Heiko Mell 02.01.2016, 09:05 Uhr

Mein Arbeitgeber will mich loswerden – oder nicht

Ich arbeite als …-Entwickler bei einem großen, sehr bekannten internationalen Konzern (ich bin Anfang 40, insgesamt deutlich mehr als zehn Betriebszugehörigkeitsjahre inkl. mehrerer Betriebsübergänge nach Firmenübernahmen). In letzter Zeit wird sehr stark Personal abgebaut, das Geschäft läuft gut, die Zahl der Projekte steigt ständig, Überstunden/Mehrarbeit sind eher Regel als Ausnahme.

Nun gab es plötzlich, fast wie ein Blitz aus heiterem Himmel, eine freiwillige Abfindungsaktion, bei der einem Teil der Mitarbeiter – auch mir – schriftlich das Angebot eines Aufhebungsvertrages gemacht wurde mit Abfindungsangebot und einer äußerst kurzen Bedenkzeit von knapp einem Monat. Angeblich ist diese Vorgehensweise in diesem Konzern absolut üblich. Trotzdem wundere ich mich sehr darüber, weil so etwas meines Wissens in Deutschland absolut unüblich ist (ausgenommen, die Firma müsste unbedingt Kosten sparen).

Diese Angebote gingen schätzungsweise an 10 – 20% der Mitarbeiter, die namentlich angesprochen wurden. Diese Aktion ist aber rein freiwillig und bei Nichtannahme sollen den Mitarbeitern keinerlei Nachteile entstehen.

Ich wundere mich sehr über dieses Angebot insbesondere an mich, zumal ich immer recht gute Bewertungen bei den jährlichen Personalgesprächen erhielt. Mein Chef bzw. meine Projektleiter, für die ich arbeite, waren sehr zufrieden mit meiner Arbeit, was sich auch im Gehalt niedergeschlagen hat.

Im Angebot heißt es, man brauche mehr Mitarbeiter, die mit modernsten Technologien vertraut seien. Damit man die einstellen könne, biete man bestimmten vorhandenen Mitarbeitern die Trennung an, ich würde die Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Vorhaben erfüllen.

Die Personalabteilung sagt, ich solle entweder Bescheid geben, wenn ich interessiert sei oder die E-Mail vergessen. Über die Kriterien der Auswahl wurde nichts gesagt.

Wie soll ich das interpretieren? Im Grunde sagt man mir: „Wenn du gehst, ist uns das sehr viel Geld wert“ – was nicht sehr motivierend ist. Es ist definitiv kein Personalabbau geplant, es sollen „anders qualifizierte“ Leute eingestellt werden. Dabei habe ich die geforderte Qualifikation sehr wohl – das macht es umso mysteriöser.

Ich neige dazu, die Angelegenheit einfach zu vergessen. Ich will keinesfalls freiwillig in die Arbeitslosigkeit gehen, denn innerhalb der kurzen Bedenkzeit finde ich keinen neuen Job.

Antwort:

Man geht, beispielsweise, nicht mit einer offenen Flamme in eine Pulverkammer, welche Umstände auch immer vorliegen mögen. Man spricht auch in einer halbwegs harmonischen Beziehung nicht von Trennung, wenn man in Wirklichkeit unbedingt den Partner halten möchte. Nein, wer mit der Flamme neben Pulverfässern spielt, will in die Luft fliegen – und wer mit dem Partner „aus heiterem Himmel“ über eine Trennung spricht, will dieselbe. Da ist kein Zweifel möglich.

