Heiko Mell

Allein gegen viele

Ich arbeite bei einem überschaubaren, wirtschaftlich sehr(!) erfolgreichen mittelständischen Unternehmen (hohe Umsatzrenditen). Allerdings gibt es ein massives Korruptionsproblem: Eine technische Führungskraft verkauft Produktionsabfälle aus wertvollen Metallen an einen speziellen Altmetallhändler auf eigene Rechnung.

Pro Monat handelt es sich um mehrere tausend Euro, die in die Tasche der entsprechenden Führungskraft fließen. Eine größere Gruppe von Mitarbeitern aus dieser Abteilung, die von dieser Praxis weiß, wird finanziell mit kleineren Beträgen beteiligt. Eine weitere Gruppe von Mitarbeitern weiß von dieser Praxis, nimmt aber kein Geld an. Durch mehr oder weniger deutliche Erpressung der betroffenen Führungskraft genießen diese Mitarbeiter alle Freiheiten, die Produktivität ist dadurch unterirdisch schlecht.

Darüber hinaus lässt jene Führungskraft im Unternehmen spezielle Produkte fertigen, die sie privat verkauft. Die Geschäftsführung ist ahnungslos, obgleich man aufgrund der Lebensumstände jener Führungskraft – Hobbys, Urlaube, Autos – stutzig werden könnte. Ich habe ohne Wissen des Täters von dieser Praxis erfahren. Daher jetzt die Frage: was tun?

Ich will nicht einfach stillhalten und nichts tun, das widerspricht meinem Arbeitsethos und meinem Gerechtigkeitsempfinden. Ich könnte die Führungskraft anonym oder offen verpfeifen – beides hat seine speziellen Tücken. Weggehen möchte ich nicht, es gefällt mir hier. Zudem finde ich es unlogisch, dass ich gehen soll, obwohl jemand anderes betrügt.

Um es kurz zu machen: Der Mann muss weg (wenngleich mir bewusst ist, dass dadurch seine komplette Existenz auf dem Spiel steht).

Wie würden Sie dieses Problem lösen?

Antwort:

Eine Bemerkung vorab: Die Existenz eines Straftäters steht nicht wegen der Aufdeckung seiner Tat auf dem Spiel, sondern wegen der Tat! Nicht der Polizist, der ihn „erwischt“, muss sich Sorgen machen, dass der arme Mensch nun böse bestraft wird, sondern der Täter selbst hätte sich vorher solche Gedanken machen sollen. Aber das nur am Rande.

Jetzt machen wir etwas Unerwartetes, wir sehen uns die Geschichte aus der Sicht der Geschäftsführung an, die – auf welchem Weg auch immer – gerade offiziell von den Betrügereien erfahren hat. Zwei Ausgangsvoraussetzungen dabei: Eine erste Prüfung hat die Vorwürfe erhärtet – und dem Unternehmen geht es immer noch gut, „saumäßig“ gut.

Vor fünf Minuten waren die Geschäftsführer noch äußerst erfolgreiche, gut verdienende (hohe Rendite = hohe GF-Tantiemen) unternehmerische Top-Manager. Nun sind sie plötzlich nur noch „arme Schweine“, die einen großen Haufen von – z. T. kaum lösbaren – Problemen vor sich sehen:

1. Die Geschichte fällt auf sie zurück: Wie konnte das geschehen, warum hat das niemand aus der GF bemerkt, wieso gibt es keine Systeme und Kontrollen, die das verhindert haben? Eine einfache „Wertstoffbuchhaltung“ hätte genügt: Das Gewicht des eingekauften Materials pro Zeiteinheit gegenübergestellt dem Gewicht der produzierten Teile und der offiziell verkauften Abfallmenge.

Also: Von dem Skandal, Ärger oder wie Sie es sonst nennen wollen, bekommen die Geschäftsführer ihren Teil ab. Denken Sie an die Aufmerksamkeit, die der Fall in der Öffentlichkeit (das ist ja fast schon Bandenkriminalität) hervorrufen wird. Und an den Zorn der Unternehmenseigentümer auf die „unfähigen“ Geschäftsführer – die durchaus auch wegen dieser Sache Schaden an ihrer Karriere nehmen könnten.

