Trotz FH-Dipl.-Ing. mit „1“ + Master „minderwertig“?

Mich beschäftigt und quält seit einiger Zeit der Gedanke, dass meine Ausbildung nicht mit dem typischen Universitätsabschluss mithalten kann und ich mich somit immer „minderwertig“ fühlen werde.

Mit 26 Jahren habe ich mein FH-Studium im Bereich Maschinenbau in der Regelstudienzeit mit der Note „sehr gut“ abgeschlossen. Während der vorlesungsfreien Zeit habe ich schon bei meinem späteren Arbeitgeber gearbeitet. Aufgrund eines besonderen Stipendiums konnte ich mich während des letzten Studienjahres parallel zu einem speziellen Fachingenieur qualifizieren.

Nach Studienende und Übernahme durch meinen Arbeitgeber förderte dieser einen berufsbegleitenden Master-Studiengang. Nach drei anstrengenden Semestern besitze ich nun den akademischen Abschluss M. Sc. Im endgültigen Arbeitsleben angekommen, habe ich oft Kontakt zu Ingenieuren mit einem Universitätsdiplom. Tatsächlich besitze ich keinen Universitätsabschluss und habe auch nie auf einer Universität studiert – daher beschleicht mich oft der Gedanke, dass ich diesem Niveau nicht gerecht werde.

Um dieser gedanklichen Einbahnstraße zu entkommen, bliebe mir die Promotion (zu der mich der M. Sc. berechtigt). Allerdings müsste diese dann berufsbegleitend sein, da ich meine Festanstellung nicht aufgeben werde. Aufgrund der Erfahrung mit dem berufsbegleitenden Master-Studium sehe ich davon zunächst ab.

Können Sie mir sagen, ob meine Leistungen dem eines Universitätsdiploms gerecht werden?

Antwort:

Ihre ganze Verzweiflung – die ich ernst nehme, weil sie da ist, nicht weil sie berechtigt wäre – wird hier sprachlich in Ihrem letzten Satz deutlich: Der Gedanke übermannt Sie förmlich, Sie verlieren die Kontrolle und formulieren lauter Unsinn. Ich sage das, weil ich daran die Tiefe Ihrer Verwirrung zu erkennen glaube. Nun muss ich aber das zunächst begründen:

– Niemand außer Ihrem Chef kann sagen, ob Ihre „Leistungen“ irgendeinem Vergleich standhalten. Man könnte hier allenfalls von „Qualifikation“, „fachlichem Können“ oder „Leistungsvermögen“ sprechen.

– „Meine Leistungen“ sind mehrere (Plural), demnach muss es danach „denen“ nicht „dem“) heißen.

– Ein Universitätsdiplom leistet gar nichts, es ist nur ein Stück Papier, das jemandem etwas bescheinigt.

Was Sie also meinen, ist etwa: Können Sie mir sagen, ob meine Qualifikation der eines Menschen mit Universitätsdiplom entspricht? Und auch darauf ist keine pauschale Antwort möglich. Denn es gibt FH-Absolventen, die stecken leistungsmäßig mühelos ganze Kontingente von Uni-Absolventen in die Tasche und es gibt Universitäts-Dipl.-Ing. auf einsamer Leistungshöhe. Teils ist das fachlich zu sehen, teils liegt es im persönlichen Bereich begründet – eine stets gültige Aussage dazu gibt es nicht. Aber dazu kommen wir später, zunächst zum Anfang.

Damit niemand denkt, ich wäre mit geschlossenen Augen gegen die Wand gefahren: Ich wusste von Anfang an, dass dieses Thema uns beiden Ärger bringen dürfte. Dem Einsender wegen seines Komplexes und mir wegen der Aussagen, die nun kommen. Aber was wäre das Leben ohne Aufregung.

Also, geehrter Einsender, nehmen wir zunächst die Ausgangssituation: Sie haben den FH-Abschluss mit 1 gemacht. Das ist eine typische Basis für immer wieder einmal auftauchende Frustrationen. Und man soll es eigentlich nicht tun (wobei ein bewusst schlechteres Abschneiden keine Lösung wäre).

Sehen Sie (ich muss sehr, sehr vorsichtig sein und sollte schon jetzt wieder einmal vorsorglich darauf hinweisen, dass ich selbst auch Absolvent einer FH o. ä. bin), es gab zu Ihrer Zeit zwei verschiedene Institutionen, an denen man studieren konnte: Fachhochschulen, die z. T. alles taten oder tun, um nicht mehr so zu heißen, was aber nichts ändert, und Universitäten/Technische Hochschulen. Beide Institutionen bildeten Dipl.-Ingenieure aus, die sehr begehrt und in der Wirtschaft sehr anerkannt waren, jeweils auf ihrem Gebiet und mit individuellen Schwerpunkten.

Aber die Institutionen, somit auch die Studien dort und die damit verbundenen Anforderungen waren nicht gleich. So scheine ich zu den ersten Autoren zu gehören, die herausfanden: Der Standard-FH-Student mit Abitur erreichte ein FH-Examen, das eine ganze Note besser war als sein Gymnasial-Abschluss, der Standard-Uni-Student lag mit seinem Examen genau auf Abiturniveau (Abweichungen im Einzelfall inbegriffen, die erwähnten Ergebnisse schwanken höchstens um ± eine halbe Note, kaum mehr). Daraus kann man eine simple Tatsache ableiten, das überlasse ich Ihnen. Nichts davon, was ich hier sage, ist irgendwie kritisch gemeint, dies nur zur Klarstellung.

