Heiko Mell

„Befehlsverweigerung“: in Grenzfällen ratsam?

Frage/1:

Bei den häufigen Berichten über Dieselskandal und Boeing 737 Max habe ich mich an eine Begebenheit aus meiner Arbeit erinnert:

Vor ein paar Jahren hatte mein damaliger Vorgesetzter mir (Software-Ingenieur) den Auftrag erteilt, eine Funktion einzubauen, mit der einzelne Umsätze gelöscht und damit vor dem Finanzamt versteckt werden können. Das Argument war, dass die Kunden das so wünschten und dass eine ähnliche Funktion auch in den Produkten der Konkurrenz eingebaut wäre. Aus verschiedenen Gründen wurde dieses Projekt dann aber doch anders realisiert. Ich habe vor einigen Jahren die Firma verlassen.

Antwort/1:

Zu Ihrer Rolle als weisungsgebundener Mitarbeiter kommen wir gleich. Ich gehe aber vorher auf zwei Parteien in diesem Drama ein, die bei einer Diskussion oft zu kurz kommen:

  1. a) Das Unternehmen bzw. die höheren Entscheidungsebenen oberhalb der hier angesprochenen Vorgesetzten:

Ein solches Vorgehen ist ein Zeichen für eine äußerst kritische Führungsstruktur und Unternehmenskultur. Es löst mittel- bis langfristig die entsprechenden Probleme nicht, es verdeckt sie höchstens oder verlagert sie in die Zukunft, wo ihre Auswirkungen meist deutlich stärker sind.

Denn in der Regel (bei Kapitalgesellschaften immer und bei Privatunternehmen immer dann, wenn sie von angestellten Managern geführt werden) kann nicht „das Unternehmen“ solche Handlungen beschließen oder durchführen – denn das Unternehmen ist nur ein „dummes Stück Papier im Handelsregister“, das in keiner Weise aktiv handeln kann. Es muss Menschen bevollmächtigen oder beauftragen, in seinem Sinne zu handeln. Diese Menschen sind nur auf Zeit durch kündbare Verträge an die Gesellschaft gebunden. Ihre Loyalität hat Grenzen, sie endet meist beim Ausscheiden aus der Firma. Und fühlt sich ein solcher Angestellter, gleichgültig, auf welcher Ebene er tätig ist, schon vorher ungerecht behandelt, erlischt seine Loyalität bereits, während er noch dort beschäftigt ist.

Daher gilt für „das Unternehmen“ die Warnung: Wenn mehr als eine Person in eine solche Aktion verwickelt ist, muss mit einer Aufdeckung der ganzen fragwürdigen Aktion gerechnet werden. Menschen reden, schreiben Briefe, rächen sich, sagen – unter Druck gesetzt – die Wahrheit.

Fazit: Aus der Sicht des Unternehmens ist solch ein Vorgehen keine Lösung. Es kann durchaus bitter sein, in einer schwierigen Situation auf entsprechende, scheinbar hilfreiche Aktionen verzichten und Nachteile hinnehmen zu müssen – aber der Schaden durch Anordnung illegaler Handlungen ist fast immer größer, ein „Nutzen“ ergibt sich stets nur temporär. Denn das lehrt die Erfahrung: Die Wahrheit kommt irgendwann ans Licht.

  1. b) Das eigentliche „arme Schwein“ bei solchen Aktionen ist oft der anweisende Vorgesetzte. Praktisch niemals wird er sich zu diesem Schritt „einfach so“ entschließen, sondern er steht dann unter dem Druck seiner Chefs, die entweder ein auf legalem Wege unerreichbares Ziel abstecken (an dessen Erfüllung seine berufliche Existenz hängt) oder die sogar aktiv den „krummen Weg“ vorgeben.

Als Führungskraft steht dieser Vorgesetzte höher als der für die Ausführung zuständige Sachbearbeiter – also kann er auch tiefer fallen, er hat mehr zu verlieren. Und von ihm erwarten seine Chefs mehr Loyalität, mehr Einsatz für die Interessen des Unternehmens als von Mitarbeitern der ausführenden Ebene.

