Heiko Mell

Und wenn von meinen Leuten einer stirbt?

Mit großem Interesse verfolge ich schon seit Jahren Ihre Tipps und möchte mich nun selbst an Sie wenden. Ich habe mich in der letzten Zeit immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie ich als Chef im Falle eines Falles mit meinem Team umgehen sollte, falls unvermittelt einer von ihnen versterben würde. Ich stehe dieser Situation sehr unsicher gegenüber. Was würden Sie empfehlen?

Antwort:

Die Frage klingt so absurd, dass sie schon wieder gut ist. Sagen wir es so: Sie bewegt Sie, sonst würden Sie sie nicht stellen. Und deshalb will ich auch eine Antwort versuchen. Dabei bediene ich mich gern der bewährten Aufteilung in einzelne Aspekte:

1. Der Personalvorstand eines Konzerns, beispielsweise, und der Leiter eines Alten- und Pflegeheims müssen sich durchaus mit der Frage beschäftigen – und im ersten Fall vielleicht, im zweiten ganz sicher Regeln dafür aufstellen und Prozesse entwickeln (lassen). Weil im Konzern allein aufgrund der großen Zahl von Mitarbeitern und im Altenheim aufgrund der „Belegschaftsstruktur“ mit mindestens x Todesfällen pro Monat zu rechnen ist. Darauf muss „der Apparat“ vorbereitet sein.

2. Der Leiter einer überschaubaren organisatorischen Einheit eines Industrieunternehmens führt eine begrenzte Anzahl von Mitarbeitern – so ein „Team“ hat vielleicht zehn, vielleicht auch zwanzig Mitglieder. Die sind in einem Alter zwischen Mitte 20 und Mitte 60. In diesem Alter „stirbt man nicht“, jedenfalls aber so selten, dass in einem Kreis von maximal zwanzig Menschen dieses Alters rein statistisch nicht ständig mit Todesfällen gerechnet werden muss. Natürlich kennen wir alle Beispiele, in denen es dennoch geschehen ist, aber einem einzelnen Leiter eines solchen Teams kann man versichern: Es ist absolut unwahrscheinlich, dass gerade Ihnen so etwas „passiert“, es lohnt nicht, dass Sie sich damit beschäftigen oder sich darauf vorbereiten. Vermutlich gehen Sie eines Tages in Pension, ohne dass auch nur einer Ihrer Mitarbeiter verstorben ist.

3. Das Argument Nr. 2, das – da bin ich mir ganz sicher – für etwa 95% der Führungskräfte eine solche Frage ausreichend beantwortet, wird Ihnen nicht reichen. Vielleicht denken Sie ja auch an einen konkreten Fall oder müssen vielleicht sogar damit rechnen. Also versuche ich es:

Sowie Sie eine solche Todesnachricht erreicht (ein Versterben am Arbeitsplatz ist eher selten), informieren Sie Ihren Vorgesetzten und stimmen mit ihm alle zu treffenden Maßnahmen ab. Das ist bei allen disziplinarischen Handlungen gegenüber Ihren Mitarbeitern üblich, Sie würden sich auch abstimmen, bevor Sie eines Ihrer Teammitglieder entlassen oder befördern.

Etwa folgende Probleme, für deren Behandlung es keinen wirtschaftsüblichen Standard gibt, müssen individuell oder nach vielleicht existierendem Firmenstandard gelöst werden:

Beileidsbesuch bei den Angehörigen, Information der eigenen Personalabteilung und der Firmenleitung (bei Konzernen reicht erst einmal die Bereichsleitung), Herbeiführung einer Entscheidung über eine (übliche) Firmentodesanzeige in der Tageszeitung, Festlegung der Abteilungs-/Firmenabordnung bei der Beerdigung (Kranz?) in Absprache mit den Angehörigen, Organisation der Rückgabe persönlichen Eigentums durch einen Abteilungsvertreter nach der Beerdigung. Die verwaltungstechnischen Vorgänge übernimmt die Personalabteilung.

Und der von Ihnen nachgefragte „Umgang mit meinem Team“? Sie informieren es mit einem der Situation angemessenen Ernst, besprechen die eben erwähnten Abläufe. Natürlich gehen Ihnen als Leiter sofort die Gedanken an eine kurzfristige Vertretung des Verstorbenen, an eine eventuelle Nachfolge bzw. Nachfolgersuche durch den Kopf. Das Unternehmen ist eine Zweckgemeinschaft, the show must go on. Treffen Sie alle Sachentscheidungen so schnell wie es erforderlich ist. Wenn möglich, stellen Sie endgültige Maßnahmen bis nach der Beerdigung zurück. Aber Sie können jederzeit sagen: „Herr Müller, bis zu einer späteren endgültigen Klärung der Aufgabenverteilung möchte ich, dass Sie sich erst einmal vertretungsweise der Aufgaben des verstorbenen Herrn Meier annehmen.“ Geben Sie dem Team etwas Zeit, über die Situation zu reden – das hilft den Mitarbeitern. Sie können für die Beerdigung eine kleine Ansprache vorbereiten – die (ausschließlich lobenden) Worte helfen den Angehörigen und durchaus auch den Kollegen des Toten. Selbstverständlich kann man im Team für einen speziellen Kranz oder Blumengruß sammeln. Aber darüber hinaus ist nach meiner Kenntnis abteilungsintern nichts üblich, keine Trauerfeier, keine längere Ansprache. Betroffenheit zu zeigen, ist für den Chef empfehlenswert, anhaltende tiefe Trauer mit ehrlicher Ergriffenheit nur in den seltenen Fällen, in denen er sie glaubhaft empfindet.

Aber, so ist es meistens: Am Tag nach der Information über den Todesfall läuft der Routinebetrieb weitgehend wieder, nach der Beisetzung ganz sicher.

Handeln Sie im Zweifelsfall, wie ein vernünftiger Mensch in einer ungewöhnlichen Situation handeln würde, für die es keine Schulung, keine Normvorschriften und auch keine festgelegten Standarderwartungen der Teammitglieder gibt. Sie waren Chef des Toten, nicht sein Freund und nicht sein Freizeitkumpel. Die Mitarbeiter im Team erwarten, dass des Toten mit Respekt gedacht wird (keine Kritik nachträglich) und dass man den Angehörigen verständnisvoll und großzügig (damit ist nicht vorrangig Geld, sondern das Gegenteil von kleinlich gemeint) gegenübertritt.

Mehr fällt mir nicht ein. Außer: Was für eine merkwürdige Geschichte …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2795
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-01-28

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