Heiko Mell

Frauenquote: Stabilbaukasten vs. Puppenstube?

Frage 1:

Auch ich kann bestätigen, dass seinerzeit im Grundlagenstudium, in dem die angehenden Ingenieure verschiedener Fachrichtungen zusammengefasst waren, nur eine einzige Frau vertreten war. Offensichtlich spielt bei der Berufswahl die Kindheit eine Rolle, in der den Mädchen eine Puppenstube und den Jungen ein Stabilbaukasten geschenkt wurde.

Antwort 1:

Wenn Sie wüssten! Ich glaube, Sie haben lange keinen Stabilbaukasten an einen Jungen verschenkt. Ich jedoch habe – und dabei einen totalen Reinfall erlebt: Mein Enkelsohn war sieben Jahre alt, besuchte die Grundschule (2. Klasse) und wurde aus den üblichen familiären Anlässen für ein paar Stunden von mir betreut.

Seine ganze Leidenschaft galt und gilt irgendwelchen merkwürdigen Computerspielen, deren Sinn sich Menschen wie mir nicht einmal andeutungsweise erschließt. Aber: Die anderen Kinder (fast alles Jungen) sind ähnlich fanatisch auf diese eigenartige Beschäftigung ausgerichtet. Meine früheren Versuche, durch Argumentation oder Hinweise etwa auf ein „gutes Buch“ gegenzusteuern, waren völlig ohne Resultat geblieben. Nun lief sein Tablet bei mir nicht. Irgendetwas zwischen „kein WLAN“ und „Akku leer“, wie er verkündete. So etwas mündet leicht in eine Katastrophe, denn ohne funktionierende Spielebasis wird die Geschichte für die Aufsichtsperson leicht unerfreulich.

Aber ich hatte die vermeintlich rettende Idee: Beim Aufräumen war mir ein fast neuwertiger, ziemlich kompletter Stabilbaukasten in die Hände gefallen. Ich überreichte ihn feierlich, erklärte das Prinzip, wies auf die Funktion der gelochten Streifen, Rollen, Fixierungsschrauben und sonstiger Kleinteile hin, zeigte ihm die Baupläne sowie die Bauanleitung und lehnte mich im Bewusstsein zurück, hier irgendwie ein besonders gutes Werk getan zu haben.

Mein Enkel, der einen Lego-Bausatz „Kampfstern XY“ eigenständig und ohne erkennbare Probleme zusammenfügt, zeigte nur eine irgendwie gequält wirkende Aufmerksamkeit. Dann untersuchte er die Details. Man sah es ihm an: Kein Netzanschluss, kein Bildschirm, keine nervenden Piepgeräusche – das Ding starb einen grausamen Tod wegen absoluten Desinteresses. Lustlos schob er ein paar Rollen auf die Wellen, spielte auch mit dem Schraubendreher an den Feststellschrauben, das war’s dann. Immerhin hat er seine Teile wieder abgebaut und recht ordentlich im Karton verstaut. Sein Blick am Schluss der Episode drückte Mitleid mit mir aus. Immerhin – er hätte auch Zorn im Repertoire gehabt.

Seine zwei Jahre ältere Schwester hat ihre ebenso kompromisslos verfolgte „Rosa-Phase“ inzwischen hinter sich. Sie hatte sich zu den entsprechenden Gelegenheiten Puppenwagen, Puppenhäuser und andere „mädchengerechte“ Spielsachen einschließlich entsprechender Bausätze gewünscht – und ein Fahrrad, nicht als Bausatz, aber natürlich in Rosa. Inzwischen spielt sie mit ihrem Bruder gelegentlich auch jene Spiele am Computer, aber der Fanatismus geht ihr erkennbar ab.

Nun sind zwei Enkelkinder keine Basis, auf der man eine Statistik aufbauen kann. Und obwohl meine beiden seit Jahren selbst geschlechtsspezifische Wünsche äußern und nicht einfach etwas überreicht bekommen, was die Eltern und andere für angemessen halten, ließe sich doch leicht behaupten, eben diese Schenkenden hätten die Kinder vorher intensiv entsprechend beeinflusst.

Wie auch immer – mit dem Geschenk „Stabilbaukasten“ machen Sie aus einem Jungen noch keinen zukünftigen Ingenieur, verscherzen sich aber vielleicht die Anerkennung als ernstzunehmende Autoritätsperson durch das Kind. Bei einem Mädchen habe ich noch nicht versucht, mit diesem Baukasten technisches Interesse zu wecken. Vielleicht sollte man es probieren – mit rosa lackierten Teilen?

Oder hätte ein Computerspiel „Wir bauen eine Maschine aus 500 Einzelteilen“ (die dann verblüffend den Stabilbaukasten-Elementen ähneln) eine Chance? Ich weiß es nicht, aber möglich wäre es.

