Heiko Mell

Naturwissenschaftler und Ingenieure

Gibt es Ihrer Erfahrung nach Unterschiede der Wahrnehmung bzw. Wertschätzung in den Unternehmen von Abschlüssen der naturwissenschaftlichen Fächer (Chemie, Mathematik, Physik) gegenüber den ingenieurwissenschaftlichen Abschlüssen?

Antwort:

Wir kommen besser weiter, wenn wir Sie hier gleich einmal als (mit Auszeichnung) promovierten theoretischen Physiker outen, der seinen beruflichen Einstieg gerade gefunden hat.Zunächst einmal – gut dass ich nichts von freudschen Verschreibern weiß – haben Sie es geschafft, in dem Ihnen wohl arg fremden Wort „ingenieurwissenschaftlichen“ drei Fehler unterzubringen (habe ich korrigiert). Vielleicht ist das ein Zeichen für die Kluft, die gelegentlich zwischen beiden Gruppen durchschimmert.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Wir sprechen hier von klassischen Industrieunternehmen (wie dem Ihren). Und wir lassen Ihre Chemiker hier komplett heraus. Schließlich gibt es eine bedeutende chemische Industrie, in der es von Chemikern naturgemäß nur so wimmelt. Dann gilt in etwa:

a) Die weitaus meisten Angestellten aus diesen beiden Gruppen (Naturwissenschaftler und Ingenieure) entfallen auf Ingenieure. Damit kommen die anderen je nach Branche und Produktspektrum des Unternehmens leicht in die Nähe von Exoten.

b) Es gibt relativ viele Menschen mit naturwissenschaftlichem Studium, die gern in diesen Industrieunternehmen arbeiten möchten (vermutlich auch, weil es anderweitig kaum auf sie ausgerichtete Arbeitsplätze gibt). Aber es existieren nur sehr wenige industrieinterne Positionen, die in ihrem Anforderungsprofil genau auf sie zugeschnitten sind. Konkret: Nur in sehr wenigen Stellenanzeigen der Industrie werden direkt oder alternativ z. B. Physiker konkret gesucht.

c) In diesen Industrieunternehmen sind jedoch deutlich mehr Physiker tätig als konkret gesucht wurden. Diese „Überhang-Naturwissenschaftler“ haben sich erfolgreich um Ingenieur-Positionen beworben und arbeiten auch auf solchen Plätzen. Sie werden „als wären sie Ingenieure“ beschäftigt, stecken in entsprechenden Laufbahnen und unterliegen entsprechenden Anforderungen.Eine etwas gewagte, in der Mehrzahl der Fälle aber sicher schon zutreffende Behauptung: Sie hätten auch gleich Ingenieurwissenschaften studieren können. Zumindest hätte es vielen von ihnen den Berufseinstieg erleichtert, und die Auswahl an Arbeitgebern wäre oft deutlich größer gewesen.

d) Für diese in Ihrer Frage im Mittelpunkt stehenden „Überhang-Naturwissenschaftler“ in Industrieunternehmen gilt nun speziell:

– Vielfach ist es schwer, überhaupt einmal ein Unternehmen für den Berufseinstieg zu finden. Ein größerer Mittelständler der Metallverarbeitung und ein promovierter theoretischer Physiker, das sind schon Welten.

– Wenn man den Einstieg geschafft hat, wird man intern schnell „Ingenieur unter Ingenieuren“. Sofern man den Anforderungen an den dort eigentlich vorgesehenen Ingenieur gut entspricht, auf Dauer-Diskussionsbeiträge wie „Ich als Physiker“ verzichtet, die Sprache der Ingenieure spricht und Leistungen wie sie erbringt, gerät (intern!) der eigentlich gegebene „Exotenstatus“ schnell in Vergessenheit. Aus dem promovierten Dipl.-Physiker (theoretische Richtung), Max Müller, wird schnell mehr und mehr der Mitarbeiter Max Müller, der „als Ingenieur tätig“ ist, dieses und jenes leistet und kann und anderes eben nicht.

Auch bei Beförderungen wird bald nur noch geschaut, ob Max Müller das Potenzial mitbringt, sein ehemaliger Sonderstatus gerät – oft total – in Vergessenheit.

– Bei externen Bewerbungen kommt seine spezielle Vergangenheit sehr schnell wieder „hoch“. Max Müller ist dem Bewerbungsempfänger völlig unbekannt, der sieht nur den theoretischen Physiker, dessen Dissertationsthema er nicht einmal vorlesen kann – und der ihn vielleicht an jenen einen Totalversager erinnert, den seine Firma vor zehn Jahren einmal eingestellt hatte. „Nie wieder“ – wer einen kennt, kennt schließlich alle. Dieser Effekt hält viele Jahre an. Die Ausbildung verblasst zwar auch bei externen Bewerbern mit der Zeit gegenüber der beruflichen Praxis, aber das dauert.

– Pauschale Empfehlung also z. B. für Physiker auf Ingenieurpositionen: bleiben, aufsteigen, Erfolge haben, mehr der „Abteilungsleiter Produktentwicklung“ werden und sein als der „promovierte theoretische Physiker“. Und erst so spät wie möglich wechseln (z. B. nach zehn Jahren und vorzeigbaren Karriereresultaten bei jenem Arbeitgeber, der Ihnen damals trotz eigentlich „falschen“ Studiums eine Chance gab).

Kurzantwort:

Es werden relativ wenige Physiker und Mathematiker von Industrieunternehmen ausdrücklich gesucht. Viele solcher Bewerber haben es jedoch geschafft, sich z. B. für Ingenieur-Positionen zu qualifizieren. Unternehmensintern gerät ihr „Exotenstatus“ schnell in Vergessenheit, bei externen Bewerbungen jedoch bleibt er über viele Jahre hinweg ein „Thema“.

Frage-Nr.: 2517
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-11-04

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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