Heiko Mell

Konfliktlösungskonzept hilft auch anderswo

Bitte lassen Sie mich zu Ihrem Beitrag „Notizen aus der Praxis Nr. 471 ‚Konflikt mit dem Chef‘“ noch etwas ergänzen: 

Nicht nur Chefs sitzen am längeren Hebel, auch Behörden oder – wie ich kürzlich erleben durfte – Zulassungsstellen für entsprechend zulassungspflichtige Produkte. Als Regulatory Affairs Manager war ich mit der Abwicklung der Zulassung eines … betraut und hatte in diesem Zusammenhang mit einem Experten für …-Sicherheit bei der entsprechenden Institution zu tun.

Während ich mit Chefs hervorragend zurechtkomme und als besonnener und umgänglicher Mensch gelte, geriet ich mit dem Experten dieser Institution bei jedem Telefonat aneinander. Er stellte immer neue Forderungen und kam uns keinen Millimeter entgegen. Ich hielt ihn für einen bornierten Bürokraten, der einfach nicht intelligent genug war, um unseren Argumentationen zu folgen. Das Projekt drohte zu scheitern, alle Vorarbeit wäre umsonst gewesen.

Dass die Zulassung am Ende doch gelang, lag daran, dass ich meine Einstellung dem Experten gegenüber geändert hatte – und ihn wie meine Chefs behandelte. Mit Demut, Respekt und einem Minimum an Widerspruch.

Fazit: Man muss erkennen, wann man am kürzeren Hebel sitzt. Das ist im Berufsleben beim eigenen Chef der Fall, aber durchaus auch bei anderen, externen Geschäftspartnern, die die Macht haben, Projekte scheitern zu lassen.

Vielen Dank für Ihre Karriereberatung, die ich seit mehr als 20 Jahren mit großem Interesse verfolge.

Antwort:

Korrekt hieß mein damaliger Beitrag: „Im Konflikt mit dem Chef? Dann haben Sie angefangen!“ Das Beispiel unseres Einsenders passt ganz gut dazu: Denn auch er hatte „angefangen“ – indem er seinen wichtigen Partner für nicht intelligent genug hielt, um seiner Argumentation folgen zu können. Nun, es ist ein Kreuz mit den Dummen: Ihre Restintelligenz reicht immer noch aus um zu merken, dass man sie für dumm hält. Das gilt für externe Experten ebenso wie für Chefs.

Vorsichtshalber greife ich mir einen Satz unseres Einsenders heraus, der ganz sicher nicht jedem gefallen wird: Er ging auf seinen Partner, der Macht hatte über ihn und der tatsächlich seine Karriere hätte beeinträchtigen können, indem er die Zulassung des Produktes ablehnte, mit „Demut, Respekt und einem Minimum an Widerspruch“ zu. Dann liefen die Dinge wie erwartet.

Das wird nicht jedem gefallen, es klingt in manchen Ohren zu arg nach einem „Zu-Kreuze-Kriechen“ oder nach noch Schlimmerem. Jedenfalls klingt es nicht so recht nach „ungehemmter Entfaltung der eigenen Persönlichkeit“ oder nach dem „selbstbewussten Auftreten eines freien Mannes in einem freien Land“.

Schlicht gesagt: Das kann auch nicht so klingen, weil unser Einsender den Fehler gemacht hat, sich in die Abhängigkeit zu begeben. Er ist abhängig von seinem Arbeitgeber (offizielle Definition des Angestellten), der Selbstständige wiederum ist abhängig von seinen Kunden – und beide sind abhängig von externen Partnern, die ihnen irgendetwas genehmigen oder erlauben sollen. Und: Ein bisschen Demut hat noch niemandem geschadet.

Frage-Nr.: 2864
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-02-23

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