Wofür soll ich mich entscheiden?

P> Ich bin Student des Maschinenbaus und zur Zeit mit der Diplomarbeit beschäftigt. Ich stelle mir einen recht schnellen Einstieg in den Beruf des Konstrukteurs vor und habe deshalb auch schon einige Bewerbungen verschickt. Es laufen auch schon die ersten Gespräche.Doch nun werde ich langsam unsicher. Ich weiß nicht, auf welche Kriterien ich mehr Wert legen sollte: Auf der einen Seite steht das Gehalt und zum anderen natürlich das, was vom Unternehmen nach meinem Dienstantritt dort in mich investiert wird. Können Sie mir Ratschläge für die richtige Entscheidung geben?

Antwort:

Als erstes ein Lob für Sie: Bewerbungen noch vor Studienende sind zwar guter alter Standard, aber leider denken viel zu viele Studenten in falschen Kategorien: Sie machen immer erst ein Projekt komplett fertig, bevor sie das nächste angehen. Also erst die Diplomarbeit abgeben, dann erst Bewerbungen schreiben, lautet ihre Devise. Das ist unklug und vor allem praxisfremd. Später wird der angestellte Akademiker auch stets mehrere Probleme überlappend bearbeiten müssen, vielleicht fünf, mitunter auch sehr viel mehr.Zum „Investieren in mich“:Unternehmen stellen keine Mitarbeiter ein, um dann mit Freude in die „investieren“ zu dürfen. Sie leisten sich hingegen Angestellte, weil sie sich von denen einen Gegenwert versprechen, der die Kosten für diese Mitarbeiter möglichst übersteigt. Diese Kosten sind auch bei einer „einfachen“ Anstellung ohne weitere „Investitionen“ sehr hoch.Die Beschäftigung von Mitarbeitern ist für das Unternehmen also „teuer“ – selbst wenn der neue Angestellte am ersten Tag schon so richtig in seinem Job lostoben könnte. Genau das aber kann der akademische Berufseinsteiger noch nicht einmal! Zwar ist er gerade erst unter erheblichem Aufwand öffentlicher Mittel ausgebildet worden – aber sehr viel von dem, was er für sein hohes Gehalt + noch höherer Zusatzkosten eigentlich tun müsste, kann er (noch) nicht. Trotz einer Lernphase von im Durchschnitt etwa einundzwanzig Jahren seit Einschulung. Also gehen die Unternehmen hin und vermitteln nun auf ihre Kosten praxistauglich machende Fähigkeiten und Kenntnisse. Durch Einarbeitung, durch Seminare und Kurse oder durch die Methode „Versuch und Irrtum“. Das kostet zusätzliches Geld, das Sie – betriebswirtschaftlich völlig richtig – „in mich investieren“ nennen. Eigentlich sind aber alle Kosten, die der Anfänger verursacht, beim Gehalt angefangen, Investitionen – die sich später auszahlen (sollen).Die Arbeitgeber machen das nicht, um Ihnen einen Gefallen zu erweisen, sondern aus Eigeninteresse. Weil sie morgen und übermorgen leistungsstarke Angestellte brauchen, bezahlen sie heute Anfänger, obwohl die noch „nichts“ können, und stecken zusätzlichen Aufwand in sie hinein.Sie als Einsteiger brauchen den Unternehmen nun nicht auf Knien zu danken. Aber die Firmen würden das Geld für die Zusatzausbildung gerade frisch ausgebildeter Einsteiger natürlich lieber nicht auch noch ausgeben. Und daher wäre die Frage „Was investieren Sie in mich?“ im Vorstellungsgespräch eher unglücklich. „Wie werde ich eingearbeitet oder auf die Erfüllung meiner Aufgaben vorbereitet?“, ist hingegen erlaubt und angemessen.In diesen „Investitionen“ liegt übrigens der Grund dafür, dass alle Unternehmen so engagiert „junge Akademiker mit erster Praxis“ suchen. Die kosten zwar insgesamt noch mehr Geld (wegen des etwas höheren Gehalts, an dem prozentual wieder die Sozialkosten hängen), können aber ohne weiteres Investieren sofort mit der Arbeit anfangen.Ein ganz spezieller Aspekt: Weitere Ausbildung im Unternehmen gefällt den gerade erst langjährig ausgebildeten Jungeinsteigern ungemein. Mit nichts begeistert man dieselben mehr als mit Versprechungen wie: „Wir bilden Sie aus!