Heiko Mell

Stressbedingte Überlastung

Ich bin über Ihre Antwort zu Frage 2.645 zutiefst enttäuscht. Damals hatte ein Leser gefragt, wie man als leistungsorientierter Angestellter stressbedingte Krankheiten vermeiden könnte.

Anstatt sich mit der Frage zu befassen, bleiben beim Leser der Antwort folgende Botschaften hängen, auch wenn Sie es expressis verbis nicht so formulieren:

1. Der Fragesteller ist eine Ausnahme und die Frage daher gar nicht für die Masse relevant.

2. Psychische Krankheiten sind meistens nur eingebildet.

3. Und falls es sie doch gibt, so treffen psychische Krankheiten nur leistungsschwache Weicheier.

4. Allgemeingültige Plattitüden: Es gibt kein Patentrezept für psychische Gesundheit. Vielleicht hilft ein Arbeitgeberwechsel.

Auch wenn Sie es vielleicht nicht so gemeint haben sollten, diese Botschaften senden Sie!Stattdessen hätte ich mich über folgende zur Frage passenden Stellungnahmen gefreut: Wie erkennt man, dass man selbst oder ein Kollege gefährdet ist? Gibt es Methoden, wie man seine Leistungsfähigkeit aufrecht erhält oder steigert, ohne seine Gesundheit übermäßig zu gefährden?

Es ist Zeit, sich ernsthaft mit stressbedingten Krankheiten zu befassen!

Antwort:

a) Ich gehe bei der Beantwortung von Leserfragen im Interesse unseres gemeinsamen Anliegens so gut wie irgend möglich auf die höchst individuelle Situation des Fragestellers ein. Das, so finde ich, habe ich im Falle der Frage 2.645 sehr sorgfältig und eingehend getan. Vor allem, indem ich aufgrund seines beigefügten Lebenslaufs zu dem Rat kam, er solle in seiner besonderen Situation etwas vorsichtig mit der Einschätzung „Überlastung“ umgehen, da er eine spezielle Prägung mitbrachte und im relevanten Umfeld erst über seine sehr geringe berufliche Erfahrung verfügte.

Wenn Sie weniger Ihr individuelles Informationsanliegen, das ich ja nicht kennen konnte als vor allem die damals gestellte Frage und dann meine damalige Antwort bewerten, dann, so glaube ich, müssten Sie meine Ausführungen doch deutlich weniger kritisch beurteilen. Lesen Sie beides noch einmal in Ruhe durch und überlegen Sie dann noch einmal, ob Ihre Vorwürfe berechtigt sind. Wobei Sie jederzeit enttäuscht sein dürfen, dagegen kann ich wenig tun.

b) Eigentlich, das wissen Sie so gut wie ich, ist der Hintergrund ein medizinisches Problem. Das ist, wie allgemein bekannt sein dürfte, nicht mein Metier und kann auch nicht durch schriftliche Ferndiagnose gelöst werden.

Ich habe niemanden „Weichei“ genannt, aber: Der Einsender von 2.645 hatte spontan von Überlastung, von Burn-out und „ernsthaften Krankheiten“ gesprochen. Mir war das Argument wichtig, dass jemand mit einigen Monaten(!) Erfahrungen in diesem Umfeld und mit einer speziellen Vorprägung sehr vorsichtig mit einem Urteil sein sollte. Man braucht die Sicherheit einiger Berufsjahre, um mit hinreichender Urteilskraft feststellen zu können, ob jemand überlastet ist oder sich – oft auch aufgrund eigner Fehler – nur so fühlt.

c) Es kommt nicht alle Tage vor, aber hier ist mir ein recht gutes weiteres Argument auf den Schreibtisch geflattert. Der ehemalige Einsender von 2.645 hat meine Antwort gelesen und darauf geantwortet. Um ihn ging es ja. Ich zitiere auszugsweise aus seiner längeren E-Mail:

„Besten Dank für Ihre freundliche Beantwortung meiner Frage. … Bei der Formulierung meiner etwas allgemein gehaltenen Frage hatte ich offenbar zu wenig bedacht, wie maßgeschneidert Ihre Antworten auf die Person des Fragestellers sind …

Mir war bisher noch nicht bewusst, dass meine Zeit an der Hauptschule eine signifikante Abweichung vom ‚Standard“ darstellt. Ich danke für diese Denkanregung. … Sie haben recht. So kurz nach meiner Rückkehr (aus dem Ausland; H. Mell) ist der Arbeitsumfang objektiv noch nicht extrem hoch. Ich sehe aber, …, dass ich möglicherweise in einem Jahr wieder in Arbeit untergehe. …

Zurzeit helfe ich mir, indem ich mich möglichst konsequent auf jene Aufgaben konzentriere, welche mir von meinem Vorgesetzten direkt übertragen wurden. Meine Unterstützung für die Probleme meiner Kollegen, für die ich oft die beste Anlaufstelle war, habe ich deutlich reduziert. Dies entspricht nicht ganz meinem Naturell, ist aber ein effektiver Weg.

Entsprechend Ihrer Anregung werde ich mich nochmal bemühen, eine möglichst objektive Einschätzung der Situation zu erreichen. Auch indem ich mir die Frage stelle: Wo sehe ich meine persönliche Grenze?“

d) Mit allem Respekt gesagt: Natürlich gibt es Menschen, die überarbeitet sind und solche, die sich überlastet fühlen; viele Darstellungen in den Medien in jüngster Zeit heizen das entsprechende „Bewusstsein“ bei den Betroffenen noch an. Aber:

– Jeder meiner zahlreichen Bewerber und Kunden der persönlichen Karriereberatung erläutert mindestens einen Grund, weshalb er an seiner heutigen Situation etwas ändern möchte. „Zu großer Stress“ wird nie auch nur andeutungsweise genannt, jedenfalls nicht von meinen Gesprächspartnern.

– Natürlich gibt es die objektive, nicht abstellbare, extrem belastende Dauerstresssituation. Aber es gibt auch Menschen, die sich so etwas aufladen, die zur Überlastung neigen, die nicht „nein“ sagen, nicht delegieren können. Konkret: Nicht alle Dauerstress-Belastungen sind wirklich unabwendbar (erfahrungsgemäß lesen manche der Betroffenen das gar nicht gern – es ist aber so). Nach einem Personalwechsel gibt es mitunter Nachfolger, die sich anders organisieren und keine Überlastung mehr beklagen.

PS: Ich kenne so in etwa den Bildungsstand vieler Studienabsolventen dieses Landes. Manche haben kein Abitur, sehr viele hatten nie Latein und selbst von denen mit Latinum haben viele Vieles „nicht mehr parat“. Daher: Ihr „expressis verbis“ bedeutet „ausdrücklich“.

Frage-Nr.: 2657
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-11-28

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