Heiko Mell

Welche persönlichen Schwächen sind erlaubt?

Ich pflege leider einen ungünstigen Lebensstil, der für meine Karriere vermutlich schädlich sein könnte. Von der Ausbildung her habe ich es zwar geschafft, Ingenieur zu werden, doch mein Charakter lässt sehr zu wünschen übrig.

Schon während meiner Schulzeit und meines Studiums schlafte ich morgens gerne aus, manchmal auch bis in die Mittagsstunden. Leider ging dann auch die eine oder andere Schulstunde oder Vorlesung „flöten“.

Mitschüler und Kommilitonen bestätigten mir dann auch noch, dass ich wohl nichts verpasst bzw. versäumt hätte bei dem langweiligen Unterricht oder der langweiligen Vorlesung. Das hat mich dann auch noch in meiner Langschläfermentalität bestärkt.

Doch damit nicht genug: Unregelmäßigkeit und Wechselhaftigkeit kennzeichnen mein Unwesen, mit dem ich tagtäglich mein Leben gestalte. Zum Glück habe ich einen Anstellungsvertrag mit Gleitzeit; da spielt es keine Rolle, ob ich um 6, 7, 8 oder 9 Uhr an meinem Arbeitsplatz „antanze“.

Pünktlichkeit wäre für mich ein Unding. Schon an der täglichen Zeiterfassung (Arbeitszeitkonto) bei meinem Arbeitgeber kann man sehen, welch wildes Durcheinander sich bei mir im Arbeitsbeginn offenbart: Mal 6.52 Uhr Beginn, dann folgen 8.59, 7.28, 8.17, 8.39 Uhr usw.

Also keine Regelmäßigkeit, was auch beim Arbeitsende nicht besser aussieht. Oftmals habe ich am Monatsende Minusstunden von mehr als einer Arbeitswoche, also 40 Std. Meine Vorgesetzten haben mich schon gefragt, ob ich nicht auch mal wieder mein Arbeitszeitkonto ins Plus bringen könnte.

Und trotzdem bekomme ich meine Arbeit und Termine doch immer irgendwie „gebacken“. Können Sie mir mal schreiben, was ich da tun könnte, um mehr Disziplin zu bekommen. Oder ist so etwas angeboren?

Kann man trotzdem Karriere machen, wenn man solche persönlichen Schwächen hat? Welche persönlichen Schwächen sind überhaupt erlaubt, welche darf man auch in Vorstellungsgesprächen zugeben? Ich glaube nicht, dass es Menschen ohne persönliche Schwächen gibt.

Antwort:

Ihre Einsendung liegt hier schon eine Weile. Der Grund ist ganz einfach: Beim ersten Durchlesen stufte ich sie spontan als „erfunden“ ein.

Wollen Sie wissen, worauf ich diese Einschätzung stütze: Nun, Sie führen einen „urdeutschen“ Namen, auch beim Vornamen deutet nichts darauf hin, dass Sie eigentlich eine fremde Sprache als Muttersprache haben könnten.Für einen Deutschen, der eine typische Einsendung zu dieser Serie auf seiner PC-Tastatur „herunterhackt“, sind die Extreme im sprachlichen Ausdruck zu weit gespreizt, um glaubwürdig von einer „echten“ Person zu stammen. Ich glaube, dass Sie ein intelligenter Mensch sind, der bereits mehrere Jahre im Beruf steht und hier versucht hat, teilweise „unter seinem Niveau“ zu schreiben.

So passt z. B. der geradezu unirdische Fehler „schlafte“ im zweiten Absatz nicht zur kunstvoll-gedrechselten Formulierung „… welch wildes Durcheinander sich bei mir … offenbart“.

Und überhaupt, niemand sagt jemals: „… doch mein Charakter lässt sehr zu wünschen übrig.“ So etwas entsteht nur, wenn man bewusst ein Erscheinungsbild konstruieren will. Was gar nicht so einfach ist.

Warum ich mich dieser Einsendung nun doch noch annehme?

Nun, gerade heute, in Erinnerung an das Jubiläum dieser Serie, können wir uns auch einmal einen solchen Beitrag leisten. Und es kommt noch etwas hinzu: In den letzten Tagen sind mir in der Praxis tatsächlich Menschen begegnet, die zwar nicht gerne „schlaften“, sonst aber Erscheinungsbilder zeigten, die den hier geschilderten Symptomen nahekommen:

Ja, jeder Mensch hat Schwächen. Die entscheidenden davon dürften genetisch bedingt, also angeboren sein. Ich glaube, wir wären entsetzt, gäben plötzlich alle Menschen über, neben und unter uns diese ihre Schwächen alle und offen zu. Es gehört zum menschlichen Grundverhalten, dem gesamten beruflichen Umfeld gegenüber die für bedeutsam gehaltenen eigenen Schwächen zu verschweigen, sie zu verstecken oder sogar aktiv zu leugnen.

So wäre ein Bewerber um praktisch jede denkbare Position im industriellen Umfeld „tot“, erklärte er im Vorstellungsprozess beispielsweise, er sei ein wenig faul und brauche unbedingt die harte Hand seines Chefs, um zu Höchstleistungen aufzulaufen.

