Heiko Mell

Das Bömbchen macht „Puff“

Ich arbeite als „zweiter Mann“ und damit Vertreter des Leiters eines kleineren Bereichs in einem mittelständischen Unternehmen.

Mein Vorgesetzter wurde zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Unternehmensgeschichte eingestellt – damals waren die Ansprüche an die Qualifikation noch nicht so hoch. Er meint sich etwas „leisten“ zu können und tut das ausgiebig. Möglich ist das natürlich nur wegen zu laxer Kontrolle durch die Unternehmensführung und weil seine Mitarbeiter (vor allem ich) alle Versäumnisse ausbügeln (müssen).

Z. B. werden sämtliche schwierigen Arbeiten der Bereichsleitung auf mich abgewälzt. In den Urlaubsregelungen rangieren die Mitarbeiter gegenüber dem Chef unter „ferner liefen“. Das jedoch genügt noch nicht. Der Chef unterschlägt auch, zugegebenermaßen in nicht sehr hohem Ausmaß: Er täuscht – meinem Eindruck nach – indem er einen bei bestimmten Vorgängen erbrachten und von ihm abgerechneten persönlichen Aufwand für sich reklamiert, der objektiv betrachtet sehr unrealistisch erscheint.

Das Arbeitsklima ist bei seiner Anwesenheit mies, z. B. wegen allenthalben auftretender Probleme durch sein Missmanagement oder wegen seines Prinzips „spalte und herrsche“. Das belegt nicht nur der hohe Krankenstand. Wenn ich Gelegenheit habe, während seiner reichlich bemessenen Abwesenheit die Dinge in die Hand zu nehmen, bessert sich das Klima schlagartig.

Klar, dass ich hier „ausbrenne“. Deshalb führe ich seit geraumer Zeit Buch über die Ungereimtheiten und bin zusätzlich auf der Suche nach einer neuen Aufgabe.

Nun die Fragen an Sie:

Wieviel muss man sich bieten lassen? Wäre ein geschlossener Auftritt der Mitarbeiter gegen den Chef (unter Umgehung desselben?) empfehlenswert? Wann lässt man die „Bombe“ hochgehen, indem man die Geschäftsführung informiert (vor dem eigenen Ausscheiden oder erst zu diesem Zeitpunkt oder danach)? Ist man illoyal, wenn man die kleinen Unterschlagungen und wahrscheinlichen Betrügereien nach oben „durchsteckt“ bzw. nicht meldet?

Gespannt und hoffnungsvoll Ihre Analyse erwartend …

Antwort:

Also man soll eigentlich gar keine Bomben werfen. Auch nicht, wenn man sehr gute Gründe hat und sicher sein kann, dass der Sprengsatz irgendetwas Positives bewirkt. Aber noch viel wichtiger sind zwei Anmerkungen zu diesem Fall:

Was Sie da haben, ist allerhöchstens ein niedliches Bömbchen. Das würde „Puff“ machen, dann klopfte sich das Zielobjekt den Staub vom Anzug, schüttelte sich und ginge ebenso zielstrebig wie wütend auf den Werfer los. Und das wäre es dann gewesen mit Ihrer Meuterei.

Ihre als Mindestvoraussetzung geltenden „sehr guten Gründe“ taugen nichts. Meuterer werden nämlich später angeklagt und müssen sehr gute „gerichtsfest beweisbare“ Gründe vorbringen, warum ihr gegen die bestehende Ordnung (man bedenke: in Deutschland) gerichtetes Handeln ausnahmsweise gerechtfertigt war.

Nun gehen wir Ihre „Bilanz des Schreckens“ der Reihe nach durch und schauen einmal, was Sie denn da so vorzubringen haben:

– Ihr Vorgesetzter wurde ernannt, als Ansprüche an die Qualifikation noch nicht so hoch waren: Die Sache mit den damaligen Ansprüchen lässt sich nicht wirklich beweisen. Selbst wenn das gelänge, würde man die Schulter zucken: Was wollen Sie machen – alle Leiter über 40 entlassen? Wert des Argumentes im Sinne der Anklage: 0. Außerdem machen Sie sich damit alle älteren Führungskräfte zu Feinden.