Und wer als Arbeitgeber im Rahmen einer gezielten Aktion seinem Mitarbeiter Müller schriftlich mitteilt, man wolle ihn loswerden und zwar sehr schnell, dafür zahle man auch sehr viel Geld – der will Müller loswerden. Lassen Sie sich keinesfalls einreden, das sei, soweit es Sie betrifft, ein Irrtum gewesen, Sie seien eigentlich gar nicht gemeint. Niemals darf, jedenfalls in unserem Land, ein Arbeitgeber gedankenlos solche Briefe schreiben, die da lauten: „Gehen Sie, gehen Sie mit Gott, gehen Sie mit viel Geld, aber gehen Sie bloß. Was Sie da heute tun, ist nicht wichtig, die Hauptsache ist, Sie sind weg.“ Ein Irrtum ist nicht möglich, Sie wurden sorgfältig ausgewählt, Ihre Qualifikation wurde offiziell als „für uns nicht mehr zukunftsträchtig“ eingestuft, man hat u. a. genau Sie gemeint. Es ist absolut undenkbar, dass man sich bei einer derartigen Aktion irrt, es ist ebenso absolut undenkbar, dass Ihre Vorgesetzten nicht an der Auswahl beteiligt waren, zumindest die höheren Ränge wie z. B. Abteilungsleiter. In deren Augen haben Sie die so gewünschte zukunftsträchtige Qualifikation eben nicht.

Und darauf müssen Sie reagieren, das können Sie nicht an sich abperlen lassen. Auch wenn es gut denkbar ist, dass Sie dieses „Angebot“ ohne konkrete kurzfristig eintretende Nachteile ablehnen können, hat man Ihnen doch ein deutliches Signal im Hinblick auf Ihre Zukunft dort gegeben. Wer will garantieren, dass nicht im zweiten Schritt „ausgewählte“ Mitarbeiter wie Sie schlicht entlassen werden?

Nein, Sie müssen sich, ich sehe kaum eine andere Lösung, extern nach einem neuen Job umsehen. Sie bewerben sich dabei aus ungekündigter Position ohne konkreten Druck – und gehen dann auf eigenen Wunsch, natürlich erst in etwa drei Monaten und ohne jede Abfindung. Nicht einmal ich erwarte, dass Sie in Begeisterungsstürme darüber ausbrechen. Aber zur freiwilligen Arbeitslosigkeit wegen überhasteter Annahme des Abfindungsangebots rate ich keinesfalls. So etwas kann das „am teuersten verdiente Geld“ Ihres Lebens werden.

Ich muss vorsichtshalber noch einige Feststellungen treffen.

1. Sie müssen überhaupt nichts falsch gemacht, nicht schlecht gearbeitet oder sich ungenügend qualifiziert haben. Durch die letzte Betriebsübernahme haben sich die Rahmenbedingungen geändert, der neue Arbeitgeber denkt und plant anders, Sie passen dort nicht mehr dazu. Das passiert – und kann jedem überall und jederzeit geschehen.

2. Das Vorgehen Ihres Unternehmens ist nachvollziehbar. Man handelt nach dem Prinzip: Für die uns gestellten Aufgaben der Zukunft brauchen wir anders qualifizierte Mitarbeiter. Und: Verdienste der Leute aus der Vergangenheit sind mit dem Gehalt von gestern und vorgestern abgegolten. Und auch: Nur selten werden Mitarbeiter aus gekauften/übernommenen Firmen vom neuen Eigentümer so richtig herzlich geliebt, vielleicht spielt auch das eine Rolle („wehe den Besiegten“, das wussten schon die alten Römer).

3. Es ist ein Angebot, das man Ihnen macht, man kündigt Ihnen ja – noch – nicht. Sie können es annehmen oder ablehnen. Arbeitsrechtlich ist noch gar nichts passiert.

4. Ein pauschales Angebot „an alle“, gegen Abfindung zu gehen, wäre vergleichsweise harmlos. Aber zu einem sorgfältig und überlegt – gehen Sie unbedingt davon aus – ausgewählten Kreis von 10 – 20% der Belegschaft zu gehören, den man besser heute als morgen los sein möchte (ohne Rücksicht auf laufende Projekte), das muss Sie aufrütteln. Wenn Sie jetzt nicht handeln, werden Sie sich später einmal Vorwürfe machen (müssen).

PS: Wegen der extrem kurzen Entscheidungsfrist kann ein regelgerecht vorgehender Arbeitnehmer das Angebot gar nicht annehmen. Und wenn diese Annahme gar nicht das Ziel ist? Sondern wenn es um die „elegant“ verpackte Nachricht an einen ausgesuchten Teil der Belegschaft geht, der dann – wie ich es empfehle – in den nächsten Monaten freiwillig ausscheidet, was gar nichts kostet? Dann war das eine elegante, „billige“ Lösung, alle Achtung!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2659
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-12-05

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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