2. Für die GF stellt sich die Situation im Unternehmen dabei so dar:

– Jene betroffene Führungskraft muss sofort fristlos entlassen werden, zusätzlich wird Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu erstatten sein.

– Jene größere Gruppe der Mitprofitierer (die Geld eingesteckt haben) ist ebenfalls sofort zu entlassen und vermutlich ebenfalls anzuzeigen, sonst wird man unglaubwürdig.

– Die weitere Gruppe, die alles wusste, davon profitiert hat (ohne Geld anzunehmen) und die keine Meldung erstattet hat, ist entweder auch (vielleicht fristgerecht) zu entlassen, mindestens sind hier Abmahnungen fällig.

Bleibt die nicht ganz unwichtige Frage: Und wer macht dann die täglich anfallende Arbeit im Hause, wenn wir alle gefeuert oder demoralisiert haben, die es verdient hätten?

Wer sichert uns dann für die nächsten Monate unsere so besonders reizvolle Umsatzrendite?

Ich garantiere Ihnen: So richtig glücklich werden die Geschäftsführer nicht sein, wenn sich ihnen die Katastrophe erst in ihrem vollen Ausmaß erschließt. Und bei all der Wut auf die Betrüger werden sie kaum Zeit finden und Lust haben, dem Aufdecker des Skandals besonders dankbar zu sein.

3. Da durch Mitgliedschaft in den verschiedenen genannten Gruppen praktisch die halbe Belegschaft irgendwie betroffen ist (und sei es als Mitwisser), weiß auch die Geschäftsführung, dass der Aufdecker (also Sie) von fast allen als „der eigentlich Schuldige“ angesehen werden wird. Niemand wird mehr gern mit diesem Mann zusammenarbeiten wollen, er müsste damit rechnen, aus dem Unternehmen hinausgemobbt zu werden. Offiziell müsste die GF ihn eigentlich belobigen, aber das würde die allgemeine Wut und Verachtung der vielen Täter und ihrer Freunde nur noch anheizen. In Erfüllung ihrer Fürsorgepflicht Ihnen gegenüber müsste sich die GF sogar Gedanken um Ihre körperliche Unversehrtheit machen. Noch ein Problem mehr.

Und wäre eine anonyme Anzeige eingegangen, gäbe es für alle im Hause nur noch ein Thema: Wer war das? Ein winziges Indiz genügt und der Volkszorn und vermutlich der Unwillen der Geschäftsführung kochte hoch.

Nun schwenken wir hin zur klassischen Betrachtung des Problems, nämlich zu Ihren Möglichkeiten (Sie kennen sich und die handelnden Personen, ich kenne beide dieser Parteien nicht; Sie müssen Ihren speziellen Weg finden):

a) Es gibt in Ihrer beruflichen Umgebung ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen und sehr viel Unheil anrichten kann. Ignorieren, was theoretisch denkbar wäre, können Sie das alles praktisch nicht mehr.

b) Sie stecken bis zum Hals im Morast. Um da wieder hinauszukommen, werden Sie einen ordentlichen Preis zahlen müssen. Ohne den wird es nicht gehen. Sie sind schuldlos dort hineingekommen? Die Antwort des Lebens auf derartige Einwände lautet: Na und?

c) Sie sind jetzt Mitwisser, das ist auch moralisch verwerflich. Außerdem haben Sie eine Loyalitätspflicht gegenüber Ihrem Arbeitgeber. Falls Sie doch ein Nichtstun erwägen: Wenn die Geschichte eines Tages auffliegt – und das wird sie -, dann wird jeder jeden beschuldigen. Und die Geschäftsführung (vielleicht auch die Organe der Justiz) werden akribisch der Frage nachgehen: Wer hat davon gewusst? Falls auch nur ein einziger Mensch weiß, dass Sie „damals schon“ wussten, dürften Sie schon aus diesem Grund nicht mehr ruhig schlafen.

