Heiko Mell

Von Eulen, Lerchen, Selbstdisziplin u. a.

(Die Einsenderin bezieht sich auf eine frühere Frage, die ich als „erfunden“ einstufte. Dem hat bisher niemand widersprochen, auch der damalige Einsender nicht. Es ging um einen notorischen Langschläfer, der schon während der Schulzeit morgens gerne „ausschlafte“; H. Mell).

Meiner Meinung nach haben Sie zu dieser Frage nicht alle Gesichtspunkte berücksichtigt.

Für mich ist es fahrlässig, diese Eigenschaft als reine Schwäche abzutun, wobei bei den Zeiterfassungsdaten, die der Einsender beispielhaft angibt, noch alles in Ordnung zu sein scheint. Nicht berücksichtigt haben Sie dagegen die gesundheitliche Komponente. Es könnte sich schon um eine Vorstufe zu einer psychischen Erkrankung einer Eule (also eines Langschläfers) handeln. Und genau da wären Hinweise, wie „die Schwächen bekämpfen“ und „dagegen vorgehen“ nur kontraproduktiv, da sie umso schneller in die Arbeitsunfähigkeit führen. Eine Eule, die versucht, entgegen ihrer genetischen Programmierung zu leben, wird über kurz oder lang Krankheitssymptome entwickeln.

In unserer Lerchen-Arbeitsgesellschaft ist es leider für eine Eule fast unmöglich, leistungsfähig zu existieren und die wirtschaftlichen Schäden werden erst seit Kurzem mehr und mehr wahrgenommen. Umso verwunderlicher ist, dass große Konzerne bisher nur unzureichend darauf reagieren, wie ich selbst erlebt habe.

Mich würde dagegen Ihr Ratschlag zum Umgang dazu interessieren. Wenn ich meine Gesundheit nicht vorsätzlich schädigen will und meinen Rhythmus lebe, wie gehe ich denn damit in unserer Gesellschaft um, wenn ich nicht gleich Künstler werden will?

Welche Arbeitsgebiete bleiben denn dann noch für einen Ingenieur und welche Firmen können daraus den Nutzen ziehen?

Antwort:

Ihre Reaktion erreicht mich mehrere Monate nach der Veröffentlichung der Ursprungsfrage. Daraus schließe ich, dass Sie nicht zu den regelmäßigen Lesern gehören. Das wiederum birgt die Gefahr, dass Sie die Ziele unserer Serie falsch einschätzen: Ich erläutere seit dreißig Jahren, wie das berufliche System funktioniert, wie dort bewertet und entschieden wird – und warum. Das ist, wie Fachleute bestätigen, eine gewaltige Aufgabe, denn der Standard-Teilnehmer am beruflichen „Spiel“ weiß zu wenig darüber, kennt kaum die grundlegenden Regeln. Es ist hingegen nicht mein Job, ständig an der Verbesserung des Systems zu arbeiten. Das hätte mich, nach dreißig zwangsläufig erfolgsarmen Jahren, auch längst selbst zum Träger diverser Krankheitssymptome gemacht.

Zu Ihrer Anmerkung: Die moderne Gesellschaft ist eine Art Massenveranstaltung für die Mehrheit. Von der Pop-Musik bis zur Mode, von angebotenen Konsumprodukten bis zu dargebotenen Wohnungen oder erlaubten Geschwindigkeiten auf Straßen – alles geht nach durchschnittlichen Empfindungen, nach Massengeschmack oder „allgemeinen Gepflogenheiten“. Auch die industrielle Organisation pflegt dieses Prinzip: Wir arbeiten so, dass es den meisten Menschen möglich ist, damit zurechtzukommen. Daran passt man sich an – oder geht andere, eigene Wege.

Vermutlich ist schon der Neandertaler-Häuptling dann zur Mammutjagd aufgebrochen, wenn es die beste Zeit dafür war. Und wer nicht mitgehen wollte, bekam halt nichts ab vom „Kuchen“.

Ich glaube an genetische Veranlagungen, aber auch an die Möglichkeit, so manche davon mit Selbstdisziplin zu überwinden. Vielleicht gibt es solche Veranlagungen ja auch für weitaus mehr Schwächen als wir bisher wissen: Faulheit böte sich an und Ladendiebstahl oder Unverschämtheit, beispielsweise. Wenn wir alle nur noch unsere Veranlagungen ausleben, wird in diesem Lande kein einziges „Mammut“ mehr erlegt („gut so“ wird der Vegetarier sagen).

Ohne dass ich damit speziell Ihnen zu nahe treten möchte: Viele Menschen machen mit solchen Anpassungsfragen ein „ziemliches Theater“, sie übertreiben bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Vielleicht gilt es ihnen schlicht als „chic“, ein Anpassen an bestimmte, allgemein übliche Gepflogenheiten als „unmöglich“ einzustufen.

Ich z. B. hasse frühes Aufstehen, bin aber nachts gern zu jeder Diskussion oder schriftlichen Ausarbeitung bereit. Nach fünfzig Dienstjahren behaupte ich: Diese meine Veranlagung hat in meinem beruflichen Umfeld nicht einmal jemand bemerkt, der es nicht merken sollte.

Frage-Nr.: 2752
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-05-14

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