Und dann muss er sich mit der Anweisung zur Ausführung der fraglichen Handlung auf sehr glattes Eis begeben: Sein angesprochener Mitarbeiter kann ablehnen, dann hat der Vorgesetzte auch noch ein Führungsproblem. In jedem Fall aber ist dieser Mitarbeiter ein Zeuge für die erteilte Weisung zum illegalen Handeln. Gleichgültig wie der angewiesene Mitarbeiter reagiert – der Vorgesetzte hat ab sofort eine Art Zeitbombe in seinem Büro, er hat Mitwisser über und unter sich.

Was er auch weiß: Geht diese Zeitbombe eines Tages hoch (z. B. weil der ausführende Mitarbeiter sich bei der nächsten Gehaltserhöhung schlecht behandelt fühlt und plötzlich doch auf sein Gewissen hört), dann werden ihn seine Chefs garantiert „allein im Regen stehen“ lassen.

Käme er auf die Idee, das Ansinnen seiner Chefs höheren Orts im Unternehmen oder gar bei Behörden anzuzeigen, würde er seine komplette berufliche Existenz gefährden: Ein Sachbearbeiter, der seinen Chef entsprechend „anschwärzt“, ist schon schlimm, aber ein entsprechend handelnder Abteilungsleiter ist ungleich kritischer zu sehen, niemand würde mehr „ein Stück Brot“ von ihm nehmen.

Für ihn gibt es vom ersten Schritt auf diesem Wege an gar keine saubere Lösung mehr. Er kann nur noch einen individuellen Ausweg suchen und hoffen. Was immer er tut, birgt ein extrem hohes Risiko.

Frage/2:

Nun meine Frage, die sicher auch andere Leser interessieren wird:

Wie verhalte ich mich als Ingenieur, wenn ich von meinem Vorgesetzten den Auftrag erhalte, illegale oder sicherheitsgefährdende Funktionen in ein Produkt einzubauen? Wahrscheinlich stand auch ein Ingenieur, der die illegale Abschaltvorrichtung in die Motorensteuerung einbauen oder der nur einen statt der zwei vorhandenen Sensoren für die MCAS aktivieren sollte, vor dieser Entscheidung. Ich sehe hier folgende Möglichkeiten:

  1. Der Auftrag wird ausgeführt. In den meisten Fällen scheint das so gelaufen zu sein. Das Risiko: Bei einer späteren Untersuchung kann es durchaus passieren, dass der Vorgesetzte die Erteilung dieses Auftrages bestreitet.
  2. Ich weigere mich. Das führt sicherlich nicht zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen (auch beim Militär darf ein rechtswidriger Befehl nicht ausgeführt werden), aber ich werde wahrscheinlich in dieser Abteilung nicht mehr vorankommen.
  3. Ich wende mich an eine „höhere Stelle“. Auch dabei habe ich wahrscheinlich Probleme: Die Geschäftsleitung weiß Bescheid und hat vielleicht genau das nach unten weitergegeben. Dann ist mein Vorgesetzter nicht sehr erfreut, dass ich mich hinter seinem Rücken nach „oben“ gewandt habe. Falls die Geschäftsleitung mit dem illegalen Vorgehen aber nicht einverstanden ist und mein Vorgesetzter einen Rüffel von oben bekommt, sieht meine Zukunft in dieser Abteilung auch nicht mehr rosig aus.
  4. Ich wende mich als „Whistleblower“ an die Öffentlichkeit. Das findet natürlich nur in sehr gravierenden Fällen Interesse (aber im Fall „737 Max“ hätte es vielleicht das Leben von einigen hundert Menschen gerettet). Ein weiterer Verbleib in der Firma ist damit aber fast ausgeschlossen und ich tue gut daran, mir schon vorher eine neue Arbeitsstelle zu suchen.

