Unter Vaters Fuchtel?

Ich studiere … an der Universität in … und stehe etwa ein Jahr vor dem Abschluss. Seit einigen Jahren arbeite ich in dem Ingenieurbüro meines Vaters und bin auch bereits Mitgesellschafter. Das Büro ist ständig gewachsen, nicht zuletzt aufgrund des außergewöhnlichen Engagements der Mitgesellschafter (12-16h/Tag, Wochenende im Büro).Meine Aufgaben in der Firma sind von Semester zu Semester gestiegen. „Ohne dass ich es gemerkt habe“, sind mir mehr und mehr Kompetenzen und Projekte übertragen worden. Meine Studienleistungen haben allerdings darunter gelitten.Im Laufe der Zeit sind mir jedoch auch erhebliche Zweifel am Personalmanagement und an den Umgangsformen innerhalb der Firma gekommen. Das Büro wird stark patriarchalisch geführt, die Fluktuation ist deutlich zu hoch. Der Vergleich mit einer „Metzgermeistermentalität“ ist nicht zu weit hergeholt.Wäre ich ein aufstrebender Angestellter, würde ich nach einem neuen Umfeld suchen. Jetzt bin ich aber noch Student und wohl auch noch grün hinter den Ohren.Zur Zeit befinde ich mich in einem Konflikt mit mir selbst, der sich wie folgt darstellt: Weitermachen wie bisher (verbunden mit einer gewissen Verantwortung und attraktiver Bezahlung) oder jobben als Praktikant in einer anderen Firma (evtl. Auslandspraktikum). Zudem merke ich, dass sich mein Unterbewusstsein ständig mit diesem Thema beschäftigt, was wohl auf ein großes ungelöstes Problem hinweist.

Antwort:

Einer – und das werde ich sein – muss hier unbedingt etwas zur Ehrenrettung der Metzgermeister tun. „Verachtet mir die Meister nicht“, singt schon Hans Sachs in „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Wagner). Also es gibt sicher sehr nette Metzger, auch wenn sie in Ausübung des Berufs große, blutige Messer schwingen. Lassen wir also dieses Beispiel fallen.Aber es wird klar, worum es Ihnen geht. Unabhängig davon, wer von Ihnen (Vater oder Sohn) nun Recht hat – Sie spüren: Sie passen da (jetzt) noch nicht hin. Da nützen alles Geld und der Gesellschafterstatus nichts, das „unwohle“ Gefühl ist stärker.Zum Glück kann ich Sie beruhigen: Eine der anerkannten Regeln des Metiers bestärkt Sie in Ihrem Empfinden und sagt klar, was Ihnen so langsam dämmert. Sie lautet: Der spätere Unternehmenserbe und Unternehmensnachfolger sollte nach dem Studium in jedem Fall erst einmal „draußen“ Erfahrungen sammeln und sich bewähren, er sollte außerhalb des väterlichen Einflusses persönlich reifen – und danach gegebenenfalls in die familieneigene Firma eintreten. Später übrigens gehört ein klarer (schriftlich fixierter) Zeitplan auf den Tisch, der den endgültigen Rückzug des Vaters regelt.Und natürlich empfindet der Vertreter der jungen Generation anders, setzt er andere Maßstäbe, wird er anders handeln. Das war immer so und wird immer so sein. Übrigens bedeutet das nicht, dass Ihr Vater etwa „verkalkt“ wäre und Sie die allein richtige „Schiene“ verträten. Absolut nicht. Es ist lediglich der klassische Generationskonflikt, es ist das Neue, welches das Alte ablösen will. Ohne garantiert besser zu sein, auch das gilt es zu bedenken.Der Beweis: Warten Sie einfach einmal ab, bis eines Tages Ihr Sohn … Der könnte mir dann einen ähnlich lautenden Brief … Wobei mir gerade noch einfällt: Das werde natürlich nicht mehr ich sein, der jenen Brief erhält (falls das Wort „Brief“ dann überhaupt noch in Gebrauch ist; es wird – ätsch, liebe Fanatiker – auch nicht mehr „E-Mail“ heißen: Warum ein „E“ betonen, wenn „Electronic“ selbstverständlich ist und es gar nichts anders mehr gibt?). Nein, den wird ein Vertreter einer späteren Generation lesen. Und der wird kopfschüttelnd auf den Nachlass von Heiko Mell blicken und etwas in Richtung „unmöglich, war alles falsch“ murmeln.Also gehen Sie da raus. Erklären Sie, dass Sie damit keine Kritik verbänden („grün hinter den Ohren“), aber eigene Eindrücke sammeln und nicht ausschließlich vom Vater und seiner Firma geprägt werden möchten. Und so nach drei, besser fünf „fremden“ Berufsjahren (ab Examen) kämen Sie gern wieder und würden, falls das gewünscht sei, über eine Nachfolge und damit die Weiterführung des väterlichen Lebenswerkes sprechen.Im Augenblick, geehrter Einsender, werden Sie „gekauft“. Natürlich bleibt offen, ob Sie später wiederkommen. Aber Ihr Vater mag beruhigt sein: Nach jenen von mir empfohlenen Angestellten-Jahren „draußen“ gefällt Ihnen vermutlich die Rolle des „Junior-Chefs und Nachfolgers“ schon viel besser als Sie es sich heute vorstellen können.

Kurzantwort:

Der Unternehmenserbe sollte generell nach dem Studium „draußen“ Erfahrungen sammeln und seine Persönlichkeit aufbauen, bevor er dann eines Tages die elterliche Firma übernimmt. Es reicht, wenn der Vater das Kind und den Jugendlichen entscheidend geprägt hat, er muss es nicht auch noch beim jungen Erwachsenen tun.
Frage-Nr.: 1491
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-05-19

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