– Er meint sich etwas „leisten“ zu können und tut das ausgiebig: Das taugt so pauschal überhaupt nichts. Wert: 0.

– Die Kontrollen durch die Unternehmensleitung sind zu lax: Wenn Sie irgendeine Anklage gegen Ihren Chef erheben, ist die Unternehmensleitung das „Gericht“ – und gleich die höchste Instanz. Was bringt es, bei der Gelegenheit das „Gericht“ auch noch anzuklagen? Also gilt auch hier als Wert: 0.

– Die Mitarbeiter (vor allem Sie) müssen alle Versäumnisse des Chefs ausbügeln: Erstens sind Sie dazu dort angestellt, zweitens sind keine Versäumnisse bewiesen. Wert: 0.

– „Sämtliche“ schwierigen Arbeiten wälzt der Chef auf Sie ab: Sie haben nicht darüber zu urteilen, was er zu erledigen hat und was er delegieren darf. Außerdem trägt er die Gesamtverantwortung. Wert: 0. Es ist eine Standardbeschwerde aller Untergebenen.

– Bei der Urlaubsregelung rangieren die Mitarbeiter gegenüber dem Chef unter „ferner liefen“, Urlaubsregelungen sollten immer ein fairer Ausgleich zwischen den Interessen aller sein. Aber natürlich hat der Chef Vorrang. Das hat er in vielen Details, also auch hier. Wert: 0.

– Die „kleinen Unterschlagungen“ und „wahrscheinlichen Betrügereien“ gehen auf nichts zurück als auf Ihre Beobachtungen, nach denen das, was er tut, „objektiv betrachtet, sehr unrealistisch erscheint“. Wegen derart schwammiger Vermutungen klagt man keinen Chef an. Das spräche eher gegen Sie und setzte Sie einer Gegen-Anklage wegen Verleumdung aus: Wert: -5

– Das Arbeitsklima ist bei seiner Anwesenheit mies, wenn er weg ist und Sie die Leitung haben, bessert sich das Klima schlagartig. Und der Chef trägt die Schuld am hohen Krankenstand: Der Bereich soll bestimmte Aufgaben effizient und überzeugend lösen, nicht vorrangig ein gutes Klima haben. Der Chef achtet halt auf Disziplin, Sie erkaufen sich die Zuneigung der Leute, indem Sie zu weich sind. Und bewiesen, dass unter Ihrer Leitung besser gearbeitet wird, haben Sie auch nicht – bloß behauptet, die Leute seien dann glücklicher, wofür sie und Sie aber nicht bezahlt werden. Und den Beweis zwischen Führung und Krankenstand können Sie auch nicht erbringen. Die Leute werden auch ohne schwierigen Chef gelegentlich krank. Wert: 0.

– Sie führen „Buch“ über die Ungereimtheiten: Das also ist es, was Sie haben, Ungereimtheiten. Keine Beweise! Klagt man deswegen seinen Chef bei der Unternehmensleitung an? Absolut nicht!

Wenn Sie mit Ihrem „Buch“ aufkreuzen, wird der Geschäftsführer spontan denken: „Eines Tages sitzt der vor den Gesellschaftern und zitiert aus seinen Aufzeichnungen über mich. Das fehlte mir noch. Oder der Kerl geht zur Steuerbehörde oder zum Kartellamt.“ Ende der Abrechnung. Was Sie haben, hat einen „Wert“ von weniger als gar nichts, belastet eher Sie als ihn.Wollen Sie wissen, wie so etwas abläuft? Also Sie gehen zur Unternehmensleitung und lassen Ihr „Bömbchen“ hochgehen. Dann wird der Geschäftsführer Ihnen eine unverbindliche, vertröstende Antwort geben, erklären, dass er das prüfen müsse, dass er damit natürlich Ihren Chef konfrontieren müsse (der muss sich ja verteidigen dürfen), er melde sich wieder. Dann schickt er Sie wieder weg.