d) Wenn man bis zum Hals im Morast steckt und gerettet werden will, ist es unklug, einzelne Rettungsvorschläge aus Prinzip abzulehnen. Ich bringe trotz Ihres erkennbaren Widerwillens die Variante „das Unternehmen so schnell wie möglich verlassen“ ins Gespräch. Das kann der kleinste Preis sein, den Sie zahlen müssten. Außerdem: Wenn alle Beteiligten gehen oder gefeuert werden, bleibt nicht viel an erbaulichem Umfeld für Sie.

e) Bei einer offenen Anzeige müssten Sie fast um Ihr (Über-)Leben fürchten. Eine anonyme Anzeige ist nicht sehr anständig – und lässt alle nur wütend über den Absender spekulieren.

f) Sie könnten mit der betroffenen Führungskraft sprechen, ihr mitteilen, dass die Geschichte in größeren Kreisen bekannt ist als sie weiß und sie auffordern, entweder sofort das Unternehmen zu verlassen oder zumindest sofort „damit“ aufzuhören. So könnten Sie vielleicht zumindest ein Ende erreichen. Aber Sie decken damit weiterhin den Betrug aus der Vergangenheit – wenn der Täter später auffliegt, zieht er sie mit hinein.

Das ist also auch keine sinnvolle Lösung.

Und: In jedem besseren Krimi würde der Kreis der betroffenen Täter versuchen, Sie endgültig auszuschalten, wie auch immer.

g) Sie könnten mit einem der Geschäftsführer vertraulich unter vier Augen sprechen (vielleicht besuchen Sie ihn dafür ohne Anmeldung zu Hause) und ihm sagen, was Sie wissen (erst seit gestern, versteht sich). Versichern Sie ihm, Sie wüssten, dass die Angelegenheit große Dimensionen hätte, zu einer Gefährdung der ganzen Firma führen könnte (sofern man alle Beteiligten entlässt). Sie hätten nur Ihre Pflicht tun und ihn informieren wollen. Sie überließen es völlig ihm, was er nun unternehme und ob überhaupt. Niemand im Hause wisse von diesem Gespräch, dabei bliebe es unter allen Umständen. Sie würden jede denkbare Reaktion der GF verstehen können (gemeint ist eine nach dem folgenden Punkt I).

Ausblick: Es gibt noch zwei Varianten, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

I. Es könnte für eine sehr pragmatisch denkende GF die beste Lösung sein – gar nichts zu tun (was aber eine Information durch Sie nach g voraussetzt). Durch eine anscheinend zufällig eingeführte Maßnahme zur Prozessoptimierung („Wertstoffbuchhaltung“ o. ä.) wird das Loch gestopft. Hinzu kommen allgemein klingende Warnungen vor Betrug pauschal an die gesamte Belegschaft. Geld verdient wurde stets gut und wird weiter gut. Die gestohlenen Vermögenswerte sind unwiederbringlich verloren. Gehen die Täter alle ins Gefängnis oder werden sie auch nur gefeuert, ist die zukünftige Rendite in Gefahr. Einfach für die Zukunft Wiederholungen auszuschließen und den Betrieb weiterlaufen zu lassen, könnte das kleinere Übel sein. Mittelfristig muss man den Haupttäter natürlich feuern, mit welcher Begründung auch immer („Gott vergibt, Django nie“). Und nach und nach einige der anderen „Helden“. Aber so, wie es den Belangen des Unternehmens am besten entspricht.

II. Ich habe aus relativer Nähe dieses erlebt: In einem Großbetrieb kam heraus, dass ein Fertigungsleiter „nebenbei“ auf Betriebskosten einfache Transportkarren bauen ließ und mit großem Erfolg privat verkaufte. Nach sorgfältiger Abwägung, auf welchem Wege man am besten an das veruntreute Geld kommen könne, wurde entschieden: Der Fertigungsleiter macht sich mit der Karrenproduktion selbstständig, die Firma finanziert das und bekommt Anteile vom Verkaufserlös. Die andere Lösung wäre moralisch leuchtender, aber finanziell ein Verlust gewesen.

Sagte ich schon, dass man das Berufsleben am besten als großes (Monopoly-)Spiel betrachten sollte? Und auch dort gibt es ja eine Karte „Gehe ins Gefängnis“.

Also, geehrter Einsender, seien Sie auf alles gefasst.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2564
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-06-07

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