Heiko Mell

Ich will eine ruhige Kugel schieben

Als 32-jährigem Ingenieur stellt sich mir die Frage, ob es für mich in meinem Job Nachteile hat, wenn ich bewusst allen Aufstiegsmöglichkeiten aus dem Weg gehe. Ich möchte nämlich keine Karriere, sondern einfach nur meinen Job gut machen, keine große Verantwortung tragen und einfach nur Dienst nach Vorschrift erledigen. Sozusagen ein ruhiges, harmonisches Privat- und Berufsleben führen.

Darf ich das meinem Chef auch mitteilen, sodass der weiß, woran er bei mir ist? Im Klartext: Ich möchte einfach nur eine ruhige Kugel schieben. Oder bekomme ich Probleme, wenn ich gute Arbeit leiste, mir Aufstiegsmöglichkeiten vorgeschlagen und angeboten werden, ich diese aber ablehne?

Ich will doch einfach nur meinen Job machen, aber keine Verantwortung für andere Mitarbeiter tragen bzw. ich möchte kein Personal führen.

Antwort:

Bei Problemen wie diesem besteht ein erster Lösungsansatz in der Frage: „Was geschieht, wenn ich einfach nur ganz offen ausspreche, was ich denke?“ Sie müssen es ja nicht wirklich tun – aber stellen Sie es sich einfach nur einmal vor:

Schreiben Sie wesentliche Elemente Ihrer „Frage“ wie oben als Einleitung ins Anschreiben einer Bewerbung oder machen Sie sie Ihrem Chef zugänglich. Das Resultat: Niemand stellt Sie ein und Ihr Vorgesetzter schreibt Ihren Namen auf die Liste derer, die als „entbehrlich“ gelten. Das ist schon einmal ein schlechtes Zeichen.

Darf man also nicht einmal mehr selbst entscheiden, ob man Karriere machen will? Man darf schon, aber Sie haben sich ja darauf nicht beschränkt. Sie wollten ja auch „Dienst nach Vorschrift“ machen und eine „ruhige Kugel schieben“. Und solche Leute braucht die Wirtschaft nicht, jedenfalls nicht im Bereich akademisch gebildeter Mitarbeiter.

Denn es gibt nicht zwei Angestellten-Kategorien, wie Sie unterstellen (Karrieremacher und die anderen), sondern es gibt drei:

a) Menschen, die an Karriere (steigende Verantwortung für Sachen und Personal) interessiert sind;

b) Mitarbeiter, die sich – warum auch immer – auf die Ausführungsebene (Sachbearbeiter) beschränken, dort aber dem Idealbild entsprechen oder nacheifern (Engagement, Einsatz, Verantwortungsbereitschaft, Eigenmotivation, hohe Fachqualifikation etc.);

c) Mitarbeiter, die meinen, sie beschränkten sich bewusst auf die Ausführungsebene, während sie in Wirklichkeit niemals jemand befördern würde – weil sie nicht nur Sachbearbeiter bleiben wollen, sondern auch noch schlechte sind („Dienst nach Vorschrift“, „ruhige Kugel schieben“ etc.). Diese Gruppe gibt es, aber beliebt ist sie nicht. Ihre Mitglieder haben keine Zukunft im Beruf.Sie, geehrter Einsender, ordnen sich durch Ihre Aussagen freiwillig in weiten Teilen der Gruppe c zu, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, es befördert Sie schon niemand. Chefs haben einen „Riecher“ für eine Arbeitseinstellung dieser Art.

Auch auf einem anderen Weg könnten Sie sich einer Antwort auf Ihre Frage nähern: Sie sind Angestellter eines Unternehmens. Dieses hat selbst gestellte und vom Markt diktierte Aufgaben zu lösen. Um diesen gerecht zu werden, muss das Unternehmen ein Höchstmaß an Dynamik, Engagement, Kreativität, Aktivität etc. erbringen. An jedem Tag, zu jeder Stunde. Wer nun passt besonders gut und wer passt eher überhaupt nicht als Angestellter in ein derart gefordertes Unternehmen? Sie erkennen es selbst: Da bleibt kein Raum für Leute vom „Typ c“.

Da das angerissene Thema aber ein sehr interessantes ist, das erfahrungsgemäß viele Leser anspricht, bleiben wir noch ein bisschen dabei: Vergessen wir einmal die Kategorie c und konzentrieren wir uns auf die Frage: Darf und soll ein „b-Typ“ seinen Aufstieg verhindern – und wie stellt er es an?

Erster Teil der Antwort: Natürlich darf er. Wenn er nicht aufsteigen will und sich überfordert fühlt von Karrierepositionen, dann ist es sogar ratsam, sich nicht befördern zu lassen! Das ist besser für seinen Arbeitgeber, besser für die gegebenenfalls von ihm geführten Mitarbeiter (schlimmer als ein „böser“ Chef ist nur noch ein unfähiger) und für ihn (denn eine gescheiterte Führungskraft will der Arbeitsmarkt nicht wieder als Sachbearbeiter eingliedern). Außerdem sind wir ein freies Land und niemand kann zu einer bestimmten Erfolgslaufbahn gezwungen werden.

Aber es ist durchaus erforderlich, bei der Ablehnung eines Aufstiegs taktisch geschickt vorzugehen, denn dabei touchiert man an einigen Stellen die „Leitplanken“, mit denen das System den Berufsweg eingrenzt:

1. Der Chef ist – natürlich – der Mensch, der die Situation stets besser beurteilen kann, mehr von Potenzialbeurteilung versteht usw. Wenn der nun sagt: „Müller, Sie können das“, dann ist die Entgegnung: „Nein, Sie irren sich, ich kann das nicht“ schon etwas gewagt. Wann hätten Chefs sich je geirrt?

