Heiko Mell

„Tschou Chef, alter Knabe“

Ich bin Mitarbeiter eines größeren Unternehmens in der Schweiz. Dort war es bereits bisher in vielen Bereichen gang und gäbe, sich beim Vornamen anzusprechen, nun wird es offiziell: Die Geschäftsleitungsmitglieder sprechen sich für eine flächendeckende Du-Kultur aus.

Offiziell heißt es: „Das Du passt zu unserer Marke und unserer Kultur. Unabhängig davon, welche Funktion jemand bei uns ausübt, wir diskutieren und arbeiten auf Augenhöhe.“ Die Du-Kultur spiegele das wieder, diese Ansprache gelte per sofort im persönlichen Kontakt wie auch im internen Schriftverkehr. Alle Geschäftsleitungsmitglieder gehen mit gutem Beispiel voran und bieten den Mitarbeitern im täglichen Kontakt das Du an. Die internen Kommunikationsmittel werden schrittweise angepasst.

„Tschou“ ist übrigens der hiesige Regionaldialekt für ein „Hallo“ im Freundeskreis.

Als Mitarbeiter ohne Führungsfunktion im Alter von mehr als 40 Jahren stehe ich dieser Du-Kultur mit Personen aus dem höheren Management skeptisch gegenüber und würde sehr gen Ihre Meinung zu diesem Thema kennenlernen.

Muss man jetzt den CEO mit „Du“ anreden, da er sich sonst aus dem Kreis der Duzenden „ausgegrenzt“ fühlt und es der Wunsch der GL ist, dass sich alle im Unternehmen duzen oder erweist man ihm mit einem „Sie“ weiterhin den nötigen Respekt?

Persönlich würde ich lieber beim „Sie“ bleiben, halte mich aber gern an Ihren geschätzten Rat, der wie üblich fundiert und treffsicher sein wird und die Realität deutlich abbildet.

Besten Dank für Ihre stets hilfreichen Ausführungen zu allen möglichen und unmöglichen Situationen im Arbeitsleben.

 

Antwort:

Danke auch von mir für die (Vorschuss-) Blumen. Zum Thema:

Die Dinge wandeln sich. So gut das klingt, so wenig neu ist es. Ähnliche Aussprüche könnten sowohl von unseren jüngeren und von den klassischen Philosophen stammen als auch auf Tontäfelchen aus dem alten Ägypten stehen, beispielsweise. Und „Dinge“ sind das, was die Welt um uns herum ausmacht – von wirklichen (technischen) Dingen bis hin zu Gepflogenheiten und Verhaltensnormen.

Gerade läuft das Luther-Jahr aus. Die Medien waren voller Darstellungen der Welt von vor 500 Jahren. Dort konnte man lesen und sehen, wie die Menschen damals gelebt haben. Davon ist so gut wie nichts geblieben, fast alles hat sich – z. T. mehrfach oder mehrmals – gewandelt. Gewisse menschliche Grundanlagen bleiben zwar gleich oder äußern sich ähnlich, aber der große Rest, den man unter „Äußerlichkeiten“ zusammenfassen könnte, ist einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Das lässt sich weder leugnen noch irgendwie aufhalten.

Als kleine Fußnote dazu und als Trost für Konservative, die so manchen Wandel bedauern: Dieser Prozess ist ein permanenter, es gibt kein Endziel und keinen absoluten Maßstab. Wer heute „modern“ sein will, ist schon morgen in den Augen seiner eigenen Kinder entsetzlich rückständig oder schlicht von gestern; was heute mühsam neu gestaltet wird, ist demnächst mindestens veraltet, wenn nicht bereits lächerlich.

Die Rache der heute vom Fortschritt Abgehängten besteht in der Gewissheit, dass die aktuellen Revoluzzer die Ewiggestrigen von übermorgen, also spätestens in den Augen ihrer Enkel, sein werden.

