Heiko Mell

Mehr Selbstvertrauen im Berufsalltag gesucht

Frage 1:

Seit meinem Bachelorstudium lese ich regelmäßig Ihre Karriereberatung – mit wachsender Begeisterung und Zustimmung. Nun befinde ich mich in einer Situation, in der ich eigentlich zufrieden sein könnte. Doch mein mangelndes Selbstvertrauen hindert mich daran, mein Potenzial (fachlich und persönlich) auszuschöpfen.

Ich (w., 26) hatte mein Maschinenbau-Bachelorstudium erfolgreich (2,2) abgeschlossen und danach vergeblich eine Anstellung als Ingenieurin gesucht. Obwohl ich mehrfach zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde, hatte ich es nicht geschafft, die Gesprächspartner von mich zu überzeugen.

Antwort 1:

Sie tragen einen sehr deutsch klingenden Namen, Ihr Brief ist eindrucksvoll formuliert und korrekt. Und dann dieser Hammer! Wenn man das liest, kräuselt sich die Magenschleimhaut. Die Forderung lautet: So etwas fischt man heraus, wenn man einen Text vor dem Absenden noch einmal durchliest, am besten in ausgedruckter Form und halblaut vor sich hinmurmelnd. Und: Selbst wenn Sie mir nachwiesen, ich meinerseits hätte nun ausgerechnet in diesem Beitrag einen besonders kapitalen Bock geschossen, änderte das nichts.

Frage 2:

Während der verschiedenen Vorstellungsgespräche war ich auch immer sehr nervös und konnte nicht mit dem nötigen Selbstvertrauen auftreten. Auf Nachfrage bei dem einen oder anderen Personaler wurde mir öfter erklärt, dass ich zu unsicher aufgetreten wäre. Um es kurz zu sagen: Ich hatte persönlich einfach nicht überzeugen können.

Antwort 2:

Das ist nachvollziehbar. Die Arbeitgebervertreter im Vorstellungsgespräch suchen eine bestimmte Grundqualifikation auch im persönlichen Bereich. Sie sind zwar meist nicht speziell zur Durchführung von Persönlichkeitsanalysen ausgebildet, aber sie haben in mehrjähriger Tätigkeit einen Standard auf verschiedenen Gebieten entwickelt, an dem sie sich orientieren. Und die heutigen Ansprüche z. B. an bereichsübergreifende Projektarbeit oder an das Wirken in interdisziplinären Teams bringen diese Entscheidungsträger dazu, in einer deutlich erkennbaren Unsicherheit ein Ausschlusskriterium zu sehen. Aber: Es sind auch schon Berufseinsteiger in Vorstellungsgesprächen gescheitert, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten („sehet her, ich bin der Allergrößte“). Die jeweilige Lösung liegt irgendwo dazwischen.

Frage 3:

Nach einem halben Jahr erfolgloser Bewerbungsphase hatte ich mich dazu entschlossen, den Master im Maschinenbau dranzuhängen. Auch dieses Studium konnte ich erfolgreich (2,0) abschließen. Um einer eventuellen Arbeitslosigkeit vorzubeugen, hatte ich mich bereits während des Schreibens der Masterarbeit beworben (ich kannte ja die Probleme nach dem Bachelor).

Antwort 3:

Die Bewerbung vor(!) dem Abschluss des Studiums (als Abschluss gilt das Datum auf dem Examenszeugnis) ist guter, alter deutscher Standard, nicht etwa eine neue Entdeckung. Das haben vorausschauende Studenten schon früher gemacht. Nachteil der späten Bewerbung nach Abschluss der Studienaktivitäten: Man steht unter Zeitdruck, jeder erfolglose Tag verlängert die Arbeitslosigkeit; dieser Druck ist kein guter Ratgeber für das Ringen um den optimalen Arbeitgeber.

Frage 4:

Wider Erwarten habe ich relativ schnell (mit meiner zweiten Bewerbung) eine Anstellung als Ingenieurin bekommen.

Nun arbeite ich bereits seit einem Jahr bei einem Automobilzulieferer und bin grundsätzlich zufrieden mit der Anstellung und den Aufgabengebieten. Die Tätigkeit macht mir Spaß. Ich bekomme von meinem Vorgesetzten auch durchweg positives Feedback. Jedoch habe ich oft das Gefühl unterfordert zu sein. Dies liegt daran, dass mir nur wenige Aufgaben aus dem Tagesgeschäft übertragen werden (die ja grundsätzlich Spaß machen). Ich habe regelrecht Leerzeiten, die ich irgendwie überbrücken muss.

