Heiko Mell 02.10.2019, 09:55 Uhr

Präsentieren müsst ihr können oder: Wo Einstein sich zur Hälfte irrte

Frage 1:

In Frage 3.021 wird Goethe zitiert, und ich stimme allen Aussagen Ihrerseits zu. Dennoch kommt mir ein Aspekt in dieser Betrachtung zu kurz: Nach meiner Kenntnis wird Albert Einstein (dem sich die meisten Ingenieure nach meiner Erfahrung näher fühlen als Goethe) das Zitat zugesprochen: „Wenn du etwas nicht einfach erklären kannst, so hast du es nicht wirklich verstanden.“

Und genau das ist das Problem der meisten schlechten Präsentationen von Ingenieuren. Da wurden Probleme oder Zusammenhänge nicht ausreichend verstanden, es wurden Prozesse oder Methoden „nach Anweisung“ angewendet, aber die Richtigkeit der Ergebnisse oder Schlussfolgerungen bleibt unklar, und das wird dann in einem Konglomerat aus Details, oft unnötigen Fakten und Fachformulierungen „versteckt“.

Führungskräfte haben oft nicht das Fachverständnis, um in diesen Details Fehler zu finden, sind aber sehr wohl in der Lage, diese Verschleierungstaktik zu erkennen.

Antwort 1:

Ich glaube, da irrt Einstein. Mindestens gilt das für die Hälfte dieses Zitats. Ich konnte sehr viele Menschen bei Erklärungen aller Art beobachten, allein mehr als 15 000 bei der Erläuterung des eigenen Ausbildungs- und Berufswegs in Vorstellungsgesprächen. Und ich sage es sowohl Einstein als auch Ihnen: Richtig ist, dass eine gute Erklärung das intensive Verständnis der relevanten Zusammenhänge voraussetzt. Leider gilt auch: Wer sein Thema verstanden hat, ist nicht vor der Gefahr geschützt, dennoch an der Erklärung zu scheitern. Denn auch, wer alles versteht, muss zusätzlich noch gut erklären können, um ein guter Präsentierer zu sein.

Es geht doch darum, mit Erklärungen das Informationsbedürfnis des Zuhörers zu befriedigen, sich auf seine Interessenlage und seine Fähigkeiten einzustellen, das präsentierte Wissen zu verstehen. Meine erwähnten Vorstellungskandidaten, von denen manche absolut brillant waren, hatten überwiegend schon „verstanden“, was da in ihrem Lebenslauf passiert war. Aber überzeugend darstellen konnten Sie die Zusammenhänge oft nicht.

Ich weiß natürlich auch, dass ich nicht in Einsteins Liga spiele, wenn es um Naturwissenschaften geht. Aber hier würde ich ihm zur Ergänzung raten: „Wenn du etwas nicht einfach erklären kannst, so hast du es nicht wirklich verstanden – oder du kannst einfach nicht erklären.“

Frage 2:

Ich selbst habe einige Erfahrungen in Präsentationen und glaube behaupten zu können, „ganz gut“ darin zu sein. Und ich kann bestätigen, dass eine gelungene Präsentation sehr harte und intensive Arbeit voraussetzt. Es ist eine Kunst im Sinne von Können und erfordert zu allererst ein ganz tiefes Verständnis der Materie, die dort präsentiert wird. Kürzlich habe ich als Externer vor Managern eines Top-Konzerns auf Vizepräsidenten-Ebene zwei Stunden lang präsentieren dürfen, sehr positive Rückmeldungen und – noch wichtiger – die gesetzten Ziele erreicht.

Gutes Präsentieren hat nicht unbedingt mit Schauspiel und Theater zu tun. Jedem jungen Ingenieur würde ich ganz dringend anraten, sich intensivst mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich habe mehr gute Ideen und Projekte wegen schlechter Präsentationen scheitern sehen als ich überhaupt gute Präsentationen gesehen habe. Das schließt dann natürlich simple Kriterien wie z. B. korrekte Rechtschreibung, korrekte Verwendung physikalischer Einheiten, klare Grafiken und Bilder etc. mit ein. Muss ein guter Ingenieur also präsentieren können? Nein. Ein erfolgreicher Ingenieur ohne die Fähigkeit einer guten Präsentation aber ist für mich kaum vorstellbar.

Also, liebe junge Kollegen: lernen, üben, intensiv vorbereiten und die Sache ernst nehmen. Timing. Auf den Punkt kommen. Klarheit. Fakten. Das alles entscheidet wesentlich über die künftigen Erfolge und wird in einer guten Präsentation widergespiegelt.

Antwort 2:

Ich kann insbesondere Ihren vorletzten hier abgedruckten Absatz nur unterschreiben. Insbesondere lege ich den Lesern dessen ersten Satz ans Herz. Darin steckt natürlich irgendwo auch die Aussage: Besser ein mittelmäßiges Ergebnis brillant präsentieren als ein brillantes Resultat durch schwache Präsentation untergehen lassen.

Gerade Ingenieuren muss man immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass es nur sehr selten „allein um die Sache“ geht. Warum sonst gibt es Werbung, PR-Abteilungen, Lobby-Arbeit oder gar Wahlkämpfe? Und warum sagen Berater, zu denen ja auch ich gehöre: Tue erst ein wenig Gutes – und dann sprich ausführlich darüber. Präsentation ist nicht alles, aber ohne gute Präsentation ist vieles fast nichts.

Interessant finde ich auch Ihre in Frage 2, 3. Abs. vollzogene Trennung in gute und in erfolgreiche Ingenieure. Beides kann zusammenfallen, muss es aber nicht – die Praxis kennt viele, auch tragische, Beispiele dafür.

 

Service für Querleser:

Die überzeugende Präsentation der eigenen Leistung entspricht dem unverzichtbaren erfolgreichen Verkaufen von Produkten in der Marktwirtschaft. Es gibt gute und es gibt erfolgreiche Ingenieure. Als Trost: Es gibt aber auch gute und erfolgreiche Ingenieure.

 

Frage-Nr.: 3.034
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-09-27

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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