“ Was wiederum berufserfahrene Mitarbeiter kopfschüttelnd registrieren. „Die sind doch gerade erst ausgebildet worden, haben Schulen und Hochschulen besucht. Wollen die denn nicht endlich einmal die Ärmel hochkrempeln und ihr Wissen in Arbeit umsetzen?“ Gute Frage. Die Antwort lautet: Wenn jemand Jungakademiker sucht und in die Anzeige schreibt, dass er dieselben schulen und ausbilden und weiter schulen und ausbilden will, dann bekommt er hundert Bewerbungen. Schreibt er hingegen, bei ihm könnte man sofort mit dem richtigen Arbeiten anfangen, dann bewerben sich vielleicht noch zehn Interessenten. Also argumentieren die Firmen entsprechend.Zum Gehalt an sich:Welchen Wert hat ein akademischer Berufsanfänger für ein Unternehmen, sagen wir einmal in den ersten sechs Monaten (Probezeit)? Nun, das lässt sich leicht ausrechnen: überhaupt keinen, der Mitarbeiter verursacht nur Kosten, sonst nichts. Eigentlich müsste er noch Geld mitbringen in dieser Zeit, so wie früher einmal die Lehrlinge. Dennoch zahlen die Firmen an reinem Gehalt schon um die 6.000,- DM und nehmen die viel höheren anderen Kosten noch zusätzlich in Kauf.Warum? Weil sie den jungen Anfänger einschließlich des ganzen Rattenschwanzes an Kosten zähneknirschend eben doch als „Investition in die Zukunft des Hauses“ ansehen. Und hoffen, dass der neue Mitarbeiter so nach sechs bis zwölf Monaten langsam anfängt, sich zu „rentieren“. Und da sehr viele junge Berufseinsteiger nach nur zwei Jahren Beschäftigung wieder gehen, wobei sie ja nach nur 1,5 Jahren bereits mit den Bewerbungen dafür anfangen und „automatisch“ nicht mehr voll bei der Sache sind, bleibt oft nur ein Jahr, in dem sich das alles auszahlen müsste.Also zahlen die Firmen Einsteigern Gehälter nicht wegen dieses kurzfristigen Gegenwerts, sondern nach dem „Prinzip Hoffnung“ (für in den nächsten fünf Jahren erhoffte Leistungen). Von daher ist es verständlich, dass Personalchefs immer so säuerlich dreinblicken, wenn ein solcher Anfänger auch noch das große Gehaltspoker anfängt. Auch diese Hintergrundinformation müssen Sie haben, wenn Sie die Antwort auf Ihre Frage suchen.Auf dieser Basis kann man einem Jungakademiker, der Probleme mit dem Finden einer guten Einstiegsposition hat (gilt jetzt für einige, in „schlechten Zeiten“, die kommen werden, aber wieder für viele), in Vorstellungsgesprächen durchaus einmal zu folgender Argumentation raten (abgeschwächt und sinngemäß auch schon im Anschreiben):“Sie fragen nach meinem Gehaltswunsch. Selbstverständlich verdiene ich gern viel, vor allem jetzt mit dem Nachholbedarf nach den Jahren des Studiums. Da ist die Versuchung schon groß, mit dem Wunsch weit nach oben zu greifen. Aber ich muss im eigenen Interesse ja auch realistisch denken und handeln. Und dazu gehört die Einsicht, dass ich zumindest in den ersten Monaten der Einarbeitung mehr koste als bringe und dass Ihnen auch für die Zeit danach nur die Hoffnung bleibt, aber die Gewissheit noch fehlt, Ihre Investition in mich könnte sich lohnen. Die von Ihnen geschilderte Aufgabe und ebenso das Firmenumfeld sprechen mich sehr an, ja begeistern mich. Hier würde ich gern mit der beruflichen Arbeit beginnen. Aber es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, Forderungen zu stellen – bevor ich zeigen kann, was ich wert bin. Machen Sie mir ein Angebot, ich werde dem sicher zustimmen können.