Heiko Mell

Unbefriedigend

Ich bin Dipl.-Ing. (univ.), Anfang 30 und habe leider bereits zwei kurze, befristete Anstellungen von etwa je einem Jahr hinter mir. Seit knapp drei Jahren bin ich jetzt in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis bei einem Industrieunternehmen als Projektingenieur angestellt und als Projektleiter Grundlagenentwicklung tätig.

Da die Firma ständig in wirtschaftlich schwierigen Situationen steckt, leidet mein Aufgabengebiet. Die zu meinen Projekten gehörenden Aufgaben werden ständig verschoben, damit dringendere und prestigeträchtige Projekte schneller abgewickelt werden können. Daraus folgt, dass ich mit meinem Projekt nur schleppend vorankomme und eigentlich immer nur in Wartestellung bin.

Ich habe dieses Problem mehrere Male bei meinem Chef angesprochen. Dabei habe ich den Wunsch geäußert, weitere Projekte zu betreuen oder Vorschläge gemacht, was ich als geeignet zur weiteren Forschung und Entwicklung ansehen würde. Auch habe ich mehrere Probleme bei unseren Produkten angesprochen, die mir aufgefallen waren, und ich habe dafür Lösungen aufgezeigt.

Er zeigt zwar Verständnis, aber es interessiert ihn wohl nicht. Er sah nirgendwo Handlungsbedarf. Mittlerweile sieht es so aus, dass die Grundlagenentwicklung fast vollständig eingestellt wurde. Wenn ich nicht von mir aus zu ihm gehe, erfährt er gar nicht, was ich alles mache. Ein weiteres Aufgabengebiet, das man mir noch übertragen hat, stellt sich als reine Administration dar.

Mein ganzes Wissen und Können, abgeleitet von dem, was ich bisher gelernt und getan habe, wird hier gar nicht benötigt, die entsprechende Weiterentwicklung wird nicht gefördert. Ich komme mir vor wie in einer Beschäftigungstherapie oder als Lückenbüßer für unbeliebte Aufgaben.

Was soll ich machen? Kündigen? Dann hätte ich das dritte kurze Engagement nacheinander. Abwarten und mich langweilen geht aber auch nicht.

Ich habe zwar ein gutes Zwischenzeugnis und wurde auch gehaltlich höhergestuft (als Grund dafür nannte man mir, man wolle mich nicht verlieren), aber ich habe das Gefühl, man weiß nichts mit mir anzufangen. Aber wieso kündigen sie mir nicht? Ich verstehe den Sinn nicht, warum ich dort angestellt wurde.

Antwort:

Endlich stellt ein Angestellter einmal eine originelle Frage: „Warum kündigt man mir nicht?“

Immerhin kann ich Ihnen sagen, was da vorgeht: Ein Unternehmen (offensichtlich eine überschaubare kleinere Einheit) baut eine eigene kleine Kapazität für Grundlagenentwicklung auf.

Dahinter versteckt sich die grundsätzliche Erst- und Weiterentwicklung technischer Systeme und Lösungen. Wenn diese (Ihre) Stelle etwas erarbeitet hat, gibt man die Resultate an die hauseigene Produktentwicklung/Konstruktion, die dann auf dieser Basis ein – hoffentlich – verkaufbares Erzeugnis entwickelt, das anschließend produziert wird. Dann wird es verkauft – und dann erst bringt es Geld. Zwischen Ihrer Arbeit und dem eigentlichen Zweck des Unternehmens, dem Geldverdienen, liegt schon zeitlich eine große „Entfernung“. Manchmal, das kommt systembedingt hinzu, wird auch nichts Verkaufbares aus Ihrer Arbeit.

Es ist sehr mutig von einem solchen mittelgroßen Unternehmen (oder der mittelgroßen Einheit einer größeren Gruppe), mit der Schaffung einer solchen Position nicht in das Betriebsergebnis von heute und morgen, sondern in das von übermorgen zu investieren. Und auch das ist nur vom „Prinzip Hoffnung“ getragen. Aber immerhin. Und wenn die Zahlen eines Unternehmens gut sind, kann man es sich leisten, Geld auszugeben, das erst übermorgen wieder „hereinkommt“. So hat man gedacht, als man Sie einstellte. Und in der Hoffnung auf eine Wiederkehr einer solchen Konstellation will man Sie nicht verlieren.

Stellen Sie sich ein großes (Büro-)Haus vor, in und an dem ständig gearbeitet wird, das laufend umgebaut wird. Man verdient als Vermieter Geld und leistet sich einen eigenen Entwurfsarchitekten, der immer wieder neue Ideen entwickelt, was und wo man noch – und sei es in drei Jahren – umbauen könnte. Dann plötzlich brennt das Haus, aus den Fenstern dringt Rauch, der Dachstuhl steht in Flammen. Plötzlich steht „Rettung der Gebäudesubstanz“ im Vordergrund. Der Architekt mit seinen Um- und Anbauideen ist in dieser Situation nicht nur überflüssig, er stört eher. Man teilt ihn vielleicht sogar ein, um Wassereimer zu schleppen oder Brandschutt wegzuräumen. Alle Aktivitäten sind auf eine „Überlebensstrategie“ für das Gebäude gerichtet.