Jetzt ist der Geschäftsführer sauer darüber, dass man ihn mit solchem Unsinn belästigt – und beschließt, alles zu tun, damit nicht andere „Meckerer“ auch noch zu ihm kommen und über ihren jeweiligen Chef Beschwerde führen. Dann fällt ihm ein, dass diese Führungskraft, um die es geht, viele Verdienste um die Firma hat und seit langen Jahren dort klaglos und mit gutem Renommee erfolgreich arbeitet. Dann fällt ihm die goldene Regel für jede Führungskraft ein: Man liebt den Verrat, aber man hasst den Verräter. Und das tut er dann.

Jetzt beschließt er, dass Ihrem Chef eine kleine Abreibung gar nicht schaden könne, der Bursche war ziemlich selbstgefällig in letzter Zeit, man müsste ihn ein wenig auf seine natürliche Größe zurechtstutzen und ihn im Ungewissen lassen, was ihm drohen könnte. Dann lässt er ihn kommen:“

Sagen Sie mal, was haben Sie sich da eigentlich für einen Stellvertreter großgezogen. Ich hatte gehofft, Sie hätten Ihren Laden etwas besser im Griff. Nun ja, jedenfalls war der Mann heute bei mir und hat Sie regelrecht angeklagt – von Unfähigkeit bei der Führung bis hin zur persönlichen Bereicherung auf Firmenkosten. Ich glaube ja nicht, dass da etwas dran ist und bin sicher, Sie werden das alles aufklären können – aber ich finde es höchst ärgerlich, dass mir so etwas auf den Tisch kommt. Ich habe ja schließlich noch etwas anderes zu tun. Also lassen Sie sich die Vorwürfe im Detail vorlegen (das wird peinlich für den Ankläger) und geben Sie mir zu den Details eine Stellungnahme (wird peinlich für den Chef des Bereichs, damit hat er Sie alle beide ‚im Sack“).

Überlegen Sie einmal, ob und wie Sie mit Ihrem Vertreter eigentlich noch zusammenarbeiten wollen. Ich fürchte, da wird sich etwas ändern müssen (pauschale, finstere Drohung gegen alle, wirkt immer). So, das reicht mir jetzt, ich warte auf Ihre Stellungnahme.“Ab dann haben Sie einen Todfeind – und einen Prozess eingeleitet, an dessen Ende Sie gehen müssen. Vielleicht Ihr Chef auch, aber davon haben Sie nichts mehr. Bei Meutereien gilt: In jedem Fall muss der Anführer „erschossen“ werden, dann bricht der Rest schnell in sich zusammen.So als Randargument: Sie schildern die ewig lange Dienstzeit Ihres ungeliebten Chefs. Dann aber gilt doch sicher auch: Er hat Sie zu seinem Stellvertreter gemacht – damit hat der Mann dann ja wohl manchmal auch richtige Entscheidungen getroffen, oder nicht?

Fazit: Sie sollten generell keine Meuterei anzetteln oder sich an ihr beteiligen. Aber im vorliegenden Fall kommt hinzu: Ihre Argumente sind schwach, sehr schwach. Übrig bleibt: Sie können den Kerl nicht ausstehen und wünschen ihn zum Teufel. Das ist für Angestellte nicht gerade originell, Sie finden Träger dieses Gedankens in sehr vielen Unternehmen.

Zu Ihren Fragen:

Die „Waffe“ des Angestellten ist die Kündigung, alles andere ist sehr schwierig und geht schnell nach hinten los. Wenn Sie sich zu schlecht behandelt fühlen, suchen Sie sich einen neuen Job. Das ist der Weg, der allgemein genommen wird.

Bedenken Sie: Die Unternehmensleitung hat Ihren Chef eingestellt und hält ihn, sie schenkt ihm Vertrauen. Ihre massive „Bauch“-Kritik richtet sich eigentlich gegen die Top-Ebene Ihres Hauses. Diese merkt entweder nichts, kontrolliert die Führungskräfte nicht genug, sie erkennt nicht, wer eigentlich die „wahren Qualitäten“ hat. Was wollen Sie noch bei einem derart miserabel geführten Unternehmen?

