Heiko Mell

Parallelen zur Sklaverei?

 Zu Ihrem Beitrag vom 17.04.2015 (Frage 2.749, „Dem Chef die Meinung sagen oder einfach gehen?“) möchte ich anmerken:

Was Sie dort schreiben, ist typisch für einen veralteten „klassischen“ Führungsstil – der allerdings immer noch weit verbreitet zu sein scheint. Sie ignorieren dabei jedoch völlig neue Entwicklungen wie z. B. den mancherorts vielgelobten „neuen Führungsstil“ (was auch immer man sich konkret darunter vorzustellen hat – die Medien sind hier oft sehr schwammig und undeutlich).

In dem militärartigen alten System, in dem der Mensch ein besserer Roboter ist (bzw. sein soll) und ansonsten nur eine Null darstellt – hier haben Sie mit Ihrer Darstellung uneingeschränkt recht. Und: Dieses alte System hat Vorteile für eine Welt, wie sie sich heute real darstellt: Mit einer stetigen Spreizung zwischen unteren und oberen Einkommen sowie vielen Konflikten, einschließlich dem „Umweltzerstörung“ genannten Konflikt mit unserem Planeten.

Allerdings haben einige – vor allem jüngere – Menschen an diesem System kein allzu großes Interesse. Letztlich sehe ich deutliche Parallelen zur Sklavenhaltergesellschaft vergangener Tage: So wie damals die sehr geringe Motivation der meisten Sklaven zu immer größeren Problemen führte (und schließlich zu einem neuen gesellschaftlichen Modell), „lahmt“ unsere moderne Industrie immer stärker, weil sie den aktuellen Anforderungen zunehmend weniger gerecht zu werden vermag (Vergleichen Sie dazu auch die Ausführungen in derselben Ausgabe der VDI nachrichten auf S. 40: „Wie sich Arbeitgeber auf Generation Y einstellen“).

Wenn unsere Industrie/Wirtschaft hier nicht dazu lernt und auf die von Ihnen behandelten Fragen andere, bessere Antworten findet – dann wird sich der beklagte Mangel an (Ingenieur-) Fachkräften weiter verschärfen … und vielleicht wäre das dann auch gut so: Auch die Sklavenhaltergesellschaft ging letztlich am Mangel an Sklaven zugrunde …

PS: Meine Antwort auf das gestellte Problem lautet: Der Fragesteller sollte gehen. Deshalb bin ich selbstständig.

Antwort:

Der damalige Einsender hatte ziemlich schwere „Meinungsverschiedenheiten“ mit seinem Chef und dessen Chef, denen er recht kritisch gegenüberstand. Er fragte, ob er seinen Vorgesetzten ziemlich deutlich die Meinung sagen und bei der Gelegenheit einige klare Forderungen stellen könnte oder sollte. Ich riet ab. Dass „Gehen“ eine Handlungsalternative wäre, stand auch im letzten Absatz meiner Antwort.

Aber mich bewegt im Rahmen meines Auftrages hier noch etwas ganz anderes, das aber durchaus zum damaligen Thema passt: Wie kritisiere ich angemessen und wirkungsvoll zugleich? Am vorliegenden praktischen Beispiel dieser Einsendung orientiert, meine ich: so besser nicht.

Kritik ist wichtig, auch die an mir. Zeitungsbeiträge sollen etwas auslösen – und wenn schon nicht „waschkörbeweise“ begeisterte Zustimmung, dann wenigstens eine engagierte Ablehnung. Aber es gibt auch Regeln für eine sinn- und wirkungsvolle Kritik. Die wichtigste: kurz, präzise, auf einen zentralen Aspekt zielend, die eigene abweichende Sicht begründend, aus. Das Gegenteil sehen wir hier: der Rundumschlag, der „bei der Gelegenheit“ noch Randthemen aufgreift und Nebenkriegsschauplätze eröffnet, sich in zahlreichen Einzelaussagen verzettelt. Das besondere Problem dabei: Leute wie ich, die das schon so lange überlebt haben, sind gefährliche Gegner. Wenn Sie die an fünf oder mehr Stellen gleichzeitig beharken (und sie damit zum Gegenschlag herausfordern), gehen Sie viele Risiken ein.

Der damalige Fragesteller hatte ein Problem zur Diskussion gestellt. In Auslegung der Regeln des nun einmal bestehenden Systems, das ich hier interpretiere (nicht geschaffen habe und nicht verändern kann), gebe ich Erläuterungen und mache Vorschläge. Diese können objektiv richtig oder falsch sein, die kann auch jeder subjektiv richtig oder falsch finden. Die beste, durchschlagende Kritik hätte gelautet: „Ihre Antwort war falsch, richtig gewesen wäre es …“. Das fehlt bei Ihnen.

Stattdessen eröffnen Sie ein „buntes Feld“ von einem „neuen Führungsstil“ (den Sie nicht definieren), über „Menschen als Roboter“, über Einkommensunterschiede zwischen oben und unten, Sie streifen die Umweltzerstörung und sprechen gar von einem Konflikt mit dem ganzen Planeten.

Dann vergleichen Sie die aktuelle Industriegesellschaft mit der Sklaverei, streifen kurz das neueste Schlagwort von der Generation Y, tangieren einen Ingenieurmangel und behaupten, auch die Sklavenhaltergesellschaft sei letztlich am Mangel an Sklaven zugrunde gegangen.