Dagegen, ich wiederhole es zur Sicherheit, ist generell nichts zu machen. Manches kann man in andere Bahnen lenken, manches lässt sich ein bisschen verzögern, aber mit dem Veränderungsprozess als solchem muss man leben.

Dabei gibt es durchaus merkwürdige Begleiterscheinungen: In Arbeitszeugnissen lautet beispielsweise ein besonderes Lob: „Er/sie war stets aufgeschlossen für Neues.“ Das ist eigentlich höherer Blödsinn, da „Neues“ bloß neu, nicht aber etwa besser ist. Im Gegenteil, es dürfte sogar deutlich schlechter sein – Hauptsache neu. Damit gestehen übrigens die Unternehmen auf Umwegen ein, dass sie selbst nicht daran glauben, die ständigen internen Veränderungen führten tatsächlich zu besseren Ergebnissen. Sonst hieße es beispielsweise in Zeugnissen: „Er/sie war stets aufgeschlossen für bessere Lösungen, mit denen wir schlechtere ersetzten.“ Heißt es aber nicht. Neu allein reicht.

Also duzt man sich nun in Ihrem Unternehmen. In mindestens einem deutschen Weltkonzern hat der Vorstand im Alltagsgeschäft die Krawatte abgeschafft, in mindestens einem anderen die Führung von Dr.-Graden.

Na und? In Summe aller dieser Aspekte sagt der Vorstand jetzt zum unterstellten Bereichsleiter, Herrn Dr. Albert Müller: „Albert, du bist gefeuert“, statt wie früher: „Herr Dr. Müller, leider müssen wir uns von Ihnen trennen.“ Mehr ist nicht.

Dieser letzte kurze Satz von mir ist Meinung, man kann durchaus eine andere haben. So ließe sich argumentieren, durch das allgemeine Du werde die Zusammenarbeit verbessert, der Umgang menschlicher und würden bisherige Barrieren verschwinden. Oder man geht so weit wie in Ihrem Unternehmen und behauptet, die GL diskutiere und arbeite ab sofort auf Augenhöhe (meint: von gleich zu gleich) mit dem Rest.

Was ich absolut nicht glaube. Ich spreche sehr viel mit Angestellten aller Ebenen aus Betrieben, in denen man sich schon heute duzt oder aus amerikanischen Unternehmen, in denen man allein durch die Sprache „automatisch“ näher am Duzen dran ist. Mancher fand das angenehm, mancher zuckte die Schultern, aber nie hat jemand mit glänzenden Augen von einem völlig neuen Verhältnis zu Vorgesetzten eben wegen der vertraulicher klingenden Anrede gesprochen. Chef bleibt Chef, ob per Du oder per Sie.

Warum man offiziell so etwas zum Standard erhebt, ja fast als verbindlich vorschreibt? Gehen wir einmal davon aus, dass die höchste Instanz Ihres Arbeitgebers irgendwie daran glaubt (von unten her lässt sich so etwas nicht durchsetzen).

Ich rate entschieden von offenem Widerstand oder von deutlicher Distanzierung ab, was immer Sie persönlich von der neuen Regelung halten.

Und ich rate auch sehr von hinhaltendem Widerstand (Sie wissen, was ich meine) ab. Seien Sie ruhig „aufgeschlossen für Neues“, geben Sie der Geschichte eine Chance. Sie müssen sich ja nicht an die Spitze der Bewegung stellen, aber schwimmen Sie solide im Mittelfeld der Belegschaft mit. Sagen Sie ruhig: „Zunächst war ich skeptisch, aber ich ging davon aus, dass sich die Unternehmensleitung etwas dabei gedacht hat und probiere diesen neuen Weg gern einmal aus.“ Das reicht meistens.

Bleibt uns noch Ihre Frage nach dem CEO, also dem „Chef vons Janze“, wie man in (unseren) Hauptstadtkreisen zumindest früher gesagt hätte.