Ich glaube nicht, dass mir mein Chef anspruchsvollere Aufgaben nicht zutraut. Es liegt eher daran, dass er gar nicht weiß, dass ich unterfordert bin. Ich habe mich bisher noch nicht getraut, ihn nach neuen, anspruchsvolleren Tätigkeiten zu fragen.

Wie sollte ich Ihrer Meinung nach an das Thema herangehen? Wann ist der beste Zeitpunkt, meinen Chef nach anspruchsvolleren Tätigkeiten zu fragen?

Antwort 4:

Sie haben gegenüber Ihrer Ausgangssituation gem. Frage/1 doch schon sehr viel erreicht. Nachdem Sie damals niemand haben wollte, schildern Sie jetzt praktisch ein Luxusproblem. Das wirft so allmählich Fragen nach Ihren Ansprüchen und Wünschen auf. Als möglicher Maßstab können die Kollegen mit vergleichbarer Ausgangssituation dienen: Denken und empfinden die ähnlich?

In der Sache müssen wir zunächst das Problem definieren: „Unterfordert“ ist jemand, dessen geistige/intellektuelle Kapazität mit den von ihm zu lösenden Aufgaben nicht hinreichend ausgelastet ist. Mit einem Mengenproblem hat das zunächst einmal nichts zu tun. „Nicht ausgelastet“ bedeutet, dass die tägliche Arbeitszeit nicht durch die übertragenen Aufgaben ausgefüllt wird, es bleiben Leerzeiten. Das wiederum hat grundsätzlich nichts mit dem intellektuellen Anspruch an die Tätigkeit zu tun. Sie schreiben sowohl über Unterforderung als auch über Leerzeiten, nehmen also beides in Anspruch. Das ist zwar möglich, aber doch unwahrscheinlich. Für eventuelle Gespräche mit dem Chef sollten Sie das präzisieren und eingrenzen, damit Ihre Aussagen nicht zu pauschal geraten.

Und: Ihr Hinweis auf fehlende Aufgaben aus dem Tagesgeschäft, „die ja grundsätzlich Spaß machen“, ist rein subjektiv und keineswegs etwa eine feststehende Tatsache („ja“). Andere Menschen fühlen sich durch Tagesgeschäfte gelangweilt, sie arbeiten lieber an Prozessoptimierungen, leisten Planungsarbeit oder wirken stabsmäßig außerhalb des operativen Geschäfts.

Nun zum Zentralproblem: Ich halte es für denkbar, dass Ihr nicht sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein auch die zentrale Ursache für den zweiten angesprochenen Problemkreis ist: Ihr Vorgesetzter gibt Ihnen Aufgaben außerhalb der Hektik und des Drucks des Tagesgeschäftes, er beschäftigt Sie mit anderweitigen fachlichen Problemen. Ich gehe davon aus, dass auch er – wie die in Frage/1 erwähnen Bewerbungsempfänger – Ihre schwächere persönliche Ausstrahlung, Ihr zu vermutendes mangelndes Durchsetzungsvermögen und Ihre ebenso zu vermutende eher geringe Dominanz im Kollegenkreis erkannt hat, nun aber zu Ihren Gunsten berücksichtigt. Seien Sie dankbar, dass er zu dieser Rücksichtnahme bereit ist – und sie sich leisten kann. Ein anderer Chef in einem anderen Unternehmen hätte Sie auch am Ende der Probezeit nach Hause schicken können.

Meine Vorschläge: a) Wer sich unterfordert und/oder unausgelastet fühlt, sollte unbedingt zunächst die ihm nun einmal übertragenen Aufgaben uneingeschränkt „sehr gut“ lösen: mit großem Engagement, hohem persönlichen Einsatz, erkennbarer Freude an der Sache und natürlich mit hervorragenden Ergebnissen.

  1. b) Ein akademisch gebildeter Angestellter muss nicht nur erfüllen, was ihm aufgetragen wurde. Bleiben bei ihm Kapazitäten ungenutzt oder Leerzeiten, hat er sich Arbeit zu suchen! In Kenntnis der Probleme der Abteilung hat er dann Ideen zu entwickeln, was man noch tun könnte, um mit erkannten Schwierigkeiten besser fertig zu werden, um bestehende Prozesse zu optimieren etc. Diese Ideen sind dann z. B. dem Vorgesetzten bei passender Gelegenheit zu unterbreiten.
  2. c) Der von Ihnen ins Gespräch gebrachte Vorstoß beim Chef ist heikel:

„Normal“ ist es, dass der Mitarbeiter durch brillante Lösung der bisherigen Aufgaben positiv auffällt und daraufhin sofort oder später immer anspruchsvollere Tätigkeiten zugewiesen bekommt. Erkennt der Chef zwar die bisherigen Arbeiten des Mitarbeiters an, hat er aber wegen dessen klar erkennbarer Schwächen noch Bedenken hinsichtlich der Übertragung von „mehr“, wartet er weiter ab, das sollte man akzeptieren.

