Heiko Mell

Brillanter Kopf ist stark frustriert

Frage/1: Ich möchte Sie auf einen Sachverhalt hinweisen, der in Ihrem Beitrag „Notizen aus der Praxis Nr. 435: Ich weiß nicht, was ich will“ meiner Meinung nach keine Beachtung findet.

Das System, in dem wir leben und arbeiten, ist sehr stark an Profit, Wirkungsgrad und Effizienz orientiert. Die Berufswahl, oder besser das Hilfssystem für die Suchenden, orientiert sich (leider) sehr stark an diesen Bedürfnissen der Wirtschaft, ohne die persönlichen Belange der suchenden Person ausreichend zu berücksichtigen. In der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle funktioniert es sogar – weil man sich fügt.

Frage/2: Ich glaube behaupten zu können, dass Ihr angesprochener Artikel nicht für die Mehrheit der Orientierungssuchenden geschrieben wurde.

Frage/3: Ich bin inzwischen um die 50, beruflich unglücklich, habe wieder meine Arbeit verloren und stehe wieder vor der Frage: Was will ich? Eigentlich will ich Probleme lösen (Kopfarbeit eben). Aber ich habe noch nie den Beruf des Problemlösers gesehen (außer in italienischen Kriminalfilmen). Mit dem folgenden Bewerbungsschreiben möchte ich einen Arbeitgeber finden, der jemanden wie mich sucht (nachfolgend Auszüge daraus; H. Mell):“

Brillanter Kopf sucht neue Herausforderung: Vordenker, Querdenker, über den Tellerrand sehen, aufgeschlossen für Neues, fragt: Warum? Untersuchen, analysieren, den Dingen auf den Grund gehen, die wirkliche Ursache finden. Ich möchte Probleme lösen, Kopfarbeit. Kein Querulant, Nörgler, Besserwisser, sondern diskutiere gern. Kein Sachbearbeiter, Listenfüller, Terminverfolger, Schönredner.

Wen Sie jemanden wie mich suchen, wendet sich bitte mit detaillierter Beschreibung des angedachten Einsatzgebietes im Raum A-Stadt an …“

Antwort:

Antwort/1: Ich gehöre der in wissenschaftlich orientierten Kreisen so überaus gefürchteten Gruppe der an den Realitäten orientierten Pragmatiker an, dies als Warnung. Auf dieser Basis teile ich zwar Ihre Systemkritik, sage aber auch: Die Menschheit ist, wie sie ist, eine bessere ist vorläufig nicht in Sicht. Diese real existierende Menschheit hat im Laufe ihrer Existenz mehrere höchst unterschiedliche Systeme hervorgebracht, die alle ihre Stärken und Schwächen hatten und haben. Nehmen wir vier davon als Ankerpunkte für die Diskussion heraus. Ich glaube fest daran, dass in der großen betrachteten Zeitspanne jede Gelegenheit gewesen wäre, ein besseres System zu finden, gäbe es ein solches denn. In jedem Fall hätte es keinen Sinn, jetzt über die inzwischen bekannten Systeme hinaus Utopien nachzuhängen; es wird – bei einer so langen Entwicklungszeit des bestehenden Systems – in den nächsten hundert Jahren nichts wirklich Problemlösenderes herauskommen. Übrigens habe ich drei dieser vier Systeme selbst erlebt, sie hatten Auswirkungen auch auf meine Entwicklung:

Ob wir den Mammut jagenden Neandertaler, die Zeit des III. Reiches, die DDR oder die Bundesrepublik nehmen – stets war und ist das jeweilige System recht gut zu Menschen, die sich dem Mainstream beugen und anschließen. Und es tut sich schwer insbesondere mit jenen Leuten, die in den vorgezeichneten Gegebenheiten ihren Weg nicht finden können oder wollen.

Wobei selbstverständlich auch festzustellen ist: Von allen real existierenden oder real existiert habenden Systemen ist unser heutiges mit weitem Abstand das offenste, toleranteste und die meisten Chancen bietende überhaupt. Aber es ist nicht perfekt.

Reden wir über Ihr „Hilfssystem für die Suchenden“, das sich an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert, „ohne die persönlichen Belange der suchenden Person ausreichend zu berücksichtigen“.

Fangen wir mit der Orientierung an den Bedürfnissen der Wirtschaft an: Ich glaube nicht, dass man das so sagen kann – obwohl es mitunter vielleicht so aussieht.

Niemand, der mit der Berufswahl junger Menschen zu tun hat, wird ja vom „Großkapital“ (DDR-Jargon) bestochen, um die jungen Leute zu brauchbaren „Arbeitssklaven“ ausbilden zu lassen. Ohne diese Bestechung hätte aber niemand einen Grund, sich in dieser Frage aus Prinzip zum Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft zu machen.