Nun stellen Sie sich die Einser-Absolventen beider Institutionen vor: Der an der Uni hat die anspruchsvollste der möglichen Ausbildungen (die ihren Schwerpunkt im wissenschaftlich-theoretischen Bereich hat) mit maximalem Ergebnis abgeschlossen. Mehr als er hat, geht im Lande nicht, er ist erst einmal glücklich und stolz, entschließt sich zur Promotion und setzt damit noch eine halbe bis eine Stufe drauf. Er hat kein Problem, weder bis dahin noch beim Berufseinstieg oder kurz danach. Jedenfalls vorerst nicht.

Der Einser-FH-Absolvent kann(!) sich die Ärmel aufkrempeln, sich in die Praxis stürzen, dort nicht Tod noch Teufel fürchten und allmählich zum Geschäftsführer aufsteigen. Er kann(!) über einen Vergleich mit Uni-Absolventen die Schultern zucken, sich vielen davon überlegen und dem großen Teil des Restes gleichwertig fühlen und eines Tages erkennen, dass die Uni-Einser-Leute vielleicht noch ein wenig tiefschürender ausgebildet sind, aber keineswegs weniger Probleme haben. Und gut ist’s!

Also: Er kann. In der Praxis jedoch kommt es ziemlich oft zu Entwicklungen wie bei unserem Einsender. Er fühlt sich irgendwie wie der ewige Erste der zweiten Bundesliga. Er ist, da wo er ist, ganz oben, aber er weiß, er hat noch nicht alles gehört, studiert, erarbeitet. „Da ist noch etwas, das mir verschlossen bleibt“ – und er weiß nicht, was das ist, und das nimmt ihm schier die Luft. Aber er weiß, dass er das problemlos hätte haben können – wer an der FH auf 1 kommt, erreicht an der Uni praktisch immer mindestens eine 2.Natürlich sollte dieser FH-Einser-Absolvent seinen Minderwertigkeitskomplex begraben, die Ärmel aufkrempeln und es den Uni-Leuten einmal zeigen. Aber hilft gutes Zureden? Eine reale Basis für sein Gefühl des Unterlegenseins gibt es nicht, das braucht man nicht zu betonen.

Jetzt kommt der Master ins Spiel, ebenfalls an einer FH erworben. Ich verstehe auch nicht alles in dem Zusammenhang, aber soweit ich weiß, ist dieser Master dem an der Uni im Prinzip gleichwertig. Gleich ist er nicht, dann wäre ja die Lehre an beiden Institutionen gleich, was wohl so niemand behaupten mag. Aber gleichwertig, beide berechtigen zur Promotion (die aber nur an einer Uni möglich ist).

Wie man es auch dreht und wendet: Da die Uni-Dipl.-Ingenieure heute nun auch überwiegend (nicht alle) Master heißen (werden), ist unser Einsender dem Uni-Absolventen wieder ein Stück nähergerückt. Aber, das drückt ihn: Auf einer Uni war er nun immer noch nicht. Dort könnte ja etwas vorgehen, was ihm verschlossen blieb (und von dem er ahnt, dass er es mühearm hätten haben können).

Die mögliche Promotion könnte ein Ausweg sein und die vermeintliche Schere weiter schließen (weil man dazu intensiven Kontakt mit einer Uni gehabt haben muss und auch eine Promotionsurkunde von einer solchen Institution bekommt). Aber „hauptberuflich“ will unser Einsender das ebenso wenig wie nebenberuflich – also fällt das aus.

Fazit für andere: Wer ein Abitur hat, wähle die Institution zum Studieren mit Bedacht. Beim NC von 2,0 oder besser „droht“ an der FH eine 1. Dann reibt man sich entweder die Hände und tobt los, um sich auch in der Praxis an die Spitze zu setzen oder man fällt der Verzweiflung anheim. Wer mit der Abi-Note 2,0 oder besser an die Uni geht, braucht dort Probleme dieser Art nicht zu befürchten (vielleicht jedoch andere).

Fazit für den Einsender: Sie haben eine tolle Basis mit FH-Dipl.-Ing., Fachingenieur und Master. Ihr FH-Examen weist Sie als Mann aus, der fachlich nahezu alles schaffen kann, was er will, ausgenommen vielleicht den Professor. Schütteln Sie Ihren Komplex ab (ich bin Ingenieur, kein Therapeut), sagen Sie zu Ihrem vermeintlichen Problem „na und?“, hauen Sie beruflich ordentlich rein und fürchten Sie niemanden. Einen sachlichen Grund dazu haben Sie jedenfalls nicht. Und im Vertrauen: Uni-Absolventen kochen auch bloß mit Wasser, aber sagen Sie das nicht weiter.

Kurzantwort:

1. Die Persönlichkeit „macht“ die Karriere, nicht vorrangig die Art des Hochschulabschlusses.

2. Es ist bekannt, dass manche Einser-Absolventen der FH das lähmende, wenn auch überflüssige Gefühl haben, da wäre noch etwas, das sie noch nicht kennengelernt hätten.

Frage-Nr.: 2499
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-07-29

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