Heiko Mell

Ich werde 50. Und nun?

Ihre Antwort auf Frage 2.513 (Darf man das Bewerben üben?) fand ich sehr interessant und (eigentlich) sehr hilfreich. Ich werde im nächsten Jahr 50. Sie schrieben nun in Ihren Notizen aus der Praxis 389 (Karrierecheck Nr. 10): „Einen Job zu haben, ist nur ein halber Sieg. Sie brauchen die Gewissheit, jederzeit auf dem Markt Ersatz dafür erringen zu können.“

Wie vielen anderen Arbeitnehmern geht es auch für mich darum, meine Existenz und die meiner Familie zu „verteidigen“.

Ich blicke auf mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung als Dipl.-Ing. bei drei großen, namhaften Arbeitgebern zurück. Ab welchem Alter macht es für mich keinen Sinn mehr, gemäß Ihren Vorschlägen vorzugehen, weil ich wegen meines Alters auf dem Arbeitsmarkt „tot“ bin?

Sehen Sie aufgrund des sich verschärfenden Fachkräftemangels in der Zukunft eine Verschiebung der Altersgrenze nach oben? Was raten Sie einem Ingenieur, der die kritische Altersgrenze nach oben überschritten und durch Katastrophen welcher Art auch immer arbeitslos wird und noch X Jahre bis zum Rentenalter zu überstehen hat?

Antwort:

Das Thema kommt – verständlicherweise – immer wieder einmal hoch, daher will ich mich hier auf eine Zusammenfassung beschränken:

1. Alle Veränderungen, insbesondere solche, die mit dem Entscheidungsverhalten von Menschen zu tun haben, vollziehen sich sehr langsam. Rechnen Sie also nicht mit schnellen, schlagartigen Fortschritten. Wenn sich der Durchschnitt eingestellter älterer Bewerber alle zehn Jahre um ein bis zwei Jahre nach oben verschiebt, wäre das schon viel.

2. Wenn eine Bewerbergruppe knapp wird, z. B. Ingenieure, dann versucht die Industrie erst einmal, ihre Idealvorstellung (jung + erfahren), mit erhöhtem Aufwand, aber mit gleichbleibendem Ziel durchzusetzen und vielleicht ein bisschen toleranter zu sein. Dann kommt die nächste Krise – in der man von Bewerbern überlaufen wird. Dann kommt die nächste Hochkonjunktur – und man fängt wieder neu an. Man stößt bei den gesuchten Idealkandidaten auf Probleme, geht zähneknirschend ein bis zwei Jahre mit der Altersgrenze hinauf. Bevor man sich daran gewöhnt hat, kommt die nächste Krise, in der es mehr Bewerber als Stellen gibt. Dann beginnt alles wieder von vorn. Ihr Alter steigt ab jetzt zweifelsfrei schneller als die Altersgrenze für Neueinstellungen.

3. Feste Grenzen gibt es nicht. Bei (nichtführenden) Sachbearbeitern beginnen Vorbehalte oft schon bei Mitte 40, bei Managern gibt es immer wieder einmal Neueinstellungen mit einem Alter über 50 (so bis etwa 52, 53; über 55 wird es für „fremde“ Bewerber ohne persönliche Beziehung oder Fürsprache auch in dieser Gruppe extrem schwierig).

4. Je älter Sie in diesem Sinne werden, desto mehr gilt: Sie verkaufen, was Sie bereits können und schon kennen (Tätigkeit, Branche, Firmentyp, -größe etc.). Der Kandidat von 35 hingegen verkauft z. T. sein Potenzial für neue Dimensionen.

5. Je unbeliebter der Standort und/oder je „verrückter“ Tätigkeit und Branche, desto geringer der Wettbewerb durch junge Aufsteiger. Das kann Ihre Chance sein.

6. Die Bereitschaft zum Wechsel „nach unten“ (von der Position bis zum Gehalt) ist erforderlich. Aber selbst das muss gut verkauft werden. „Habe 100.000,- EUR, arbeite auch für 75.000,- EUR“, bringt nichts. Hingegen hat oft ein „Altersbedingt stehen Einkommens- oder Statusfragen für mich nicht mehr im Mittelpunkt; ich suche vorrangig die Möglichkeit, mein umfassendes Wissen und meine entsprechenden Erfahrungen einzubringen“ schon eher Aussicht auf Erfolg.

7. Da mit hoher Misserfolgsquote zu rechnen ist, sind viele Bewerbungen erforderlich.

8. Umzugsbereitschaft ist unabdingbar. Suchen Sie von Anfang an überregional. „Gern genommen“ wird dieser Fehler: Zuerst wird nur im regionalen Umfeld des Wohnortes gesucht. Das führt wegen zu kleinen Angebotes zu nichts – kostet aber wertvolle Zeit. Dann, wenn die Arbeitslosigkeit so sechs Monate oder mehr erreicht hat, bewirbt man sich endlich bundesweit, ist dann aber eben wegen dieser Arbeitslosigkeit nicht mehr besonders interessant.

9. Die Bereitschaft zur Annahme befristeter Tätigkeit, zu Interims-Engagements, zu Leiharbeitsverhältnissen oder zu selbstständiger Tätigkeit sollte grundsätzlich gegeben sein.

10. Meine wichtigste Empfehlung: Versuchen Sie alles, um Ihren heutigen Job zu behalten. Oft kann man nichts gegen Entlassungen tun. Aber mitunter zeigt die spätere Analyse, dass es ratsam gewesen wäre, sich nicht gegen eine organisatorische Änderung, Versetzung, Einkommenseinbuße oder anderweitige Rückstufung zu stemmen. Versuchen Sie rechtzeitig, in den Augen Ihrer Chefs so unentbehrlich, wertvoll und konstruktiv wie möglich zu sein.

11. Es gibt keine Logik dahingehend, dass die Leistungsfähigkeit eines Arbeitnehmers ständig steigt, mit 65 ihren Höhepunkt erreicht – und dass wir genau diesen „Peak“ wählen, um ihn in Rente zu schicken. Die Wahrscheinlichkeit spricht hingegen dafür, dass der Marktwertverlauf schon in etwa mit der Leistungsfähigkeit einhergeht. Warum soll die Summe aus Wissen, Können, Erfahrung, Offenheit für Neues und Begeisterungsfähigkeit nicht tatsächlich mit 45 ihren Höhepunkt erreichen?

Danach steigen einige Faktoren (Erfahrung) leicht weiter an, viele andere gehen jedoch zurück. Ein langsames Ab der Laufbahn zum Renteneintritt hin wäre doch völlig akzeptabel. Das müsste auch unternehmensintern umsetzbar sein. Und es würde auch zur persönlichen Situation des Angestellten ganz gut passen.

Kurzantwort:

1. Der ältere Angestellte kann sicher nicht mehr alle geltenden Regeln (z. B. für Aufstieg und Bewerbung) umsetzen. Aber er sollte alle Anregungen befolgen, die darauf gerichtet sind, eine vorhandene Anstellung nicht zu verlieren.

2. Je älter ein Bewerber ist, desto mehr sollte seine Zielposition in allen Details seiner heutigen oder letzten gleichen (er verkauft, was er kann, nicht was er könnte).

Frage-Nr.: 2540
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-02-02

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