2. Sich einem Wunsch / Vorschlag des Chefs zu widersetzen, ist immer gefährlich.

3. Grundsätzlich ist der Angestellte aufgerufen, alles was er kann zum Wohle der Firma einzusetzen und zu kommen, wenn sie ihn ruft. Sich einem solchen Ruf zu verweigern, ist riskant.Die Konsequenz aus 1. – 3.: Es ist nicht ratsam, mit der Verweigerung erst anzufangen, wenn die Pläne zu Ihrer Beförderung schon auf dem Tisch liegen. Es ist besser, solche Vorhaben im Keim zu ersticken und entsprechende Ansinnen an Sie gar nicht erst entstehen zu lassen.Wegen der Argumente nach 1. – 3. muss das behutsam erfolgen, beispielsweise so:

I. Sie sind völlig kompromisslos ein ausführender Angestellter des Typs b. Heißt konkret: ein Leistungsträger, ein Top-Mitarbeiter, ein Vorbild für andere.II. Ohne konkreten Anlass reden Sie gelegentlich mit Ihrem Chef. Wie immer, empfiehlt es sich, mit etwas Positivem anzufangen (Chefs sind auch bloß Menschen): „Ich habe natürlich weder Sie noch Ihre Arbeit zu beurteilen, aber ich sehe ja viel von dem, was Sie täglich tun. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich sehr oft richtig toll finde, wie Sie die Probleme angehen, wie Sie gerade auch mit den Managementaufgaben zurechtkommen. Damit meine ich ganz gezielt auch die Führung unseres ‚Haufens“ aus meinen Kollegen und mir. Also ich sage ganz offen, ich möchte das nicht und ich könnte das auch nicht. Ich habe mich oft gefragt, wo meine Interessen liegen. Die Antwort ist mir schließlich ganz klar geworden: nicht in der Führung, nicht in der Verantwortung für Mitarbeiter. Ich mache meine Arbeit gern, hoffe auch, ich mache sie gut, sage aber ganz ehrlich, dass ich eine Beförderung in Führungsfunktionen nicht anstrebe. Nein, das wäre nichts für mich.“Und natürlich ist keine Rede von „ruhigen Kugeln“ und „Dienst nach Vorschrift“.

Nun kann ich das Thema nicht abschließen ohne Warnung: Schön, Karriere zu machen erfordert die Bereitschaft, den „Preis“ dafür zu zahlen, den man vorher noch nicht einmal genau kennt und der je nach Umfeld unterschiedlich ausfällt.

Aber bewusst keine Karriere zu machen, obwohl die Chefs Talent dafür zu erkennen meinen, erfordert ebenso die Bereitschaft, einen Preis zu bezahlen. Die wichtigsten Elemente dessen:

A) Jetzt sind Sie 32, auch die späteren Abteilungs- und Bereichsleiter Ihres Hauses sind noch Leute wie Sie. In zehn Jahren sind diese heutigen Kollegen etwas „geworden“, essen in der besseren Kantine, haben Dienstwagen, Macht, bewegen etwas. Und Sie unterstehen dann einem jugendlichen Gruppenleiter von Anfang 30, der fachlich nicht halb so viel weiß wie Sie, aber Ihnen Weisungen erteilt und Ihre Arbeit kritisiert. Wenn Sie dann sagen: „Der Bursche hat Fähigkeiten, die ich nicht habe, es sei ihm gegönnt“, ist alles in Ordnung. Fatal wäre: „So viel wie der kann ich schon lange, ich habe bloß nicht gewollt.“ Das ist eine tolle Basis für vielerlei Ärger.

B) Fünf Jahre Praxis im Job werden in Stellenanzeigen öfter einmal gefordert, zehn Jahre extrem selten, mehr nie! Wenn Sie also in Ihrem ausführenden Job 45 werden und den Arbeitgeber wechseln wollen oder müssen, liegt Ihre Qualifikation „nicht mehr im Fokus des Marktes“. Und so besonders gut, mag mancher Bewerbungsleser murmeln, könnten Sie ja auch wohl nicht sein – sonst hätte Sie längst jemand befördert.

C) Die gesamte Umwelt hat Respekt vor jemand, der da sagt: „Ich hätte das nicht gekonnt.“ Sehr viel schwieriger hat es ein Kollege mit: „Ich hätte auch gekonnt, ich wollte bloß nicht.“

Ein etwas gewagter Schluss: Eigentlich ist das Nichtwollen nur ein spezieller Ausdruck des Nichtkönnens. Denn um zu können, muss man wollen. Wer nicht will, dem fehlt ein Teil der Qualifikation für die Karriere – in letzter Konsequenz fehlt das Talent dazu. Um Zweifeln vorzubeugen: Ein schlechterer Mensch ist er damit absolut nicht.

Kurzantwort:

1. Für hervorragend ausgebildete Angestellte, die beruflich vor allem „eine ruhige Kugel schieben“ wollen, gibt es offiziell keine Arbeitsplätze.

2. Es ist nicht nur erlaubt, sondern sogar klug, eine Karriere nicht anzustreben, wenn die Fähigkeiten dazu fehlen. Ob die Definition „Ich hätte schon gekonnt, wollte aber nicht“, überhaupt haltbar ist, ist offen – das Wollen ist ein Teil der geforderten Qualifikation für die Karriere.

3. Zweifelsfrei zahlt man für die Karriere einen Preis. Für den bewussten Verzicht zahlt man jedoch ebenfalls einen solchen.

Frage-Nr.: 2414
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-06-04

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