Antwort/2:

Ihre Schlussfolgerungen sind in allen vier Fällen grundsätzlich richtig. Ich befürchte nur, dass die Konsequenzen jeweils noch schlimmer sind.

Zu 1.: Vergessen Sie nicht, dass Sie dabei die illegale Handlung ausgeführt hätten – Sie wären der Täter. Die Anweisung durch Ihren Vorgesetzten (die natürlich nur mündlich gegeben wurde) könnten Sie nicht beweisen. Und falls doch, ist völlig unklar, ob die Gerichte Sie dadurch als entlastet ansehen und nicht etwa von Ihnen erwartet hätten, den „Befehl“ zu verweigern. Oder sich wenigstens vertrauensvoll an die Geschäftsleitung zu wenden.

Zu 2.: Sie würden nicht wegen der Weigerung entlassen werden. Aber Ihr Vorgesetzter müsste unbedingt versuchen, Sie als lästigen Zeugen einer geplanten illegalen Handlung loszuwerden. Er würde Sie aus dem Unternehmen drängen müssen, weil Sie eine potenzielle „Zeitbombe“ wären, die jederzeit seine Existenz gefährden könnte. Käme eines Tages eine solche illegale Handlung ans Licht, dann wüssten Sie, wer die Weisung dazu gegeben – und eben einen anderen „Willigen“ gefunden hätte.

Zu 3.: Man liebt den Verrat, aber hasst den Verräter. Die Geschäftsleitung wird natürlich stets eine Mitwisser- oder Urheberschaft abstreiten und völlig überrascht tun. Selbst wenn die Überraschung echt ist, bleibt: Wer heute seinen Chef anschwärzt, meldet vielleicht morgen Verstöße der Unternehmensleitung ans Finanzamt. Und Ihr direkter Vorgesetzter wäre – so oder so – ab sofort Ihr „Todfeind“. Ihre Zukunft wäre nicht nur in der Abteilung, sondern im ganzen Unternehmen nicht mehr rosig. Und manche Branchen sind so eng, dass Ihnen ein entsprechender „Ruf“ über Unternehmensgrenzen hinweg folgen könnte. Und, denken Sie daran, „man hasst den Verräter“.

Zu 4.: Das mit den geretteten Leben ist Spekulation. Übrigens würde Ihnen bei dieser Variante Ihr „Ruf“ garantiert bis über die Firmengrenzen hinweg vorauseilen – und Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt drastisch einschränken. Diese Variante hat etwas vom Hund, der die Hand beißt, die ihn füttert. Als Vorschlag für eigenes Handeln in einer Karriereberatung eignet sich diese Variante nicht.

Fazit: Bei Ihrer Nummer zwei wären Sie immerhin moralisch in einer akzeptablen Position. Wenn Sie dann noch dem unter hohem Druck stehenden, ziemlich verzweifelten Vorgesetzten versichern, Sie würden dieses Ansinnen garantiert „vergessen“, das Gespräch hätte es nie gegeben – und sich zügig nach einem neuen Arbeitgeber umsehen, dann haben Sie eine Chance, mit einem „blauen Auge“ aus der Geschichte herauszukommen.

Darüber hinaus ist jeder Arbeitgeber aufgerufen, seine Unternehmenskultur so klar auszurichten und dann auch überzeugend und glaubhaft zu „leben“, dass alle Vorgesetzten (= Vertreter der Unternehmensleitung nach unten) schon vorher wissen, ein solches Vorgehen werde im Hause niemals geduldet und Übertretungen würden streng geahndet. Denn die Angestellten sind abhängig beschäftigt, der Arbeitgeber hat ihnen gegenüber eine besondere Fürsorgepflicht. Ein Vorgehen, wie Sie es beschreiben, lässt sich damit absolut nicht vereinbaren.

Frage-Nr.: 3.053
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1/2/3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-10-01

Von Heiko Mell

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