Trainee or not Trainee

Einige Großunternehmen bieten Traineeprogramme für Nachwuchskräfte an. Theoretisch (lt. Firmenbroschüre) sollen damit neue Führungskräfte für die Zukunft herangebildet werden. Es werden daher auch nur Absolventen mit überdurchschnittlichen Leistungen ausgewählt.Wenn man mit einigen Personalleitern am Messestand spricht, dann heißt es jedoch, dass das Traineeprogramm nur als Orientierung für „unentschlossene“ Absolventen zu betrachten sei. Man solle den Direkteinstieg bevorzugen, weil man durch ein solches Traineeprogramm angeblich nur Zeit verliere. Insbesondere, wenn man sein Interessengebiet (Konstruktion, Produktion, Vertrieb, Qualität o. a.) schon kenne.

Antwort:

Die Anlehnung an Shakespeare („To be, or not to be, that is the question“, Hamlet) in der Überschrift ist durchaus Absicht. Armer Kerl (Shakespeare, nicht Hamlet) kannte noch keine E-Mail. Schrieb mit dem Federkiel und sein Werk überstand Jahrhunderte. Muss an der Substanz des Geschriebenen gelegen haben, könnte man meinen.Diese Einsendung kam als E-Mail. Über den paar Absätzen Text stehen achtundzwanzig Zeilen „höherer Blödsinn“ ohne erkennbaren Sinn wie beispielsweise X11; U; Sun0S 5.7; sun4u. Und irgendwo steht „falbala“. Das immerhin sagt mir etwas. Es gibt ein wunderschönes Mädel dieses Namens in Asterix.Also, liebe Leser, gelegentlich hat der Fortschritt Blähungen. Schicken Sie also nie in einer wirklich wichtigen Angelegenheit etwas ab, dessen Erscheinungsform Sie nicht gesehen haben. Wäre das eine Bewerbung, läge sie jetzt im „Papierkorb“. Trotz „falbala“.Zur Frage: Ich unterstelle zunächst einmal, dass die „Personalleiter am Messestand“ nicht die aus den Unternehmen waren, welche Traineeprogramme anbieten. Damit sind diese Leute Partei. Sie können dennoch Recht haben, verfolgen aber in dieser Angelegenheit eigene Interessen.Als Versuch, eine – zwangsläufig pauschale – Durchschnittsaussage jenseits aller Einzelfälle zu formulieren:1. Ein Traineeprogramm beinhaltet keinen „Wert an sich“. Es ist absolut nicht so, dass ein ehrgeiziger, leistungsstarker Hochschulabsolvent unbedingt ein Traineeprogramm „haben“ muss, um seine Karriereambitionen durchzusetzen.2. Eine echte Hilfe ist das Programm tatsächlich für jene, die am Ende des Studiums dummerweise immer noch nicht wissen, was sie nun wollen, in welche Tätigkeitsrichtung sie streben. Es ist aber nicht damit zu rechnen, dass die Unternehmen eine solche Begründung („ich bin ein Unentschlossener“) gern hören!3. Ein Direkteinsteiger ist nach zwei Jahren ein junger Akademiker mit der so händeringend gesuchten ersten Praxis, dem extern die „Welt offen“ steht, jeder nimmt ihn gern. Ein Ex-Trainee am Ende des Programms ist hingegen – „nichts“. Bewirbt der sich extern, dann hat er noch dazu den Makel, von einem großen Namen der Wirtschaft als „gewogen und zu leicht befunden“ abgestempelt zu sein („warum wollten die Leute, die ihn kannten, ihn nicht behalten?“).4. Man sucht sich ein (in der Praxis mehrere) Zielunternehmen aus, bei dem man gern arbeiten würde. Dort bewirbt man sich. Haben die als Einstiegsstandard ein Traineepro-gramm, akzeptiert man das. Haben die nur den Direkteinstieg, nimmt man eben den. Und weint der jeweils fehlenden Alternative keine Träne nach.5. Bleiben die Fälle, in denen das jeweilige Zielunternehmen sowohl Traineeprogramm als auch Direkteinstieg bietet – und man als Bewerber für beides in Frage käme. Dann muss man sich entscheiden. Das nun ist nicht ganz einfach, vor allem nicht so einfach, wie die Unternehmensvertreter es gern darstellen:5.1 Offizielle Aussage ist meist: Im Grunde sind beide Varianten für die Karriere eine gute Basis, Sie können auch über den Direkteinstieg nach oben kommen. Was irgendwie sogar stimmt. Aber es ist nicht die ganze, vor allem nicht die alleinige Wahrheit.5.2 In solchen Fällen ist das Traineepro-gramm in diesem Unternehmen der klassische Einstieg in die Führungsnachwuchslaufbahn. Um reine Sachbearbeiter heranzuzüchten, ist es viel zu teuer! Wer also drin ist in dieser Gruppe, alles durchsteht, drin bleibt, nicht