Heiko Mell

„Oben“ spielt die Musik

Seit einiger Zeit leite ich eine Gruppe von mehr als zehn Mitarbeitern aus Ingenieuren und Technikern. In den ersten Mitarbeitergesprächen bescheinigte man mir, ich sei ein fordernder, aber sehr guter Chef, der sich um die Belange seiner Mitarbeiter kümmert und als verlässlicher Ansprechpartner wahrgenommen wird. Auch meine Vorgesetzten sind bisher sehr zufrieden mit meiner Tätigkeit.

Sicher wurde beides positiv durch die regelmäßige Lektüre Ihrer Beiträge beeinflusst, erkenne ich doch häufig von Ihnen geschilderte Situationen im Alltag wieder.

Antwort:

Seine konkreten Fragen stellt dieser Einsender erst weiter unten in seiner Zuschrift, ich befasse mich an anderer Stelle damit.

Aber beim Lesen seiner Schilderung fiel mir die oben abgedruckte Formulierung auf. Und da hatte ich den eigentlichen Kern der Geschichte. Haben Sie, liebe Leser, ihn bemerkt?

Nun ist er also Chef, unser Einsender, vermutlich erstmals – und er ist froh darüber und wohl auch ein wenig stolz darauf, dass er von einer allgemeinen Zufriedenheit seiner Umgebung mit ihm und seinem Tun berichten kann. So weit, so gut. Aber wie berichtet er? Er beginnt seine Darstellung damit, wie toll seine unterstellten Mitarbeiter ihn finden. Man spürt förmlich, wie wichtig ihm das ist. Erstmals führen, und die Geführten sind sehr zufrieden – das ist doch schon einmal etwas. Instinktiv stellt er das, was ihm am wichtigsten ist, an den Anfang seiner Schilderung.

Den großen Sprung in der Bedeutung des Gesagten spürt man, wenn er zum nächsten Punkt seiner Schilderung kommt. Und zwar ist es ein Sprung nach unten ins deutlich Unbedeutendere hinein: „Auch meine Vorgesetzten sind bisher sehr zufrieden …“ Das klingt als stünde im Bericht über ein Pferderennen erst eine ausführliche Würdigung der fünf ersten ins Ziel gelangten Tiere und dann hieße es: „Ferner liefen in diesem Rennen Lotte und Freya.“

Wissen Sie, wie man ein kritisches Zeugnis schreibt? Genau so. Man lobt sein hohes Ansehen bei den Geführten ausführlich und sagt dann knapp, auch seine Vorgesetzten seien mit ihm ziemlich zufrieden gewesen.Umgekehrt, dies zur Warnung, wird ein Schuh daraus! Die Führungskraft ist in dieser Funktion Organ des Arbeitgebers. Sie hat im Rahmen der Zielsetzungen und Erwartungen ihres Chefs die ihr anvertrauten Mitarbeiter zu führen. Auf dass anschließend der Chef mit der Art des Führens und mit den dabei erzielten Resultaten hochzufrieden ist. Wenn dann noch Raum dafür ist, dass auch die Mitarbeiter noch zufrieden sind, schön. So direkt verlangt wird das aber nicht. Es reicht, wenn die Mitarbeiter zu hohem Leistungsstand geführt werden, sehr gute Ergebnisse erbringen, nicht wegen Überlastung zusammenbrechen und sich nicht dauernd über ihren Vorgesetzten beschweren oder nicht durch eine besonders hohe Fluktuation ihrer Unzufriedenheit Ausdruck geben.

Das ist ein bisschen überspitzt, aber wirklich nur ein bisschen. Gerade frisch/erstmals ernannte Führungskräfte erliegen häufig der Versuchung, sich vorrangig als Vertreter der Interessen ihrer Mitarbeiter bei ihren eigenen Vorgesetzten zu sehen, dabei sind sie Vertreter der Interessen ihrer Chefs bei den unterstellten Mitarbeitern.

Wichtig für eine Führungskraft sind die Menschen, die ihr den Führungsstatus gegeben haben – und ihn ihr auch wieder nehmen können. Natürlich sind auch die unterstellten Mitarbeiter wichtig, wenn man eine erfolgreiche Führungskraft sein will. Diese kann ohne hochmotivierte, leistungsstarke und halbwegs zufriedene Mitarbeiter nicht auf Dauer Erfolge erzielen. Dennoch stehen der eigene Chef, seine Erwartungen und seine Zufriedenheit in der eigenen Rangskala an erster Stelle.

Übrigens: Ich schrieb weiter oben, dass der eigene Chef mit der Art des Führens und den dabei erzielten Resultaten hochzufrieden sein muss. In dieser Formal steckt alles drin. Sogar die Fluktuation der unterstellten Mitarbeiter: Ist die zu hoch, ist der Chef der Führungskraft nicht mehr zufrieden.Was Sie mir hier geschrieben haben, geehrter Einsender, ist noch kein Beweis, dass etwas bei Ihnen falsch läuft. Aber es ist ein Indiz dafür, dass hier zumindest eine vorbeugende Warnung angebracht ist.

Kurzantwort:

Gerade die frischernannte Führungskraft muss beachten, dass sie vorrangig die Interessen von „oben“ (ihrer Chefs) gegenüber „unten“ (bei ihren Mitarbeitern) zu vertreten hat. Wenn sie sich nach Leuten umschaut, die mit ihr zufrieden sein sollten, muss sie erst über, dann unter sich schauen.

Frage-Nr.: 2789
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-12-03

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