Frage 2:

Aber es gab früher auch schon Ausnahmen, wie beispielsweise Marie Curie oder Lise Meitner

Dass die Politik jetzt mit aller Gewalt Frauen in die Vorstände von DAX-Konzernen bringen will, zeigt, dass sie sich nicht genügend mit der Realität auskennt, denn momentan sind entsprechend qualifizierte Frauen in der erforderlichen Anzahl, damit wirklich aus Auswahl stattfinden kann, nicht verfügbar. Das Problem wird sich nur mittelfristig lösen lassen, indem eben mit dem „Girls‘ Day“ oder auch dem „VDIni Club“ Mädchen an die Technik herangeführt werden.

Vom VDE werden zusammen mit einer Stiftung Dr.-Ingenieurinnen, die mit Auszeichnung promoviert haben, im Rahmen einer Jahrestagung mit einem Preisgeld ausgezeichnet. Diesem Modell hat sich der VDI angesch

lossen, sodass auch herausragende Dr.-Ingenieurinnen der anderen technischen Fächer erfasst werden.

Ziel ist, dass sich möglichst viele promovierende Ingenieurinnen beim VDE bzw. VDI melden oder überhaupt zu einer Promotion angespornt werden.

Antwort 2:

Ich unterstütze jede Förderung von Frauen auf dem Weg in die Technik und/oder zur Karriere in diesem Bereich. Aber ich bin ebenso engagiert gegen jegliche Quotenregelung. Wenn man einer so großen, selbstbewussten Bevölkerungsgruppe die Wege nach oben öffnet bzw. sie bei deren Beschreitung auch noch aktiv unterstützt, darf man beruhigt mit dem Resultat leben, das sich dann ergibt. Andernfalls drohen Quoten für Führungskräfte aus östlichen Bundesländern oder aus Unterfranken oder für evangelische Studenten in Biologie oder Physik.

Quoten für Geschlechter in Führungsmannschaften von Unternehmen können sich nur Leute ausdenken, die weder dort beschäftigt noch für die Positionsbesetzungen zuständig sind. Da möge sich doch die Politik auf die Zusammensetzung ihrer Parteigremien beschränken. Wenn ich entsprechende Bemühungen einer bisherigen Volkspartei bei der Besetzung ihrer Spitzenposition verfolge, teile ich meine Skepsis gegen vorgegebene Quoten immerhin mit einem ehemaligen Bundeskanzler.

Nun, lassen wir das für heute. Zu Ihrem konkreten Anliegen, geehrter Einsender: Ich glaube, dass die von Ihnen herausgestellte Förderung von Dr.-Ingenieurinnen, die mit Auszeichnung promoviert haben, in jedem Fall eine Förderung von „Frauen in der Technik“ mit sich bringen kann und wird. Und vielleicht ziehen die so herausgehobenen Frauen andere nach und verbreitern so die Basis für den Aufstieg weiblicher Führungskräfte. Das ist unbedingt ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber man muss auch sehen: Die Konzentration der von Ihnen angesprochenen Förderung auf Auszeichnungs-Promotionen hat mit der stärkeren Verankerung von Frauen in Top-Führungspositionen der Industrie unmittelbar nichts zu tun.

Denn für eine entsprechende Laufbahn bis in die Vorstandsetagen ist eine Promotion nicht erforderlich – und eine mit Auszeichnung vielleicht sogar keine uneingeschränkte Empfehlung, vorsichtig gesagt. Die besonderen Begabungen solcher Kandidatinnen dürften überwiegend auf anderen, mehr technisch-wissenschaftlichen Gebieten liegen. Dort können sie Hervorragendes leisten und so mittelbar eine Sogwirkung auf andere junge Frauen ausüben, sich mehr technischen Disziplinen zu widmen.

Aber wenn Sie auflisten würden, was eine erfolgreiche Top-Führungskraft ausmacht, käme auf den vorderen Plätzen keine „Promotion mit Auszeichnung“ vor. Nach meinen Erfahrungen haben gerade die typischen (auch männlichen) Einser-Kandidaten oft spezielle Probleme auf dem Weg nach oben. Meine Analyse ergibt: Sie sind oft zu anspruchsvoll, haben höhere Erwartungen an das „System“ als dieses erfüllen kann. Das führt irgendwann auf dem Weg nach oben zu Reibungsverlusten.

Wer als Frau aus eigener Kraft dorthin will, wo andere sie als „Quotenfrau“ hinbringen wollen, ist nach meiner Erfahrung besser beraten mit: einer soliden technischen Basis, Bereitschaft zum Engagement und ausgeprägtem Leistungs- sowie Aufstiegswillen, der Fähigkeit, sich in dieser Gruppe zu behaupten und zu profilieren, Flexibilität, Cleverness, Präsentationsstärke und einer guten Portion Durchsetzungsvermögen. Je mehr sie konsequent erreichen will und auf die oberen Rangstufen ihrer persönlichen Prioritätenliste setzt, desto mehr schafft sie auch.

 

Service für Querleser

Vermutlich ist die gezielte Förderung von Spitzenleistungen im Promotionsbereich ein wichtiger Baustein zur allgemeinen Förderung von Frauen in der Technik. Zu mehr Frauen im Vorstand von DAX-Konzernen führt sie jedoch nur sehr mittelbar. Aber jeder einzelne Schritt hilft, auch dieser.

 

Frage-Nr.: 3.035
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-10-04

Von Heiko Mell

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