Fangen wir beim letzten Argument an: Es ist schlicht falsch. „Der große Brockhaus“ sagt dazu knapp: „… im 19. Jahrhundert wurde der Sklavenhandel von allen Kolonialmächten verboten. In den USA führte die Sklavenfrage zum Sezessionskrieg.“ Wie der endete, ist bekannt. Nach den beiden Ereignissen (Verbot + Krieg) war der Sklavenhandel tot. Unterdrückungen sterben eher nicht am Mangel an Unterdrückten.

Überhaupt sind Ihre Parallelen zwischen unserem heutigen System und der Sklavenhaltergesellschaft natürlich nicht haltbar. Das ist so abwegig, dass man sich gar nicht mit Details beschäftigen mag. Als Tipp: Lesen Sie einmal „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Es ist keine wissenschaftliche Beschreibung der Sklaverei, sondern sehr emotional geprägt, vermittelt aber einen Eindruck der ausreicht, um solche Vergleiche ad absurdum zu führen. Übrigens: Die Amerikaner mögen das Buch nicht so wie wir.

Kommen wir zur Y-Generation. Noch nie war eine ganze Generation homogen. Übrigens auch 1968 nicht – nur waren die steinewerfenden Schreier im Fernsehen und die normal Studierenden nicht. Es gibt sogar Stimmen, die die Existenz der Y-„Generation“ leugnen und von Einzelfällen reden. In jenem Artikel wird übrigens nicht gesagt, wie sich Arbeitgeber auf diese jungen Leute einstellen, sondern was sie in dieser Hinsicht tun sollten, empfohlen von einer FH-Professorin.

Bitte vergessen Sie dabei nicht die Relationen: Zunächst ist da ein erfolgreich arbeitendes, eingespieltes Unternehmen mit, sagen wir, 1000 vorhandenen Mitarbeitern. Alles ausgewiesene „Nicht-Yer“. Dann kommen zwei aus der Y-Generation hinzu. Meinen Sie, das ganze Unternehmen krempelt sich jetzt wegen dieser 0,2% der Belegschaft um? Das wird, wenn überhaupt, ein ganz allmählicher Prozess: Die ersten Yer werden sich absolut anpassen müssen (0,2%). Die nachfolgenden Neuen bilden dann mit den früheren schon einmal irgendwann 0,5 oder gar 1%. Inzwischen sind die beiden ersten schon angepasst – aber irgendwann verändert sich etwas, wir haben es ja dann auch mit einem gesamtgesellschaftlichen Prozess zu tun. Es verändert sich stets irgendwo irgendwas – „panta rhei“ („alles fließt“) soll schon Heraklit lange v. Chr. gesagt haben.

Die real existierenden Firmen übrigens sind gar nicht in der Lage, die ersten Yer so richtig zufriedenzustellen. Diese nämlich dürfen schon wegen des Gleichbehandlungsgrundsatzes nur so viel an Entgegenkommen „kassieren“ wie die vorhandenen Mitarbeiter auch bekommen, anders geht es nicht.Und derzeit (das könnte noch fünf Jahre andauern) kämpfen Berufseinsteiger noch ziemlich hart, um überhaupt eine aussichtsreiche Anstellung zu erlangen – das ist absolut keine Basis, um etwa Forderungen zu stellen. Wenn der Ingenieurmangel kommt (!),werden die Unternehmen erst um die jungen Berufserfahrenen kämpfen, dann zähneknirschend auf die nicht immer so beliebten Anfänger zugehen und sich allmählich, hinhaltend Widerstand leistend, auf diese einstellen. Das ist ein Prozess, das dauert. Und mittendrin kommt die nächste Wirtschaftskrise mit Einstellstopp – und wirft die Yer auf das X-Niveau (gab es das?) zurück. So läuft das.Natürlich ändern sich die Dinge, aber eben langsam. Weil ja erst einmal die „alten“ Führungskräfte noch weiter existent sind und nicht von heute auf morgen umdenken. Schlimmer noch: Am Horizont „droht“ bereits die heranwachsende Z-Generation. Sie soll karriereorientiert und an Statussymbolen interessiert sein. „Alles schon mal dagewesen“, weiß der Volksmund.

Sie aber, geehrter Einsender, versetzen mit Ihrer Schlussinformation der eigenen Argumentation einen ganz harten Schlag: Sie sind selbstständig, die hier beschriebene Welt ist nicht (mehr?) die Ihrige – und für die große Mehrheit der Leser können Sie damit kein Vorbild sein. Es klingt ein wenig wie: „Ätsch, Ihr seid Sklaven, aber ich bin draußen.“

Was übrigens auch nur sehr eingeschränkt stimmen würde: Der Selbstständige braucht viele gut bezahlte Aufträge und zwar dauerhaft. So wie der Angestellte seinen einen Arbeitgeber braucht. Diese Aufträge werden von Kunden gegeben, von denen ist nun der Selbstständige abhängig. Und Kunden können entweder extrem rar oder so was von schwierig sein, davon könnte sich so mancher Angestellten-Chef noch eine Scheibe abschneiden.

Frage-Nr.: 2760
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-06-11

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