Heiko Mell

Elternzeit für Väter

Ich bin Bachelor und Master einer technischen Disziplin mit sehr gutem Examen, „um die 30“, im Anschluss an das Studium direkt bei einem Großunternehmen eingestiegen und dort inzwischen fachlicher Leiter einer Entwicklungsgruppe.

In Kürze erwarten meine Frau und ich unser erstes Kind. Direkt im Anschluss an die Geburt möchte ich einige Wochen Urlaub nehmen, ca. ein Jahr nach der Geburt eine Elternzeit. Außerdem bzw. alternativ kann ich mir eine zeitlich beschränkte Reduzierung meiner Arbeitszeit gut vorstellen.

Nun stellt sich mir die Frage, wie ich das am besten „anstelle“, ohne meiner Karriere dadurch übermäßig zu schaden. Ich gehe davon aus, dass ich mit einigem Widerstand meines Arbeitgebers rechnen muss (es gibt viel zu tun, man schätzt meine Arbeit und will mich „halten“).

Ich denke, ich passe ganz gut in das Bild der Generation von Mitarbeitern, die auch in Frage 2809 „Anpassung an die Generation Y“ thematisiert wird.

Mir ist beruflicher Erfolg wichtig und ich bin bereit, entsprechende Leistungen zu bringen, allerdings nicht um jeden Preis (insbesondere hinsichtlich Arbeitszeit). Ich versuche, für mich eine angemessene Balance zu finden.

Viele Unternehmen stellen sich „offiziell“ sehr familienfreundlich dar, tatsächlich ist es häufig schwer für die Mitarbeiter (insbesondere Männer), die Angebote in Anspruch zu nehmen. Viele der (meist ebenfalls männlichen) Führungskräfte haben wenig Verständnis für entsprechende Anliegen. In deren Augen hat für ambitionierte Mitarbeiter die Arbeit stets die oberste Priorität zu haben (mit entsprechendem zeitlichen Einsatz). Dies mag auch daran liegen, dass die Führungskräfte meist früheren Generationen angehören und entsprechend geprägt sind.

Welche Kommunikationsstrategie (wann mit wem sprechen?) schlagen Sie werdenden Vätern vor? Wie „hartnäckig“ kann man auf diesen „Auszeiten“ bestehen und wodurch verschafft man sich einen negativen Ruf, von dem man sich nicht mehr ohne Weiteres erholt?

Bei der Gelegenheit möchte auch ich mich für Ihre langjährige Tätigkeit im Rahmen dieser Karriereberatung bedanken! Sie haben mir und sicher unzähligen weiteren Ingenieuren außerordentlich wertvolle Einblicke in „das System“ und für den Umgang damit gegeben.

Antwort:

Ich muss hier unbedingt ein Lob aussprechen: Sie vertreten einen klaren Standpunkt, argumentieren abgewogen, berücksichtigen den Blickwinkel der „Gegenseite“ und machen sich Gedanken darüber, worauf dieser denn wohl beruhen könnte, Sie wägen Risiken ab – vor allem handeln Sie nicht erst und denken dann.

Die einzige kleine Einschränkung, die ich sehe, liegt darin, dass Sie in Ihrem zentralen Fragesatz Ihr Anliegen „sozialisieren“, also durch die Hintertür für allgemeingültig erklären – was es nicht ist. Sie schreiben: „Welche Kommunikationsstrategie … schlagen Sie werdenden Vätern vor?“ Dort fehlt der Zusatz „…, die wie ich die Arbeitszeit reduzieren wollen“. Gereicht hätte auch: „… schlagen Sie werdenden Vätern wie mir/mit meinen Wünschen vor?“

Aber natürlich weiß man, was gemeint war – was keineswegs für alle Briefe gilt, die man so zugesandt bekommt.Sie haben mir – wie so viele Einsender – den Namen Ihres Arbeitgebers anvertraut. Ich weiß zufällig, dass man dort offiziell tatsächlich eine sehr familienfreundliche Einstellung propagiert und in vielen Fällen auch praktiziert.