Gelingt das nicht und versinkt das Haus in Schutt und Asche, dann gehen die Arbeitsplätze für die Mieter verloren, es kommt keine Miete mehr herein, der Vermietungsgesellschaft droht die Pleite. Nun ist der Entwurfsarchitekt, der sich gerade mit dem Konzept für einen neuen Ostflügel beschäftigt hatte, auch noch enttäuscht und fragt nach qualifizierter Arbeit an Neubauprojekten, die ihm versprochen waren.

Das ist etwa die Situation dort. Wir haben es mit der klassischen Konfliktsituation zu tun, in der beide Parteien höchst unterschiedliche Interessen, aber aus ihrer Sicht beide recht haben.

Sie haben derzeit keine Chance, vertragsgemäß und entsprechend Ihren Neigungen grundlagenentwickelnd eingesetzt zu werden. Was Sie da tun könnten, hilft dem Unternehmen vielleicht in drei Jahren – sofern es dann noch lebt. Ihre Chefs brauchen „Feuerwehr“-Unterstützung jetzt. In drei Jahren gibt es vielleicht die ganze Firma nicht mehr. Oder, woran unterstellte Mitarbeiter kaum jemals denken, die Chefs sind bis dahin wegen „schlechter Zahlen“ gefeuert (jedenfalls ist das deren größte Angst).

Ihren Standpunkt dabei haben Sie selbst gut beschrieben.

Lösung 1: Das ist die klassische Ausgangssituation für einen Arbeitgeberwechsel. Vorausgesetzt, man hat einen so soliden Werdegang, dass man sich das Risiko eines solchen Schrittes leisten kann. Das genau können Sie nicht so ohne Weiteres.

Dieses Risiko besteht übrigens nicht darin, dass Sie jetzt extern keinen neuen Job finden könnten – so etwas merken Sie ja. Und wenn es nicht klappt, bleiben Sie, wo Sie sind. Nein, es geht erst los, wenn der Wechsel gelingt. Denn so, wie es hier gekommen ist, kann es wieder kommen. Dieses Mal vielleicht nach zwölf Monaten. Und dann steht es nicht gut um Sie und Ihre weiteren Chancen.

Natürlich kann ein Wechsel, sofern er gelingt, auch gut ausgehen: Sie bleiben unter harmonischen Umständen fünf bis acht Jahre beim nächsten Arbeitgeber – und alles ist gut. Man darf auch nicht jedes Risiko scheuen, sonst kommt man nicht weit. Es ist Ihre Entscheidung, Sie müssen mit dem leben, was dabei herauskommt. Aber ich muss warnen.

Lösung 2: Haken wir die schnell ab: Sie bleiben, wo Sie sind, nehmen an Aufgaben hin, was Ihnen gegeben wird und hoffen auf bessere Zeiten. Das Risiko besteht hier in der eines Tages doch noch ausgesprochenen arbeitgeberseitigen Kündigung.

Lösung 3: Sie sind in einer überschaubaren Unternehmenseinheit und dort als eine Art Ein-Mann-Grundlagenentwicklung tätig. Eigentlich hat das keine große Zukunft, weder vom reinen Beschäftigungs- (wo finde ich auf dem Markt solche Jobs?), noch vom Karriererisiko her (welche Aufstiegschancen habe ich in diesem Umfeld eigentlich?).

Also gehen Sie zu Ihren Chefs und verlangen keine neuen „Entwurfsarchitekten“-Aufgaben (die derzeit, wo es ums Überleben geht, niemanden außer Ihnen interessieren), sondern Sie bieten Ihre Hilfe bei jenem Tagesgeschäft des Unternehmens an, das allein diesem die Existenz sichert. Je nach Neigung und Können bemühen Sie sich um einen – dann allerdings endgültigen – Wechsel in den Vertrieb, in die Auftragsabwicklung, in die Produktionsplanung oder in die Serienkonstruktion, das Qualitätswesen o. Ä. m.

Auf dem Wege über externe Bewerbungen ist so etwas sehr schwer. Intern gelingt es oft. Einfach, weil man die Persönlichkeit hinter Ihrem Namen schon kennt – und (hoffentlich) schätzt. Bevor Sie das ablehnen, prüfen Sie einmal, wie viele offene Stellen „Grundlagenentwicklung“ auf dem Arbeitsmarkt ausgeschrieben werden (in Internet-Stellenbörsen ist das einfach). Dann sehen Sie auch, wie sehr Sie Ihre langfristigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch einen solchen Wechsel verbessern würden. Ich würde diese Variante sehr ernst nehmen.

Kurzantwort:

Wenn ein Unternehmen wirtschaftliche (Existenz-)Probleme bekommt, werden plötzlich solche Aufgaben, Stellen und Stelleninhaber weitgehend „überflüssig“, die sich erst in vielen Jahren positiv auf Erträge des Unternehmens auswirken könnten (wenn überhaupt).

Frage-Nr.: 2687
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-08

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