Heiko Mell

Hilft Heiko Mell den Einsendern?

Frage:

Ich verfolge Ihre Karriereberatung seit – nun ja – einigen Jahrzehnten und schätze diese prinzipiell. Ihre Antworten sind auch heute noch wie gewohnt – und um es wohlwollend zu sagen – pointiert.

Allerdings habe ich gerade eine längere Diskussion mit meinem Sohn – Absolvent des Studienganges „Luft- und Raumfahrttechnik“ – hinter mir. Die Verteidigung Ihrer Antwort zu Frage 2.969/1 ist mir nicht gelungen, und ich frage mich auch, wie Ihre (als schroff empfundene) Antwort der Verfasserin irgendwie weiterhelfen kann. Was waren Ihre Gedanken im Vorfeld dazu?

Antwort:

Wenn Ihr Sohn, um mit ihm anzufangen, gerade Berufseinsteiger ist, dann ist seine „differenzierte“ Haltung zu vielen meiner Antworten für einen größeren Teil seiner Gruppe durchaus typisch.

Dazu gehört: Viele Studenten begegnen meinen Antworten mit großer Skepsis („das kann doch wohl alles gar nicht wahr sein“, „im Anfang habe ich das für eine Glosse gehalten“ etc.). Sehr viele Leser mit ca. zwei bis drei Jahren Berufspraxis nach dem Studium bringen meinen Ausführungen teils schon Verständnis entgegen, teils stimmen sie mir bereits weitgehend zu. Die Leser mit zehn und mehr Jahren Praxis äußern sich dann weitgehend anerkennend, teils sogar verblüfft („woher kennen Sie meine Firma so genau?“) oder sie sagen abgeklärt: „In der Praxis ist es noch viel schlimmer als es bei Ihnen steht.“

Folgende Gegebenheiten müssen Sie berücksichtigen:

  1. Ich versuche, das ist mein zentrales Ziel, den Lesern dadurch zu helfen, dass ich ihnen die Sicht der real existierenden Praxis zu allen möglichen berufsrelevanten Konstellationen und Fragen vermittle. An der reinen Darstellung einer Scheinwelt, wie allein ich sie mir vorstelle, hätte ein Publikum vielleicht drei Wochen lang Interesse gezeigt, nicht aber seit über dreißig Jahren.
  2. Viele Leser, einige noch Studenten, andere mit dreißig oder mehr Jahren Praxis „im Gepäck“, verfolgen diese Serie. Sie vergleichen meine Aussagen mit dem, was sie selbst erleben, von anderen hören oder sonst wie in Erfahrung gebracht haben. Würde die Mehrheit von ihnen zu dem Schluss kommen, es sei schlicht falsch, was ich da als angebliche „Stimme aus der Praxis“ berichte, hätte diese Rubrik nicht so lange überlebt. Es gibt im Gegenteil immer wieder zahlreiche Zuschriften, die mich nicht nur bestätigen, sondern sogar hervorheben, wie wichtig manche bis viele meiner Hilfestellungen für den Erfolg der eigenen Karriere gewesen sind.
  3. Es ist also kein wirklich ernstzunehmendes Gegenargument zu meinen Ausführungen, wenn ein Berufsanfänger etwa sagt: „Das gefällt mir alles nicht, was der da sagt.“ Das ist sein Recht – aber auch schade, denn in und von dieser Praxis will der künftige Angestellte ja leben, dort will er freudig seinem Beruf nachgehen und Karriere machen. Nicht ohne Grund heißt diese Rubrik ja „Karriereberatung“, nicht etwa „berufsphilosophische Betrachtungen über eine bessere Berufswelt“.
  4. Wenn mein Argument Nummer zwei stimmt, wovon ich zutiefst überzeugt sein darf nach so vielen Jahren, dann sagt jemand, der als Anfänger die Mehrzahl meiner Aussagen ablehnt, eigentlich damit auch nur: „Ich weiß offensichtlich (noch) viel zu wenig über diese berufliche Welt. Ich glaube, ich muss mich schleunigst besser darüber informieren, wenn ich dort erfolgreich arbeiten will.“
  5. Zum Detail, also der konkreten Hilfe für den jeweiligen Einsender/die jeweilige Einsenderin: Diese Zeitung gibt in ihren Daten an, sie habe ca. 365 000 Leser, ich glaube das gern. Nun werden die nicht alle meine Rubrik regelmäßig verfolgen. Ich kenne die entsprechende Quote nicht, muss also spekulieren. Wie viele meiner Leser geben Sie mir? Zwei Drittel, die Hälfte, ein Drittel? Sagen wir einmal 100 000. Wessen Interessen dient dann wohl vorrangig eine so umfangreiche Rubrik? Denen der 100 000 – notfalls unter Beeinträchtigung der Gemütslage des einen Einsenders oder ganz eindeutig denen des einen Einsenders – notfalls unter Missachtung der Belange der übrigen 99 999 Leser?