Es ist also durchaus denkbar, dass daraus eine „offizielle Firmenpolitik“ wird, die man in der Öffentlichkeit werbewirksam und imagefördernd darstellt – und hinter der vielleicht die Unternehmensleitung tatsächlich steht.

Aber, wie Sie richtig erkennen, sind für Sie Ihr Chef und dessen Chef näher als der Vorstand. Die Interessen dieser Vorgesetzten sind auf das Tagesgeschäft und die „hier und jetzt“ laufenden Projekte ausgerichtet. Dazu passt es nicht, dass junge, leistungsstarke Hoffnungsträger sich aus rein privatem Anlass für viele Monate oder gar Jahre von ihrer Tätigkeit verabschieden – und dann auch noch erwarten, hinterher fröhlich wieder in ihre früheren Tätigkeiten zurückkehren zu dürfen. Wer deren Jobs während des Ausfalls erledigt, ist eine ebenso wichtige Frage wie jene, ob bei diesem jungen Vater nun alle zwei Jahre neue Ausfallzeiten drohen.

Und, ein sachlich unerheblicher, emotional aber schwerwiegender Aspekt: Die etwas ältere Führungskraft hat vermutlich selbst mehrere Kinder „bekommen“, ohne dafür ihre „Arbeit zurückgedrängt“ zu haben.

Wenn jemand wie Sie, geehrter Einsender, vermutlich erst seit kurzer Zeit fachliche Leitungsverantwortung übertragen bekommen hat, ist das für den Chef oft besonders ärgerlich („Hätte er mir das vorher gesagt, hätte ich jemand anderen befördert“).

In Ihrer Darstellung hat das Thema „Arbeitszeit“ eine ziemliche Dominanz. Ich fürchte, dass zumindest heute (noch?) die so oft gesuchte Balance zwischen Arbeit und „Leben“ letztlich ein Trugschluss ist. Es beginnt damit, dass Arbeit für den anspruchsvollen Menschen nicht Gegenpol, sondern Teil des „Lebens“ ist. Der Mensch definiert sich vor allem über seinen Beruf, er ist Oberförster oder Fußball-Nationalspieler oder Leiter Entwicklung und nicht ein „Mensch mit X Freizeitstunden“.

Ich bin skeptisch, dass jene Balance wirklich funktioniert. Irgendein Kompromiss wird schon dabei herauskommen, häufig werden in beiden Bereichen nur mittlere Resultate möglich werden können.

Meine Lösung geht eher über klare Prioritäten: Entweder Beruf/Karriere als Nr. 1 – und dabei so viel Freizeit (ich weigere mich, sie „Leben“ zu nennen) wie irgend möglich oder die Freizeit wird als Nr. 1 gesetzt und dann noch so viel an Beruf und Karriere wie es dabei machbar ist.

Vorteil einer solchen Festlegung: Sie erleichtert anstehende Entscheidungen enorm und zeigt in Konfliktsituationen den Weg. Z. B. in Ihrer Situation:

Bei der Grundhaltung „Freizeit ist Nr.1, Karriere so viel wie dabei noch möglich“ gingen Sie zur Personalabteilung, informierten sich über die „Gepflogenheiten des Hauses“, über Ihre Rechte (vielleicht gibt es sogar spezielle Betriebsvereinbarungen dazu), lesen sorgfältig entsprechende gesetzliche Regelungen, machen einen Plan – und informieren Ihren Vorgesetzten zwar höflich, aber auch rein sachlich und bestimmt über Ihr Vorhaben. Eventuelle Nachteile bei Ihrer Karriereentwicklung nehmen Sie in Kauf, dafür haben Sie ja dann Ihr Ziel Nr.1 erreicht. Und als lebenserfahrener Mensch wissen Sie: Bei Vorhaben mit zwei gegenläufigen Zielen ist es schier unmöglich, zwei Top-Resultate zu erzielen.