Also Ihr Unternehmen ist – in der Schweiz auch bei kleineren Häusern üblich – eine AG. Deren Leitungsgremium wäre in Deutschland der Vorstand, dessen ranghöchster Vertreter und mehr oder minder der Chef der anderen Vorstandsmitglieder wäre der CEO. Also ein Mann, dem man besser mit Respekt begegnet und den man keinesfalls „so nebenbei“ einfach duzt, wenn er es nicht ausdrücklich gewünscht hat.

Ihre genannten „Geschäftsleitungsmitglieder“ bleiben aus deutscher Sicht in der Definition irgendwie schwammig: „Geschäftsleitung“ ist hier ein lediglich intern ernanntes, z. B. auch nicht im Handelsregister eingetragenes Gremium, das unterhalb des Vorstandes (oder der Geschäftsführung bei einer GmbH) rangiert. Danach könnte die Geschäftsleitung beschließen, was sie wollte, es würde niemals den über ihr angesiedelten Vorstand oder gar deren Chef, den CEO oder Vorstandsvorsitzenden, einschließen oder binden.

Aber: Auch in Deutschland kennen wir etwas großzügig bis schlampig und durchaus sogar sachlich falsch gebrauchte Begriffe. Und insbesondere Laien können durchaus einmal „Geschäftsleitung“ sagen, wenn sie eigentlich das eingetragene, rechtlich genau definierte Führungsgremium wie Vorstand/Verwal­tungsrat (AG) oder Geschäftsführung (GmbH) meinen.

Das also müssen Sie noch herausfinden. Fragen Sie den Herausgeber des offiziellen Rundschreibens, aus dem Sie zitieren. Und: Im Zweifelsfall ist zunächst ein „Sie“ gegenüber dem CEO keine Beleidigung. Daraufhin kann er ja, falls er das wirklich gewollt hat, ausdrücklich das Du anbieten. Das man dann natürlich annimmt. Denn man widerspricht einem „Du-Chef“ ebenso wenig wie man früher einem „Sie-Chef“ widersprochen hat. Außer in Notfällen. Und dies ist keiner.

Damit kein Zweifel besteht: Niemand aus dem Kreis der Mitarbeiter und Führungskräfte Ihres Unternehmens diskutiert mit dem CEO auf Augenhöhe. Selbst dann nicht, wenn der das behaupten würde.

Wollen Sie ein Beispiel: Kann der CEO Sie feuern? Er kann. Können Sie ihn feuern? Sie können nicht. Was war noch einmal „Augenhöhe“?

Frage-Nr.: 2918
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47/48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-11-23

Das könnte sie auch interessieren

Top Stellenangebote

Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Elektrische Antriebssysteme München
Stadt Kempen-Firmenlogo
Stadt Kempen Sachbearbeiter/-in für Gebäudetechnik Kempen
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences W2-Professur für das Fachgebiet Elektronische Schaltungstechnik Karlsruhe
Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG-Firmenlogo
Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG Fachreferent/in Renn- und GT-Fahrwerke keine Angabe
HOCHSCHULE FÜR ANGEWANDTE WISSENSCHAFTEN HAMBURG-Firmenlogo
HOCHSCHULE FÜR ANGEWANDTE WISSENSCHAFTEN HAMBURG Professur W2 Digitale Produktion - Werkzeugmaschinen Hamburg
Technische Universität Clausthal-Firmenlogo
Technische Universität Clausthal Präsidentin/Präsident Clausthal-Zellerfeld
Bundesbau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Bundesbau Baden-Württemberg Projektleiter/Projektleiterin Freiburg, Stuttgart, Ulm
Technische Universität Wien-Firmenlogo
Technische Universität Wien Professur für Luftfahrzeugsysteme Wien (Österreich)
Hochschule Trier – Trier University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Trier – Trier University of Applied Sciences W2-Professur für das Fachgebiet Technische Gebäudeausrüstung - Vertiefung: Smart Building/Building Information Modeling Trier
Hochschule Trier – Trier University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Trier – Trier University of Applied Sciences W2-Professur für das Fachgebiet Versorgungstechnik - Vertiefung: Smart Supply Engineering Trier
Zur Jobbörse