Nein, diese Rubrik soll und muss jeweils möglichst vielen der 100 000 (fiktiven) Lesern etwas geben, muss sie – wenn sie schon nicht persönlich von vergleichbaren Problemen betroffen sind – allgemein informieren über das berufliche „System“, muss ihr entsprechendes Wissen vergrößern und soll sie auch unterhalten. Regeldiskussionen können nämlich sehr, sehr trocken sein.

  1. Zur konkreten Hilfe für jene Einsenderin: Mein Vorgehen ist jeweils ein Kompromiss zwischen ihren Interessen und dem, was im vorigen Punkt steht. Offenbar gelingt das ganz gut, siehe Nummer eins und Nummer zwei.

Sie beziehen sich nun ganz speziell auf den ersten Teil jener Frage 2.969. Dort ging es um die Formulierung: „… hatte ich es nicht geschafft, die Gesprächspartner von mich (!) zu überzeugen.“ Da kräuselte sich mir die Magenschleimhaut.

Und das hilft. Es nützt der – anonym bleibenden – Einsenderin und vermutlich noch einigen anderen Lesern, indem es sie zur Vorsicht anhält.

Natürlich, ich bin flexibel und hätte auch so antworten können: „Gut gebrüllt, Löwin. Das ist alles zwar nicht toll gelaufen damals, aber Sie haben es immerhin toll geschildert. Nun mögen kleinliche Kritiker meinen, ‚mir‘ und ‚mich‘ solle man so ab der zweiten Klasse nicht mehr verwechseln, aber hören Sie nicht auf die. Es ändert sich ohnehin alles in immer kürzeren Zeiträumen und vielleicht wird Ihre Variante in fünfzig Jahren neuer Standard. Und wenn ein Bewerbungsleser daran Anstoß nimmt – meiden Sie den Saftladen und gehen Sie woanders hin. Wer schon die Bewerbung kritisiert, dem missfallen vermutlich später auch Ihre Berichte, Protokolle und Dokumentationen. Tun Sie sich das bloß nicht an!“ Hätte ich schreiben können – aber wem würde das etwas nützen?

Und abschließend zum zentralen Thema: Lesen Sie den ganzen damaligen Beitrag mit Frage und Antwort noch einmal bis zum Ende meiner Anmerkungen zu „Frage/5“. Ich habe ein gutes Gewissen auch dieser Einsenderin gegenüber – und den anderen 99 999 Lesern ebenfalls.

Geben Sie Ihrem Sohn noch fünf bis zehn Jahre in der Praxis und fragen Sie ihn dann noch einmal. Ich gehe davon aus, dass sein Urteil dann ein anderes sein wird.

Fragt sich eigentlich wirklich niemand meiner (fast) ausnahmslos akademisch gebildeten Kritiker, warum ich mir die Mühe machen sollte, über einen so langen Zeitraum ein total falsches Bild der Praxis zu zeichnen und warum diese Zeitung das Jahr für Jahr auch noch druckt? Und damit auch das noch einmal klar gesagt wird: Ich garantiere für eine ganze Reihe ranghoher deutscher Entscheidungsträger, die eine Bewerbung oder ein dienstliches Schriftstück, in dem ein deutscher Akademiker in seiner Muttersprache „mir“ und „mich“ verwechselt, empört von ihrem Tisch fegen mit dem Zusatz, sie wünschten auf diesem Niveau nicht mehr belästigt zu werden. Nun ist jeder Leser zumindest gewarnt.

 

Frage-Nr.: 2.977
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-11-02

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Entwicklungsingenieur optische Sensorsysteme (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Entwicklungsingenieur für EUV-Technologien (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Projektleiter Justage- und Korrekturprozesse (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Ingenieur für die Entwicklung & Integration von Komponenten (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Modulverantwortlicher Projektionsoptik (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group High Tech Nano Solutions Administrator (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Systemigenieur Thermal (m/w/x) Oberkochen
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Projektleiter Produktentwicklung embedded Systeme & Komponenten (m/w/x) Oberkochen
FH Aachen-Firmenlogo
FH Aachen Professur "Automation in der Gebäudetechnik" Aachen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Vertriebsingenieur für die Region Afrika (m/w/d) Stuttgart

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…