2. Von daher ist die so beliebte Arbeitgeberfrage nach Schwächen im Vorstellungsgespräch ein reines Ausweichen auf „Nebenkriegsschauplätze“. Da niemand seine berufsrelevanten Schwächen zugeben wird, dient die gegebene Antwort nur der Einschätzung, wie geschickt der Kandidat mit schwierigen Fragen umgeht, wie überzeugend er sich herausredet, wie gut er schwindelt. Wer das wissen will, soll weiter so fragen.

3. Ich glaube, dass man fast alle Arten von Schwächen bekämpfen, unterdrücken, ihrer Nachteile für die eigene Person berauben kann – wenn man das will. Dieses Wollen ist zu verlangen; es nicht aufzubringen, wäre die eigentliche, unverzeihliche Schwäche.

4. Aber: Latent bleibt eine solche Schwäche immer vorhanden. Hört man mit der Bekämpfung auf, bricht sie wieder durch.

5. Die Kunst besteht also darin, die eigenen Schwächen zu besiegen. Das hat Grenzen: Gegen die Schwäche „ich bin unmusikalisch“ kann man nichts tun, hier bleibt nur, sich von entsprechenden beruflichen Tätigkeiten fernzuhalten.Reden wir von Pünktlichkeit, dem Thema dieser Einsendung. Jeder Mensch kann pünktlich sein, von den Auswirkungen unplanbarer Katastrophen einmal abgesehen. Man kann sich drei Wecker kaufen und sie geschickt in der eigenen Wohnung verteilen. Man kann darauf achten, regelmäßig so früh ins Bett zu gehen, dass man sein Schlafbedürfnis erfüllt und diese Wecker hört. Danach liegen bleiben zu wollen, ist normal, diesem Wunsch nachzugeben ist ein Zeichen für die Eigenschaft „zu schwach um gegen seine Schwächen anzugehen“. Das wäre dann zu viel, um das Eingliedern in industrielle Prozesse noch möglich zu machen.

6. Es gibt Berufe, die mit jeder Art von Schwächen zurechtkommen. Die Unpünktlichkeit stört z. B. kaum beim künstlerischen Genie eines Malers. Malt er eben nachts.

7. Auch im industriellen Prozess gibt es Positionen und Regelungen, die in Fragen des Dienstanfangs mehr individuelle Freiheiten zulassen. Aber das findet immer seine Grenzen: Wenn ein Gespräch beim Kunden, ein Vortrag beim Vorstand oder auch nur ein Abteilungsmeeting angesetzt ist, gibt es keine Gnade für wiederholte Unpünktlichkeit.

8. Ein „guter Ingenieur“ im Sinne dieser Serie und damit der industriellen Einsatzmöglichkeit ist nicht nur jemand, der gut (für das es keine absoluten Maßstäbe gibt) „ingenieurmäßig“ arbeitet, er muss selbstverständlich nebenbei beispielsweise auch noch sein: zuverlässig, pünktlich, vertrauenswürdig, teamfähig, flexibel, aufgeschlossen für Neues, dynamisch, kreativ, durchsetzungsfähig, sozial kompetent, interkulturell begabt. Je nach Position kann es das Aus für die Eignung eines in- oder externen Bewerbers sein, sei er „rein technisch“ auch noch so gut, wenn er eine Schwäche in einem dieser Bereiche hat. Richtiger formuliert: Je nach Position kann es das Aus für die Eignung eines in- oder externen Bewerbers sein, wenn er einer vorhandenen Schwäche in einem dieser Bereiche nachgibt, sie nicht aktiv bekämpft. Was ein Unterschied ist.

9. Und die Antwort auf die hier relevante Kernfrage „Kann man trotzdem Karriere machen?“ lautet: Ja, wenn man etwas dagegen tun will – und es dann auch tut. Management braucht gefestigte Persönlichkeiten. Wer sich durch mangelnde Selbstdisziplin auszeichnet, ist keine solche.

10. Als Trost: Manche Schwächen schwächen sich durch ständig wiederholte Bekämpfung ab (festigen sich aber auch, wenn man ihnen kampflos nachgibt). Ich erinnere mich, dass ich vor meinem ersten öffentlichen Vortrag im letzten Moment ein derartiges aus Angst geborenes Lampenfieber hatte, dass ich bereit war, einen Herzinfarkt vorzutäuschen oder ersatzweise in ein Mauseloch abzutauchen. Ich bin dann aber doch auf die Bühne gegangen. Heute, viele hundert Vorträge später, ist die beklemmende Furcht einer freudigen Erwartung gewichen.

Und auch ich stehe noch immer äußerst ungern morgens sehr früh auf. Aber es gibt keinen Kunden oder anderen wichtigen Partner, der das auch nur gemerkt hätte. Ich leide zwar, aber still und ohne Symptome wie Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.

Kurzantwort:

Bei der Überwindung von Problemen aller Art, auch von persönlichen Schwächen, ist der ausgeprägte Wille zum Handeln unverzichtbar. Im nächsten Schritt gilt dann: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Frage-Nr.: 2682
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-04-10

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