Ganz wichtig: Ein Mitarbeiter, der zu seinem Chef geht und über fehlende Auslastung und/oder über Unterforderung klagt, übt massive Kritik am Vorgesetzten. Denn er sagt damit etwa: „Du hast gegen deine Pflichten verstoßen. Denn du hast vom Unternehmen die Aufgabe gestellt bekommen, aus mir das Maximum an Leistung herauszuholen, schließlich bin ich ein Kostenfaktor. Stattdessen lässt du zu, dass ich herumgammele, für meine Aufgaben viel zu gut bezahlt und so langsam sauer werde.“

Jedenfalls empfindet das „System“ Ihre mögliche „Beschwerde“ so. Sie müssten also mit aller Vorsicht auf den Chef zugehen und – das gilt immer – erst einmal etwas Positives sagen: Wie gut es Ihnen dort gefällt, wie gern Sie dort arbeiten und wie Sie es schätzen, dass er Sie langsam und allmählich an immer größere Aufgaben herangeführt und Ihnen Gelegenheit zur sorgfältigen Einarbeitung gegeben hat (hat er vermutlich gar nicht, er glaubt das aber jederzeit gern, wenn man das lobend erwähnt). Und dann kommt Ihr eigentliches Anliegen: Sie wüssten natürlich, dass zunächst die Aufgaben gelöst werden müssten, die er in Verfolgung seiner Ziele festlegt, das täten Sie weiterhin uneingeschränkt. Sie hätten jedoch sehr sorgfältig nachgedacht und kämen zu dem Ergebnis, dass Sie gern auch die eine oder andere zusätzliche Aufgabe aus Bereichen des Tagesgeschäfts erledigen würden. Sie wollten nicht unbescheiden sein, aber Sie glaubten, Sie seien jetzt so weit (Sie sagen nichts in Sachen „unterfordert“ und „unausgelastet“).

Überlegen gerade Sie sich das gut: Springt er darauf an, ist er zu einem Test bereit, und Sie scheitern dabei, braucht es Jahre, bis er wieder Vertrauen zu Ihnen fasst. Meine Lösungen gem. a) und b) sind gerade in Ihrem Fall solider.

Frage 5:

Können Sie mir vielleicht auch noch einen Rat geben, wie ich zu mehr Selbstvertrauen komme?

Antwort 5:

Ich glaube nicht, dass ich da über ein Patentrezept verfüge. Ich weiß noch nicht einmal, ob hauptberufliche Therapeuten sich eine einfache Antwort auf diese Frage zutrauen. Aber ich fasse gern zusammen, was mir dazu einfällt: Ausgehen wollen wir von einem „gesunden“ Selbstbewusstsein, das sich im Berufsleben positiv auswirken würde (im Gegensatz zu einem eher ungesunden nach dem Prinzip „Keine Zähne im Mund, aber La Paloma pfeifen“).

Aus meiner Sicht ist Erfolg der zentrale Baustein. Sehen Sie zu, dass Sie gut bis sehr gut machen, was Sie da tun. Dann haben Sie Erfolg, genießen Anerkennung, Ihr Selbstbewusstsein wächst.

Ich halte diesen Aspekt für wichtiger als die Frage, ob die Tätigkeit Ihnen stets auch ein Höchstmaß an Spaß bereitet. Im Idealfall macht auch Spaß, was man gut kann, aber bei einigen Menschen sind das zwei verschiedene Paar Schuhe. Dann ist Erfolg wichtiger als Spaß. Denn aus letztgenanntem Aspekt wächst kaum Selbstbewusstsein.

Das heißt für Sie, geehrte Einsenderin: Sie haben einen tollen Job, genießen Anerkennung, haben offensichtlich erste Erfolge. Bauen Sie die vorsichtig und Schritt für Schritt aus, sammeln Sie Erfolgserlebnisse, wachsen Sie mit denen. Erkennen Sie Ihre heutige Unterforderung als lösbares Bagatellproblem.

Auf Ihrer speziellen „Mell‘schen Prioritätenliste“ sollte „ich will selbstbewusster werden“ ganz oben rangieren und damit „ich will mit der Tätigkeit optimal zufrieden sein“ zwangsläufig etwas weiter unten. Sie können das austauschen, aber beides auf Nr. 1 setzen, das geht prinzipiell nicht.

Frage-Nr.: 2.969
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-09-28

Von Heiko Mell

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