Und zu dem optimalen Zeitpunkt für das Hochgehenlassen der „Bombe“: Vor der Kündigung ist es sehr gefährlich für Sie, anlässlich der Kündigung ebenfalls – Sie brauchen noch ein Zeugnis und müssen noch ein paar Wochen oder Monate dort arbeiten. Nach dem Ausscheiden ist es nur noch „billig“ und steht für pure Rachsucht. Sie sehen, es passt schon rein zeitlich nie.

Von einem „geschlossenen Auftritt“ des Bereichs gegen den Chef rate ich energisch ab. Eine solche „Meuterer-Abteilung“ hätte sofort einen ziemlich schlechten Ruf im Hause. Und wenn es heißt, dass Meuterer „erschossen“ werden, dann sind damit die Laufbahnen zahlreicher Mitarbeiter zerstört oder beschädigt.

Bleibt die Frage der Loyalität: Juristisch gehört Ihre dem Unternehmen. In der täglichen Praxis reklamiert sie Ihr Chef für sich. Geraten diese beiden Parteien in Konflikt miteinander, wird Ihre Rolle die des Korns zwischen zwei Mühlsteinen.

Wenn Sie nun konkrete, unwiderlegbare Beweise hätten, dass Ihr Chef das Unternehmen tatsächlich nennenswert betrügt – dann hätten Sie ein echtes Problem. Theoretisch müssten Sie das der Unternehmensleitung melden, praktisch würde kein anderer Chef mehr mit jemandem arbeiten wollen, der seinen früheren Vorgesetzten höheren Orts „gemeldet“ hat. Wüssten Sie konkret etwas und meldeten es nicht, könnte Ihnen die Unternehmensleitung später bittere Vorwürfe machen, die durchaus auch zu Ihrer Entlassung führen könnten.

Auch für eine derartige Situation gilt: einen neuen Job suchen und kündigen, so schnell wie möglich.

Es gibt in Ihrer Situation einen ehrenhaften Ausweg, bei dem Sie weiter erhobenen Hauptes dort auftreten können – vielleicht aber dennoch mittelfristig gehen müssen: Suchen Sie sich aus Ihrer Liste einen oder zwei Punkte heraus und sprechen Sie die unter vier Augen bei Ihrem Chef offen an. Kritisieren Sie nicht, informieren Sie ihn sehr vorsichtig und zurückhaltend. Zum Beispiel darüber, dass innerhalb des Bereichs über seine Abrechnungen getuschelt würde und dass Sie eines Tages eine anonyme Mitteilung eines rachsüchtigen Mitarbeiters an die Unternehmensleitung nicht ausschließen könnten. Dass Sie selbstverständlich davon ausgingen und das auch intern verträten (Loyalität), da sei nichts dran, aber das Getuschel sei nicht auszurotten. Wenn Sie Glück haben, hört er damit auf. Wenn Sie Pech haben, wird er wütend und macht alles noch schlimmer. Oder er will Namen der „Tuschler“ von Ihnen hören. Dann hätten Sie „den Salat“.

Kurzantwort:

1. Für die „Besserung“, Disziplinierung oder Entfernung eines aus dem Ruder gelaufenen Chefs sind dessen Vorgesetzte zuständig. Ein Mitarbeiter, der höhere Vorgesetzte über seinen Chef „informiert“, hat keine Freude daran (man liebt den Verrat, aber man hasst den Verräter)! Der sicherste Ausweg für einen solchen Mitarbeiter ist es, sich einen neuen Job zu suchen und zu kündigen.

2. Erkennt ein Mitarbeiter, dass sein Chef das Unternehmen betrügt, droht ihm ein extrem gefährlicher Loyalitätskonflikt – den er dort kaum überleben kann.

Frage-Nr.: 2541
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-02-16

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