Heiko Mell

Was denkt Ihr Chef über Sie?

Ihren Artikel (2.502. Frage „Was denken andere über Sie“) habe ich mit Genuss gelesen, er ist inhaltlich sehr klar und geschliffen geschrieben.

Als kleinen Beitrag liefere ich Ihnen ein Anekdötchen vom Beginn meiner Vertriebslaufbahn (nach 12-monatiger Tätigkeit für diese Firma):

Unterwegs mit dem Chef bei diversen Kunden, dabei ständige, sehr persönliche, verletzende Kritik an mir. Abschließende Frage meinerseits auf dem Weg zum Flughafen: „Was denken Sie, wie Ihre Art der Kritik bei mir ankommt?“ Antwort (O-Ton): „Das ist mir scheißegal.“

Meine Konsequenz: Lebenslauf aktualisiert, „Fallschirm“ und raus!

Antwort:

Mir sagt „Fallschirm“ so nichts, aber Sie waren ja auch gerade auf dem Weg zum Flugzeug. Ich gehe davon aus, dass Sie damit symbolisch ausdrücken, Sie hätten ab sofort Bewerbungen geschrieben und den schnellen Absprung gesucht. So weit, so gut.

Zwei Anmerkungen dazu:1. Solche Chefs gibt es. Ich diskutiere oft mit Vorgesetzten über unzufriedene Mitarbeiter. Ein bisschen Menschenverachtung wird bei höheren Vorgesetzten oft durchaus spürbar.

Das System verlangt so etwas tatsächlich. Sehen Sie einmal das Beispiel eines Generals, der morgen seine Truppen in die Schlacht führt. Wenn man die eigene Stärke (Anzahl, Bewaffnung, Kampfmoral), das Gelände, die Stärke des Gegners (vermutete Stärke, vermutete Bewaffnung, vermutete Kampfmoral) zugrunde legt, kann man ziemlich genau vorhersagen, ob dieser General eine Chance hat, sein Ziel zu erreichen – und wie hoch seine Verluste an Menschen etwa sein werden („ca. 2.000 – 3.000 Mann“). Er weiß also, wieviele seiner Soldaten er mit dem Angriffsbefehl praktisch zum Sterben verurteilt (er weiß nur nicht, welche das sein werden). Und dennoch wird von ihm verlangt, dass er diesen Befehl gibt.

Entsprechend wird von einem Geschäftsführer verlangt, dass er einen Bereich schließt, eine Tochtergesellschaft verkauft oder seine Belegschaft durch Entlassungen um 20% reduziert. Hier geht es dann nicht um den Tod der Betroffenen, aber für manche (das weiß er) ist damit doch ein „beruflicher Tod“ verbunden. Und dennoch wird auch von ihm verlangt, dass er die entsprechende Anweisung erteilt.

Menschenführung kann also im Extrembereich mit zumindest teilweiser Menschenverachtung einhergehen. Nun pflegt man das offiziell natürlich nicht so zu nennen. Der Unternehmensführer mit 10.000 Mitarbeitern tut ja so etwas nur, um den verbleibenden 8.000 Mitarbeitern Arbeitsplatz und Existenz zu erhalten – das andere sind „unvermeidbare Kollateralschäden“ oder die „Späne, die beim Hobeln eben fallen“.

Und aus dieser nicht uneingeschränkt typischen, aber vom System eigentlich sogar gestützten Grundhaltung (als „Menschenfreund“ eingestufte Vorstandsvorsitzer sind eher selten, sie sollten besser Freund maßgeblicher Aktionäre sein) kommt dann schon einmal so ein Ausspruch wie der oben zitierte. Gedacht wird oft so, wörtlich gesprochen eher selten.

Punkt 1 war sachbezogen, eher die „Pflicht“ zum Warmlaufen. Jetzt kommt die Kür:

Nehmen wir einmal an, die Dinge hätten sich genau so abgespielt wie von Ihnen geschildert. Dann war Ihr „Was denken Sie, wie Ihre Art der Kritik bei mir ankommt?“ ziemlich- unangemessen,- unklug,- anmaßend,- vermessen,- kritisierend,- schnippisch- provozierend.