Bei einer angenommenen Grundhaltung „Beruf/Karriere ist Nr.1, Freizeit so viel wie dabei noch möglich“ gingen Sie erst zu Ihrem Chef. Dem schildern Sie Ihr Problem (toller Job, den Sie heute haben, den Sie gern machen und absolut nicht verlieren möchten, insbesondere die fachliche Gruppenleitung nicht; und keinesfalls möchten Sie ihn enttäuschen, aber Sie stünden unter Druck: Ihre Frau wünsche sich eine baldige Rückkehr in den Beruf, die Familie dränge, im Freundeskreis werde der Väteranteil bei der Kinderbetreuung immer größer und, ganz ehrlich gesagt, auch Sie möchten diese einmalige Situation, mit Ihrem kleinen Kind Zeit zu verbringen, ein wenig genießen; Sie wüssten, dass dies früher nicht üblich und möglich gewesen wäre. Natürlich hätten Sie auch Verständnis für seine Situation – und auch Sie seien ja unbedingt daran interessiert, dass Ihre Aufgaben nicht einfach liegenblieben. Aber … Und dann ergründen Sie, zu welchem Kompromiss er bereit sein könnte.

In Ihrem Falle ist meiner Meinung nach eine Grundsatzentscheidung fällig: Was wollen Sie erreichen, welches Ziel streben Sie an?

Vielleicht können ein paar Randaspekte noch Entscheidungshilfe geben?

– Deutschland ist ein Land ohne besondere Ressourcen. Es lebt, wächst und gedeiht nur durch die Leistungen seiner Bewohner. Entscheiden sich alle davon für „mittleres“ berufliches Engagement, dann werden wir ein Land im mittleren Leistungsbereich, dessen Bewohner durchschnittliche berufliche Resultate erzielen. Mir ist Durchschnitt zu wenig – aber das darf jeder sehen, wie er will.

– Karriere – Ihre hat gerade im Ansatz begonnen – ist jederzeit problemlos abzustellen. Umgekehrt ist eine einmal heruntergefahrene Karriere später kaum bis gar nicht wieder hochzubringen.

– Wer als grundsätzlich mit viel Potenzial ausgestatteter Einser-Kandidat später seine Karriere zugunsten großzügiger Freizeitregelung zurückhält, riskiert zwei kritische Ergebnisse:

Im Laufe seiner Berufstätigkeit bekommt er mit höchster Wahrscheinlichkeit Chefs, die immer jünger werden als er es ist und die ihm in vielen Bereichen unterlegen sind, ihm aber sagen, wo es langgeht.

Irgendwann bekommt er das höchst unangenehme Gefühl, hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben zu sein. Das ist eine Basis für tiefe Frustrationen.

Zwei Anmerkungen will ich gern noch unterbringen:

a) Die Dinge sind im Fluss (das sind sie eigentlich seit Menschengedenken). Was heute teilweise neu, schwer zu realisieren ist und bei dessen Umsetzung Nachteile drohen, kann morgen reine Selbstverständlichkeit sein. Nur die „Pioniere“ einer neuen Idee müssen kämpfen, ihre Kinder genießen in diesem Bereich schon die Früchte – sind aber vielleicht auf einem anderen Gebiet wiederum hart kämpfende Vorreiter.

b) Jeder hat, auch ich habe, vollstes Verständnis für den Wunsch nach viel Freizeit und nach dem Bedürfnis, das eigene Kind in wichtigen Entwicklungsphasen intensiv zu begleiten. Es ist, da nicht alles gleichermaßen und gleichzeitig zu haben ist, eine Frage der Prioritäten, die man setzt. Das bleibt jedem überlassen. Freuen wir uns, dass wir diese Freiheit haben. Sie schließt die Freiheit Ihrer Chefs ein zu befördern, wen sie für geeignet halten. Auch deren Maßstäbe (siehe a) sind langfristig durchaus Änderungen unterworfen, dies als Trost.

PS: Die Politik hat die Elternzeit für Väter nicht etwa diesen zum Gefallen eingeführt. Es ging darum, die Interessen der Frauen zu fördern. Jetzt tragen sie nicht mehr allein das Schwangerschaftsrisiko, auch Männer können in dem Zusammenhang ausfallen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2847
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-11-10

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