Heiko Mell

Umzug, Familie etc.

Ich bin seit zwei Jahren als Abteilungsleiterin bei einem Unternehmen beschäftigt, das 100 km vom Wohnort entfernt liegt. Das sind täglich 200 km Fahrt bei steigenden Stauzeiten.

Die Position, die Aufgaben, die Firma und der Chef sind sehr gut. Ich habe aber zwei kleine Kinder, die werden mal krank, müssen mal früher in der Schule oder im Kindergarten abgeholt werden usw. Das führt zu Problemen unterschiedlicher Art. Home-Office oder flexible Arbeitszeiten lehnt mein Chef ab. Sein Kompromiss war ein Teilzeitvertrag, bei dem ich weniger verdiene und nicht weniger Arbeit habe, diese nimmt im Gegenteil immer mehr zu.

Ich sehe zwei Möglichkeiten:

a) Ich suche mir einen neuen Job in Wohnortnähe. Ich weiß aber nicht, wie ich Bewerbungsempfängern meinen Wechselwunsch erklären soll. Wenn ich nach ca. halbjähriger Suche einen vergleichbaren Job finde, hätte ich zweieinhalb Dienstjahre, vielleicht drei. Fünf wären besser, aber so lange halte ich die tägliche Belastung nicht aus.

„Rahmenbedingungen“ als Wechselgrund zu nennen, ist vermutlich auch nicht empfehlenswert.

b) Einer unserer Personaler riet mir, einen neuen Arbeitsvertrag zu suchen und den meinem Chef vorzulegen. Das Unternehmen würde dann vermutlich versuchen, mich zu besseren Arbeitsbedingungen zu halten (man hat Schwierigkeiten, an diesem Standort neue Mitarbeiter zu finden).

Mir kommt das wie Erpressung vor. Allerdings hat mein Chef „durch die Blume“ einen ähnlichen Tipp gegeben. Wenn ich aber einen neuen Vertrag ausgehandelt hätte, dann müsste der ja besser sein als der heutige. Wäre es auf der Basis überhaupt sinnvoll, beim heutigen Unternehmen zu bleiben?

Ich weiß nicht weiter. Ich liebe meinen Job, unendlich mehr aber meine Kinder. Eine Lösung für die Familie muss her, auch wenn es auf meine Kosten wäre.

Antwort:

Wir brauchen, dies als Beruhigung für Sie, gar nicht erst nach der zentralen Lösung zu suchen, es gibt sie nämlich nicht. Alles was wir können, ist nach dem kleineren Übel Ausschau zu halten.

Erste Generalaussage: Für eine Mutter mit zwei kleinen Kindern ist ein täglicher Anfahrtsweg von 100 km ganz schlicht zu lang! Höchstens ein Single ohne allzu viele private Verpflichtungen könnte damit eventuell (!) noch zurechtkommen.

Zweite Generalaussage: Sie setzen im letzten Absatz Ihre familiäre Situation auf Nummer eins Ihrer Prioritätenliste, damit bleibt dem Beruf nur die Nummer 2. Das erleichtert das Suchen nach Auswegen.

Dritte Generalaussage: Wenn man in einer komplexen Konstellation mit erfolgsentscheidenden Faktoren (z. B. in einer Anstellung) einen davon als Problem sieht und deswegen z. B. das gesamte Arbeitsverhältnis austauscht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass beim neuen Job neue Probleme auftauchen, die Sie im alten nicht hatten.

Auf dieser Basis arbeiten wir uns dann langsam vor. Übrigens: Ihre Variante b mit der (moralischen) „Erpressung“ kann es tatsächlich geben. Ihr Chef braucht gegenüber seinem Chef die Ausrede: „Diese Mitarbeiterin wäre sonst gegangen, sie hat mir ihr neues Vertragsangebot gezeigt. Wir müssen ihr entgegenkommen.“ Diese Welt ist schon ein wenig verrückt.

Also: Sie brauchen so oder so ein neues Vertragsangebot, müssen sich also bewerben. 2,5 Jahre Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber wären gefährlich kurz, weniger für diese Bewerbung als für Ihre Zukunft, aber Sie sehen ja, ob es überhaupt klappt. Probleme diesbezüglich gibt es noch nicht, wenn Sie sich bewerben, sondern erst nach Ihrer möglichen Unterschrift unter den neuen Vertrag.

