiten ausgeführt.“ Im Lebenslauf finden sich dann; eine Funktionärstätigkeit in der Landjugend, die Mitarbeit in einer örtlichen Kultur AG, Organisation und Lagerleitungen konfessioneller Jugendzeltlager, Mitgliedschaft im Gemeinderat.Das Unternehmen, das Ihre Qualifikation „kaufen“ soll, kann damit nichts anfangen. Schön, man soll sich außeruniversitär engagieren. Etwas. Nebenbei. So wie man ein paar Tropfen Zitronensaft auf den Fisch träufelt. Aber wer will eine Forelle essen, die in 10 Litern Zitronensaft schwimmt?Als Empfehlung für andere: Was Sie nebenbei tun, darf die Studienzeit um ein, vielleicht zwei Semester über die Regelstudienzeit hinaus (hören Sie bloß mit dem angeblichen Durchschnitt Ihrer Hochschule auf) verlängern, sonst schadet es mehr als es nützt. Es gilt, Prioritäten zu setzen, den Blick für das Wesentliche zu entwickeln, nicht das Hobby über den Beruf zu stellen – und sich dann zu wundern.Was Sie, geehrter Einsender, nun tun können? Ganz kleine Brötchen backen, Erklärungen ab- und Fehler zugeben, für die Zukunft weitere externe Betätigungen auf Ihren „Nebenkriegsschauplätzen“ ausschließen (die Bewerbungsempfänger haben Angst, auch in Zukunft könnten Sie mehr Zeit für Hobbys als für den Beruf aufwenden).

Kurzantwort:

Vernünftige Erklärungen für dreiundzwanzig Semester Studium sind schwer zu finden. Aber: Zu Katastrophen im Lebenslauf sollte man wenigstens Erklärungen abgeben.
Frage-Nr.: 1646
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-02-08

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