“Keine Angst, niemand bietet einem Hoffnungsträger „Dreimarkfuffzig“ an, außerdem entscheiden immer noch Sie, ob Sie letztlich unterschreiben. Aber die moralische Wirkung einer solchen Geisteshaltung ist ungeheuer (positiv).Das bedeutet: Selbst wenn die Unternehmen derzeit um jeden (guten) Absolventen kämpfen und mit allem winken, auch mit Einstiegsgehältern, denken sie doch so wie hier beschrieben. Und wer das einbezieht in seine Strategie, kann durchaus einen Vorteil gegenüber anderen herausarbeiten.Konkret zur Frage:Wichtig beim Einstieg sind* die Aufgabe/Tätigkeit:Hier sind nicht die Details gemeint, sondern die Grundrichtung ist von zentraler Bedeutung: Ob Sie als Konstrukteur, Versuchsingenieur, im Vertrieb, in der Fertigung oder im Qualitätswesen einsteigen, ist schon Überlegungen wert. Als Prinzip gilt: Die Einstiegsposition prägt die Richtung, später ist davon nur schwer wieder wegzukommen.* das Unternehmen:Der erste Arbeitgeber prägt den noch ungeformten, aufnahmefähigen jungen Menschen mehr als spätere. Außerdem legt es ihn zwar nicht endgültig, aber doch etwas fest auf die Branche und die Größe bzw. Struktur. Bei der Größe gilt: Sich später in gleicher Kategorie zu verändern, geht; später in kleinere Firmen zu wechseln, geht besonders gut; beim späteren Wechsel aufzusteigen und sich gleichzeitig in größere Firmen zu verändern, geht kaum. Bei Bewerbungen ist der Name des jeweiligen Arbeitgebers, von dem man kommt, von sehr großer Bedeutung: Im positiven Falle gibt er der Bewerbung „Schubkraft“. Wer also für die Zukunft Karriereambitionen hat, macht mit dem Start beim namhaften, hochrenommierten Unternehmen mit landesweitem oder internationalem Bekanntheitsgrad nichts falsch. Außerdem lernt man dort die modernsten Arbeitsmethoden kennen, so die allgemeine Erwartung.* der Vorgesetzte:Er hat ganz entscheidenden Einfluss auf das weitere Berufsleben. Allerdings fehlt dem Anfänger meist die Erfahrung, im kurzen Vorstellungsgespräch gute von „gut wirkenden“ Chefs zu unterscheiden. Da Vorgesetzte gerade in größeren Unternehmen auch noch oft wechseln, rate ich davon ab, nur wegen eines bestimmten Chefs und gegen alle sonstigen Argumente irgendwo zu beginnen. Aber wenn Sie den künftigen Chef unsympathisch finden, sollten Sie dort lieber nicht hingehen (außerdem ist die Abneigung meist gegenseitig: Ihr Chef denkt über Sie wie Sie über ihn, womit Sie klar im Nachteil wären).* das Einstiegsgehalt:Zwanzig Jahre später lachen Sie darüber. Mein Standardbeispiel: Ich habe nach dem Studium mit 850,- DM (brutto, aber dafür jeden Monat) angefangen. Welche Bedeutung hatte das für meine spätere berufliche Entwicklung? Keine.Einzige Ausnahme: Wer keine beruflichen Ambitionen hat und stets auf der unteren Ebene bleiben möchte, tut sich schwer mit deutlichen Gehaltserhöhungen, ob mit oder ohne Arbeitgeberwechsel. Da ist es mühsam, nach einem schlechten Start schnell nach oben zu kommen, man sollte also am Anfang nichts unnötig verschenken. Sonst aber gilt: Geld verdient man mit hierarchischem Aufstieg, Vorstände von Konzernen werden anständig bezahlt.Viel Glück für den Start Ihnen und anderen in der Situation.

Kurzantwort:

Zwanzig Jahre nach dem Berufsstart zeigt sich, dass der erste Arbeitgeber prägenden Einfluss auf die ganze Laufbahn hatte, das erste Gehalt aber eher nicht. „Richtiges“ Geld wird ohnehin nur durch späteren Aufstieg verdient.
Frage-Nr.: 1563
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-02-16

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