Heiko Mell

Zu 1.444: „Karriere für Mutter“

Vielleicht habe ich in diesem Punkt Erfahrungen, die Sie nicht machen konnten.

Auch ich bin Mutter zweier Kinder und Wirtschaftsingenieurin, allerdings konnte ich vor meiner vierjährigen „Erziehungspause“ zwei Jahre bei einem namhaften Großunternehmen arbeiten.

In der Zwischenzeit sind meine Kinder zehn und zwölf Jahre alt und ich arbeite in Teilzeitbeschäftigung in verantwortlicher Position in einem mittelständischen Unternehmen. Zusätzlich berate ich gelegentlich ein weiteres Unternehmen, deren Eigentümer ich über den VDI kennenlernte.

Ihre Fragen 1.443 („Format“) und 1.444 („Mutter“) hängen direkt zusammen. Vielleicht habe ich Format. Jedenfalls nutzte ich die Zeit während meiner Erziehungspause, um mich ins Gespräch zu bringen. Ich arbeitete kräftig im VDI in verschiedenen Arbeitskreisen mit und konnte mir einen guten Namen machen. Nach einiger Zeit kam ein Angebot von einem der deutschen Top-Konzerne, gefolgt von dem meines jetzigen Arbeitgebers. Merkwürdigerweise erhalte ich laufend Angebote von anderen Arbeitgebern, die wissen, daß ich nicht mobil und nicht bereit bin, Vollzeit zu arbeiten.

Der Grund hierfür ist, daß Ingenieurinnen heute noch einen Vorteil haben, den viele als Nachteil sehen, nämlich daß sie auffallen. Mein Appell an die Einsenderin ist: Arbeiten Sie mit in Organisationen, bei denen Sie mit potentiellen Arbeitgebern in Kontakt kommen. Fallen Sie positiv auf. Wir Frauen fallen schon durch bloßes Erscheinen in der Männerwelt auf; dann muß nur noch gute Arbeit geleistet werden, z. B. bei der Präsentation eines Vortrages oder der Vorbereitung eines Workshops und schon sind potentielle Arbeitgeber begeistert. Wichtig ist auch ein selbstsicheres, positives Erscheinungsbild und ein großes Maß an Selbstvertrauen, das leider vielen von uns Frauen fehlt.

Mein Ansinnen ist es, den Frauen Mut zuzusprechen, eine Familie zu gründen und trotzdem in verantwortlicher Position zu arbeiten. Wir können mit unserer „Kinderlast“ im Gepäck nicht die ausgetretenen Karrierepfade der Männer nachtrampeln. Wir müssen uns andere Wege zum Gipfel suchen. Und ich bin sicher, die gibt es.Im übrigen halte ich es im Arbeitsleben genau so. Alles gleich und gleich gut zu machen wie die anderen, ist Durchschnitt. Um wirklich gut zu sein, muß man sich etwas anderes einfallen lassen als die Wettbewerber. Das heißt aber auch, daß die Sicherheit geringer und die Gefahr, einen Fehler zu machen, größer ist!

Antwort:

Ich habe Ihren Brief aus mehreren Zuschriften zu diesem Thema ausgewählt, weil er so viele interessante Aspekte enthält, darunter durchaus solche, die absolut nicht nur für Frauen + Mütter wissens- und beachtenswert sind. Gehen wir sie einmal der Reihe nach durch:

1. Das namhafte, bedeutende Unternehmen zum beruflichen Start ist immer und überall nützlich. Es gibt der weiteren Karriere oder auch nur Berufstätigkeit in jedem Fall zusätzlichen „Schub“

.a) Wenn man denn schon etwas tut oder vorhat, das Arbeitgeber nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen dürfte (vierjährige Erziehungspause), dann ist es natürlich außerordentlich hilfreich, beim Wiedereinstieg auf den „großen Namen“ aus der ersten Beschäftigung (selbstverständlich mit bestem Zeugnis) verweisen zu können.

b) Sehr(!) viel schwerer hätte es jemand, der eines Tages, mehrere Jahre nach dem Examen, auf den Arbeitsmarkt drängte – und überhaupt noch keine frühere Praxis aufzuweisen hätte. Planung ist also angesagt.

2. „Format“ ist schon nützlich, das ist keine Frage. Andersherum gesagt: Wer nicht sicher sein darf, darüber zu verfügen, hat es deutlich schwerer. Würden wir aber in diesem Land nur noch Leute mit Format arbeiten lassen, hätten wir so um die 80 % Arbeitslosigkeit. Es muß also auch so gehen, irgendwie.