herausfällt und nach Programmende übernommen wird („gewogen und für schwer genug befunden“), der hat die Schulterklappen des „Offiziersanwärters“. Der wird beobachtet, für den gibt es oft „automatische“ Test- und Förderprogramme – schließlich hat man in den Menschen investiert (was sich nur gelohnt hat, wenn daraus hinterher auch ein höherrangiger Manager wird).Damit kein Missverständnis entsteht: „automatisch“ getestet und beobachtet heißt nicht, automatisch befördert. Es geht auch dann nur nach Leistung, Persönlichkeit, Potenzialanalyse. Aber es wird sich „gekümmert“!5.3 Der Direkteinsteiger in solchen Fällen (wenn das Haus alternativ ein Traineepro-gramm hat) ist das, was in seinem Vertrag beim Einstieg steht. Sonst nichts. Den Rest muss er erkämpfen. Er braucht Vorgesetzte, die sich überdurchschnittlich für ihn einsetzen – und die ihn in eine Aufstiegslinie hineinboxen, die routinemäßig schon mit Trainees besetzt ist. Diese Trainees sind die (Aufstiegs-) Regel, er ist – überspitzt ausgedrückt – die Ausnahme.5.4 Trainees bzw. Ex-Trainees in solchen Fällen (ich muss immer wieder auf die unter 5 beschriebene Ausgangssituation hinweisen, sonst reißt jemand einen Unterpunkt aus dem Zusammenhang und behauptet, ich hätte gesagt, …) haben hausintern zusätzliche Vorteile gegenüber den Direkteinsteigern: Sie haben Kontakte in all den Abteilungen, die sie durchlaufen haben, kennen also „Tod und Teufel“ im Hause. Das ist in größeren Unternehmen oft „die halbe Miete“. Und sie bilden untereinander ein Netzwerk, das bis in persönliche Freundschaften hineinführt. So etwas hilft, es ist die andere Hälfte so mancher „Miete“. Und sie haben halt ihren „Stern“ in der Personalakte.5.5 Daher ist die Aussage erlaubt: Wenn Sie klare Karriereambitionen haben, sollten Sie bei solchen Unternehmen (siehe 5.) das Traineeprogramm wählen. Risiken? Das wäre in diesem Augenblick die falsche Frage. Entweder wollen Sie Vorstand werden oder Sie sind ein bisschen ängstlich. Aber beides geht nicht. Wie sagt Schiller so nett in „Wallensteins Lager“: „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“6. Zur Abrundung: Neben den klassischen „vollen“ Traineeprogrammen, die in fast alle Abteilungen eines Unternehmens hineinführen, gibt es noch die „Bereichs-Trainees“, also etwa nur auf Entwicklung oder nur auf Vertrieb ausgerichtete Schulungsprogramme. Vor- und Nachteile des Traineegedankens sind hier jeweils etwas schwächer ausgeprägt (die Orientierungshilfe für Unentschlossene entfällt, das unternehmensweite Netzwerk auch. Auf der anderen Seite ist ein junger Mensch nach zwei Jahren im Vertrieb dort etwas weiter – auch aus der Sicht von Bewerbungsempfängern – als jemand, der in zwei Jahren „alles“ gesehen und „nichts“ gelernt hat).7. Auch das muss einmal gesagt werden: Eigentlich schüttelt man als praxiserfahrener Fachmann den Kopf über die Faszination, die Traineeprogramme auf viele Berufseinsteiger ausüben: dreizehn Jahre Schule bis zum Abitur, manche dann Rekrut bei der Bundeswehr, manche dann Lehrling im Ausbildungsbetrieb, dann so sechs Jahre Studium, was insgesamt ein Ausbildungsabschluss-Alter von ca. 28 ergibt. Bei einem Einschulalter von sechs Jahren sind das zweiundzwanzig endlose Bildungsjahre. Und was wünschen die jungen Leute danach? Wollen sie – endlich – die Ärmel aufkrempeln und arbeiten, etwas gestalten, etwas tun? Nein, bewahre. Sie wollen hingegen weiter ausgebildet werden. Damit aus zweiundzwanzig Jahren unbedingt vierundzwanzig werden. Gute Güte.Vielleicht sollte man firmenseitig an das Traineepro-gramm ein mehrmonatiges Seminar anschließen. Oder, noch besser, ein MBA-Studium. Ein solches Programm hätte einen Zulauf, davon träumen Unternehmen sonst nur.

Kurzantwort:

Das vielfach begehrte Traineeprogramm stellt keinen „Wert an sich“ dar und ist nicht um seiner selbst willen erstrebenswert. Wichtig ist das Unternehmen, bei dem man einsteigt – nicht jedoch, ob es ein Traineeprogramm anbietet oder nicht.
Frage-Nr.: 1497
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-06-16

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