Übrigens sind Sie heute Abteilungsleiterin in Teilzeit, vermutlich erstmals dorthin befördert in dieser Anstellung. Auf der Basis ist ein vergleichbarer Job kaum zu bekommen, ein besserer schon gar nicht. Ihre Beschränkung auf einen engen Radius um Ihre Wohnung reduziert die Chancen zusätzlich.

Wenn sich diese Suche erwartungsgemäß als schwierig erweist, stellen Sie Ihre heutige Position eher als Team- oder Gruppenleiterin dar und suchen Sie etwas auf diesem Niveau. Im äußersten Fall („Familie steht an erster Stelle“) suchen Sie sogar eine nichtleitende Position im Fachgebiet; dann dürfen Sie auch heute nur eine solche Stelle haben („ich bin verantwortlich für …“, nicht „ich leite die Abteilung…“). Die Gehaltswünsche müssten Sie diesem jeweiligen Status anpassen.

Keine Angst, Sie wollen den entsprechenden Vertrag gar nicht unterschreiben, Sie tun nur so. Begründung der Wechselabsicht: die Entfernung, während Sie alles andere am heutigen Umfeld loben. Vom Home-Office oder flexiblen Arbeitszeiten reden Sie besser gar nicht, wenn es nicht ausdrücklich in der Stellenanzeige steht.

Dann gehen Sie mit diesem Vertragsangebot zum heutigen Chef und sagen, Sie würden schweren Herzens das Angebot annehmen (trotz gewisser Nachteile), weil Sie anders Ihre familiären Probleme nicht lösen könnten. Aber Sie täten es höchst ungern und wären gern dort geblieben, wenn es doch nur die Chance gegeben hätte, über Home-Office und/oder flexible Arbeitszeiten zu einer Lösung zu kommen. Zu schade aber auch, Sie hätten so gern weiter für diesen Chef (und das Unternehmen) gearbeitet.

Und dann hoffen Sie, dass der Tipp des hauseigenen Personalers und die Andeutung „durch die Blume“ Ihres Chefs einen realen Hintergrund hatten. Klappt das nicht, unterschreiben Sie entweder das externe Angebot tatsächlich und kündigen oder Sie bitten intern um Überlegungsfrist von zwei bis drei Tagen und erklären dann, Sie hätten im neuen Vertragsangebot doch noch ein Haar in der Suppe gefunden und würden bleiben. Allerdings wäre Ihre Position dort dann sehr schwach, man würde mit Ihrer Kündigung in den nächsten Monaten rechnen, Sie stünden entsprechend unter Druck.

So wie Sie die Situation schildern, gehe ich von 70 % bis 80% Erfolgschancen aus. Und was ist schon ohne Risiko? Schließlich wollen Sie ein Ziel erreichen, das kostet immer einen Preis.

Damit wir uns nicht missverstehen: Eine saubere, rundum empfehlenswerte Lösung ist das nicht. Besonders fair gegenüber dem Bewerbungsempfänger ist das auch nicht. Aber auch der hat eine reale Chance: Vielleicht bietet er Ihnen so tolle Bedingungen an, dass Sie auf das ganze „Theater“ beim heutigen Unternehmen verzichten und doch beim neuen unterschreiben. Wenn Sie dort sieben Jahre bleiben, sind Ihre heutigen 2,5 Jahre vergessen.

Ich bin übrigens recht skeptisch, was Ihre Chancen auf langfristigen Verbleib beim heutigen Arbeitgeber angeht, auch wenn der Ihnen entgegenkommt. Eine Abteilungsleitung vom Home-Office aus ist sehr schwierig, besonders bei 100 km Entfernung und in Teilzeit. Planen Sie für eine solche Phase etwa zwei bis drei Jahre ein – und gehen Sie dann wirklich.

Kurzantwort:

Manche Probleme, insbesondere wenn Persönliches mit Beruflichem konkurriert, finden kaum eine wirklich überzeugende Lösung – man kann sich oft nur für das kleinere Übel entscheiden.

Frage-Nr.: 2884
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-05-18

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