3. Sich ins Gespräch zu bringen, ist immer gut. Eigentlich haben wir mit diesem schlicht klingenden Satz ein zentrales Erfolgsgeheimnis in unserer gesamten Gesellschaft vor Augen.

Der Auswahl für Top- und andere Laufbahnen liegt ein Prinzip zugrunde, das man einfach kennen muß, wenn man Erfolg haben will: Niemand kümmert sich etwa um unentdeckte Talente, die vielleicht irgendwo schlummern. Wer also einfach still vor sich hin arbeitet, an seine besondere Begabung für irgend etwas glaubt und gleichzeitig hofft, irgendwann werde schon die Gerechtigkeit siegen und seinem Können zum verdienten Erfolg verhelfen, der irrt. Und ist naiv.

Letztlich ist es wie in der Schule: Um dem Lehrer wirklich aufzufallen, um überhaupt Gelegenheit zum Glänzen mit zensurträchtigen Beiträgen zu haben, muß man zu denen gehören, die sich melden, die ihren Finger heben und aufzeigen, daß es sie gibt. Nur unter denen, die solcherart erst einmal selbst den Kopf aus der Masse stecken, wählen die Talentsucher ihre Kandidaten überhaupt aus.

4. Was man nun tut, um auf sich aufmerksam zu machen, ist von der Persönlichkeit abhängig. Die Mitwirkung in Organisationen – die Einsenderin erwähnt beispielhaft den VDI – ist ganz sicher ein solcher Weg.

5. Frauen haben es in der Männerwelt leichter, sowohl auf- als auch durchzufallen. Der dumme Beitrag des siebten Mannes in einer Zehnergruppe ist vielleicht auf eine „schlechte Tagesform“ zurückzuführen, der Kollege bekommt mit Sicherheit morgen eine zweite Chance, sich zu profilieren. Der weniger geniale Beitrag der einzigen Frau der Runde kann ihr Image deutlich nachhaltiger schädigen. Aber – ein Vorteil, den Männer nicht haben – die allgemeine Aufmerksamkeit ist der Frau zunächst einmal sicher.

6. „Dann muß nur noch gute Arbeit geleistet werden“ – eine wie nebenbei erwähnte Selbstverständlichkeit. Andere wären froh, sie könnten wenigstens das. Für den Erfolgreichen läuft es unter „nur noch“. Er weiß: Allein hilft das nichts, aber ohne das ist alles andere auch nichts. Oder: Wäre ich auf meinen Gebiet nicht gut, machte ich halt etwas anderes – bis ich auf irgendeinem Feld „gute Arbeit“ leistete.

7. Frauen Mut zuzusprechen, eine Familie zu gründen und trotzdem in verantwortlichen Positionen zu arbeiten, das findet – so es nicht zu Lasten der Kinder geht – meinen besonderen Beifall ebenso wie der Standpunkt, man könne dabei nicht einfach die Wege der Männer gehen, obwohl man doch ganz andere Voraussetzungen habe. Der Gedanke, überall „gleich …“ sein zu wollen, war hier nach meiner Meinung von Anfang an ein Schritt in die falsche Richtung.

8. „Durchschnitt“ als Negativkriterium, das ist mir sehr vertraut. Aber es zeigt natürlich auch: Ein bißchen elitär denkt unsere Einsenderin schon. Damit eignet sich ihr Beispiel für manche andere Frau, aber nicht in allen Details für alle. Nur: Auch im Sport haben die Tips der Sieger ihren besonderen Wert. Wer will beispielsweise Ratschläge für gutes Tennisspielen lesen oder hören vom Siebzehnten der Klubmeisterschaft des östlichen Zillertals?

9. „Oben“ ist die Luft recht dünn – mit diesem Hinweis schließt die Einsenderin. Auch der warnende Hinweis ist berechtigt. Sagen wir es einmal so: Wen das schreckt, der bleibt dann doch besser unten.

Am Schluß habe ich fast den Eindruck: Angetreten war die Einsenderin, um der früheren Fragestellerin zu zeigen, wie man trotz der Mutterschaft seinen Beruf „packen“ kann. Herausgekommen ist letztlich ein auch allgemein gültiger Karriere-Schnellkurs.

Kurzantwort:

Frauen, die erfolgreich Berufstätigkeit und Kinder unter einen Hut bekommen wollen, haben es ganz sicher nicht leicht. Trotz der Kinder erfolgreich sein und arbeiten zu wollen „wie ein Mann“, statt einen eigenen Weg zu suchen, kann für eine Frau nicht die Lösung sein.

Frage-Nr.: 1456
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-14

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