Nein, ich glaube, die Ausgangslage jedes „Berufsberaters“ (ich meine damit keineswegs nur jene der Agentur für Arbeit) schließt folgendes Problem ein: Da wächst ein junger Mensch heran. Noch ernähren ihn die Eltern. Vermögen hat er nicht, das Leben ist aber teuer. Sozialhilfe ist keine Perspektive. Also muss er Geld verdienen, indem er seine Fähigkeit zur Arbeit „verkauft“. Wer kommt in erster Linie als Käufer in Frage? Unternehmen oder kleine Betriebe der „Wirtschaft“, vom Großkonzern bis zum Schnapsladen oder zur Würstchenbude. Darauf dürften 80% der Verdienstmöglichkeiten entfallen. Was suchen diese Wirtschaftsunternehmen, wenn sie jemanden einstellen? Sie suchen eine zu ihnen passende Berufsausbildung. Also rät der „Berufsberater“ zu einer Ausbildung (dazu gehört z. B. auch ein Studium), die dem jungen Menschen später zu einer Anstellung bei Wirtschaftsbetrieben verhilft, auf dass er sich dort seinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Und damit liegt der Berater dann volkswirtschaftlich gesehen zu 80% richtig. Eine Bundeskanzlerin kann von einer solchen Bestätigungsquote für „richtiges Arbeiten“ bei der nächsten Wahl nur träumen.

Damit ist etwa die Hälfte des Beratungsproblems gelöst: Der junge Mensch hat eine Empfehlung, bei deren Befolgung er sich ernähren bzw. seine Existenz sichern kann.

Fehlt die andere Hälfte, die „ausreichende Berücksichtigung der persönlichen Belange der (einen Beruf) suchenden Person“.

Wir reden hier über künftige Akademiker, die heute fast alle Abitur haben, also etwa achtzehn Jahre alt sind, wenn die Festlegung auf eine berufliche Richtung über die Studienwahl fällig wird. Und wir sprechen – bei den Älteren ist die Geschichte ohnehin längst gelaufen – über moderne junge Menschen, die einen Führerschein haben, wahlberechtigt und volljährig sind und die ihre Klaviatur der modernen internetbasierten Informationstechnologie virtuos beherrschen. Von denen man nicht nur erwarten, sondern geradezu verlangen kann, dass sie sich für das in ihrem höchsteigenen Interesse liegende Thema Berufswahl brennend(!) interessieren. Wenn die jetzt einmal vierzehn Tage lang keine pausenlosen Kurz-Nachrichten mehr oder minder geistlosen Inhaltes verbreiten oder alberne Videos herunterladen, sondern intensiv recherchieren, dann müsste doch dabei etwas herauskommen, was jener eben noch fehlenden zweiten Hälfte des Problems gerecht wird. Vierzehn Tage, eingesetzt zur Absicherung des Lebensglücks in den nächsten fünfzig Jahren. Eine gute Investition, ein tolles Geschäft.

Konkret: Ich halte den wesentlichen Teil der zweiten Hälfte für eine Bringschuld des volljährigen Abiturienten. Wenn er das will, kann er das lösen; und wenn er nicht will? Für die Beratung von Menschen, die keine Hilfe wollen, bin ich nicht zuständig.

Es geht ja bei einer Lösung dieser zweiten Hälfte des Berufsberatungsproblems vor allem um die Frage, was den Kandidaten interessiert, wo er gern tätig sein würde. „Man rate mir, was mir gefallen würde“, ist doch Kinderkram in einer Welt, in der jeder alles erfahren kann, so er nur will. Sie können von außen her nicht raten, ob jemand seinen Berufsweg irgendwo in der Welt der Medizin oder der Juristerei wählen soll, wenn er nicht erkennen lässt, wofür er sich „berufen“ fühlt. Falls nach dem Abitur wirklich totale Ratlosigkeit herrscht, was man denn so wollen könnte, haben sich 1-Jahres-Auszeiten im Zivildienst, bei der Bundeswehr, im freiwilligen sozialen Jahr oder als Au-pair in Frankreich beispielsweise sehr bewährt: Es macht den Kopf frei und verhilft zu neuen Eindrücken.

Fazit: Man gehe nicht zu einem Berufsberater und frage ihn: „Sage mir, was mich interessiert und was ich können könnte und dann sage mir, wie ich dahinkomme.“ Sondern man sage: „Dieses interessiert mich (z. B. Medizin). Dabei schwanke ich noch zwischen Arzt, Rettungssanitäter oder der Medizintechnik. Wo liegen die Anforderungen, welche Chancen hätte ich?“ Das kann ein Berater lösen.

Antwort/2: Das ist grundsätzlich richtig. Ich nenne Wege, wenn ein realistisches Ziel existiert. Übrigens kann ein „Orientierungssuchender“ durchaus ein Ziel haben, aber vom richtigen Weg abgekommen sein. Insofern schreibe ich durchaus auch für Suchende.

Antwort/3: Sie trauen sich was! Firmen denken im Rahmen der Besetzung von Positionen innerhalb ihrer wohlgeordneten Strukturen in Rastern – Sie jedoch passen in keines. Ohne dass Sie wirklich Böses sagen, strahlt Ihr Text aus: gehört nirgends hin, macht Ärger. Man nennt sich auch besser nicht selbst einen „brillanten Kopf“, man sagt auch eigentlich nie, was man nicht ist und nicht will. Und, nur einmal am Rande: Ihr letzter Satz ist doppelt kritisch:

a) Für eine derart unkonventionelle Position kann es noch gar keine „detaillierte Beschreibung“ geben, sie müsste erst – im Dialog mit Ihnen – geschaffen werden.?

b) Er ist sprachlich mehrfach aus dem Ruder gelaufen. Dennoch: Sie träumen zwar, aber auch das muss erlaubt sein. Es wird, wie Sie wissen, nicht leicht werden mit der Realisierung. Viel Glück dabei.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2705
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-09-05

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