So redet man nicht mit einem ranghöheren Vorgesetzten. Jedenfalls nicht, wenn man weiter mit ihm zusammenarbeiten und dort eine erfolgreiche Berufslaufbahn begründen will.

Sie, geehrter Einsender, verstehen schon: Es geht nicht um Kritik an Ihnen, es geht um das einprägsame Beispiel für andere Leser. Ich wage einmal die Prognose: Nicht sehr viele haben beim Lesen sofort gedacht: Na ja, wenn er seinen Chef auch derart reizt …

Chefs sind – je ranghöher und je autoritärer, desto mehr – von geradezu mimosenhafter Empfindlichkeit gegenüber jedem Anflug von vermuteter Missachtung. Wobei sie die Definitionshoheit für diesen Begriff für sich beanspruchen („Ich hasse Missachtung – und was Missachtung ist, bestimme ich“).

Und Ihre Entgegnung war in seinen Augen alles, was ich oben aufgezählt habe. Sie haben ihn wütend gemacht (soll man bei Chefs lieber nicht tun), wer wütend ist, gebraucht Begriffe aus der Kategorie der „Sch…-Wörter“. So einfach ist das.

Schön, er hat mit seiner Kritik an Ihnen „angefangen“ – aber was hilft Ihnen das? „Fallschirm“ geht nicht immer.Jetzt wollen viele Leser von mir begründet haben, warum ich Ihre damalige Erwiderung so einstufe. Das ist schwierig und wird leicht uferlos in der Darstellung. Für so etwas habe ich im Kopf einen eingebauten „Schaltkreis“: Wenn der etwas in der Art registriert, gehen die roten Warnlämpchen bei mir an. Diesen Baustein habe ich in vielen Jahren so „programmiert“, der begründet nicht mehr; der warnt einfach: So geht es nicht!

Ich will etwas anderes tun und zwei Beispiele geben:

a) Stellen Sie sich vor, der Chef wäre viel zu spät zum verabredeten Treffen auf dem Flugplatz erschienen, die Maschine wäre weg und der Kundentermin geplatzt. Nun würde der Mitarbeiter den Chef empfangen mit: „Was denken Sie, wie Ihre Terminüberziehung bei mir ankommt?“ Denkbar? Nein, unter keinen Umständen. So motzt man Chefs einfach nicht an, was immer auch geschieht, weder in Sachen „Verspätung“, noch in Sachen „Kritik“.

b) Zum Vergleich eine akzeptable, empfehlenswerte und vielleicht sogar hilfreiche Alternative für Ihre Bemerkung gegenüber dem Chef: „Sie haben mir mehrfach sehr deutliche Hinweise darauf gegeben, dass ich Fehler gemacht habe. Zunächst einmal bedaure ich das – schließlich können Sie erwarten, dass ich Sie mit meinem Verhalten und mit meiner Arbeit zufriedenstelle. Ich werde mir das in jedem Fall zu Herzen nehmen und an mir arbeiten. In einzelnen Bereichen hat mich Ihre Kritik darüber hinaus ziemlich getroffen, sehr sogar. Bitte lassen Sie mich ganz offen fragen: Glauben Sie, dass es mir überhaupt möglich sein wird, mich so weit zu ändern oder signalisieren Sie mir, mich mittelfristig anderweitig umzusehen?“

Das Interessante dabei: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre der Chef besänftigt, allein durch Ihre Bereitschaft, die Kritik anzunehmen. Vermutlich hätte er gesagt: „Ach Quatsch, reißen Sie sich ein bisschen am Riemen, dann klappt das schon.“ In jedem Fall aber hätten Sie es vermieden, Ihren Chef wütend zu machen.

Kurzantwort:

Vorgesetzte sind mimosenhaft empfindlich gegen Missachtung seitens ihrer Mitarbeiter – auf den Ton kommt es an.

Frage-Nr.: 2531
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-12-23

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