Heiko Mell

„Ausbeutung“

Ich bin Berufsschullehrer, Ihre Karriereberatung lese ich mit Begeisterung seit den ersten Anfängen. Häufig kann ich von Ihren Fallschilderungen profitieren und mit dem so gewonnenen Wissen meinen Schülern auf vielfältige Weise konkrete Hilfe anbieten.

Ich muss jedoch eingestehen, dass junge Leute häufig nicht gewillt sind, die Ratschläge von Eltern und Lehrern (das auch noch in Personalunion) wenigstens zu überdenken. Daher bitte ich um Ihre Hilfe.Mein Sohn (Mitte 30) hat nach Abitur, Wehrdienst und Lehre ein technisches Studium mit Spezialgebiet … abgeschlossen. Das Studium hat etwas länger gedauert, wie es immer seine Art war.Seit zwei Jahren hat er einen Job in einem kleinen, aber überregional tätigen Büro für Planung und Beratung auf seinem Spezialgebiet in der Nähe seines Heimat- und Wohnortes. Er darf selbstständig arbeiten und wird mit allen Tätigkeiten betraut.

Nun klagt er über erhebliche Belastungen durch lange Arbeitszeiten und eine Vielzahl von (unbezahlten) Überstunden. Außerdem sei die Bezahlung schlecht und der Chef und Firmeninhaber sei „knickrig“. So werde auf Dienstreisen schon mal in der Cafeteria von Möbelhäusern gespeist, um Kosten zu senken. Dienstliche Gespräche mit dem Mobiltelefon müssen selbst bezahlt werden.

Nun muss ich mit Entsetzen Gesprächen mit meinem Sohne entnehmen, dass er nach nur zwei Jahren als Berufsanfänger zu kündigen droht. Er hat zz. keine Alternative und müsste bei einem Arbeitgeberwechsel (falls der überhaupt nahtlos gelänge) vermutlich größere Anfahrtswege in Kauf nehmen. Ein möglicher Gehaltszuwachs würde durch Mehraufwand für Fahrten und Reduzierung der Freizeit durch Warten im Stau unserer Ballungsregion wettgemacht. Arbeitsverhältnisse in größeren Strukturen haben ebenfalls erhebliche Nachteile. Der Kauf einer Immobilie hat ebenfalls nicht zu vermehrter Flexibilität beigetragen.

Ihren Rat benötigt nicht nur der Sohn, sondern auch der Vater, denn vielleicht ist der doch so altmodisch, dass er ein ausbeuterisches Arbeitsverhältnis mit der Normalität eines Berufsanfanges vor allem in „schlechten Zeiten“ verwechselt.

Sicherlich können Sie aber mit Ihrem Erfahrungsschatz alternative Strategien zur spontanen Kündigung liefern. Ganz bestimmt gibt es Wege, auch diesen Chef und Inhaber einer Spezialfirma zu einem für beide Seiten erträglichen Arbeitsverhältnis zu bewegen.

Antwort:

Ich habe schon einfachere Probleme auf den Tisch bekommen. Völlig unklar ist die Frage, ob Ihr Sohn mir überhaupt zuhört und dann auch noch zu folgen bereit ist. Als Trost für Sie: Vieles an dem Fall ist typisch. Ich liste auf, was mir einfällt:

1. Lassen Sie Wörter wie „Ausbeutung“ einmal beiseite. Der Vorwurf ist extrem massiv, der Begriff nicht eindeutig definiert, für normale Arbeitsverhältnisse wenden wir ihn hierzulande nicht an. Hört der Arbeitgeber ihn, herrscht „Krieg“ mit allen Konsequenzen.

2. Auflaufender „Frust“ nach den ersten zwei Berufsjahren gehört zum Arbeitsleben, er ist normal. Jetzt zeigt sich, dass viele im Studium genährte Illusionen im Hinblick auf das Berufsleben sich in der Praxis als solche entpuppen. Viele junge Akademiker verlassen ihren ersten Arbeitgeber nach diesem Zeitraum. Das betrifft teilweise auch „erste Konzernadressen“. Zehn Jahre später erklären diese Mitarbeiter dann oft, aus „heutiger Sicht“ hätten sie damals bleiben sollen.

Jungen Menschen fehlt häufig die Fähigkeit, Vor- und Nachteile einer Situation gegeneinander abzuwägen und zu einem abgewogenen Ergebnis zu kommen. Vorteile sind entweder selbstverständlich oder „das steht mir ja wohl zu“, jeder kleine Nachteil ist dagegen schnell „unerträglich“. Offenbar hat man es ihnen in Kindheit und Jugend oft zu leicht gemacht. Selbst studiert man schnell einmal etwas länger als üblich – aber die danach gefundenen Arbeitsumstände haben gefälligst ideal zu sein.

Ideal hingegen wäre eine selbstkritische Einstellung dieser Art: „Ich habe zwei von vierzig möglichen Berufsjahren hinter mir und kenne erst einen von fünf bis zehn möglichen Arbeitgebern. Ich lerne noch, sammle Erfahrungen und bin vorsichtig mit endgültigen Urteilen. Vor allem aber hüte ich mich vor übereilten Schritten, die sich lebenslang in meinen Werdegang einbrennen.“

3. Die Nachteile, die hier genannt werden, würde ich mit zehn „Punkten“ bewerten (ich sage nicht, dass sie nicht existieren). Essen in Möbelhauskantinen, unbezahlte Überstunden, unbefriedigendes Gehalt und gelegentlich ein dienstliches Gespräch auf dem vermutlich privat sehr häufig genutzten Handy – das gehört vielfach zum beruflichen Einstieg, bringt niemanden um und kann der „Preis“ sein, den man für bestimmte Vorteile zahlen muss.

Die Vorteile bewerte ich mit hundert „Punkten“: Er hat einen Job auf seinem Spezialgebiet, darf selbstständig arbeiten, kommt an alles heran. Das ist fast unbezahlbar.

Die Differenz ergibt 90 verbleibende „Punkte“ im Plusbereich. Ach ja, von drohender Entlassung wegen Auftragsmangels o. Ä. m. war auch noch keine Rede – geben wir noch zehn „Punkte“ hinzu. Es gibt ältere Familienväter, die gäben heute allein für diesen Aspekt 100 „Punkte“ – und sie würden mit Freuden in Möbelhäusern essen.

4. Am „knickrigen“ Chef als Typbezeichnung ist vermutlich tatsächlich etwas dran. Das hängt so zusammen:In Konzernen und anderen größeren Firmen ist Geld nur ein „Budget-Posten“. Sie lernen nie jemanden kennen, dem es fehlt, wenn Sie es ausgeben und die Eigentümer des Unternehmens (Aktionäre) bedeuten dem kleinen Angestellten nichts.Im kleinen, inhabergeführten Privatbetrieb ist das alles anders! Jeder 20-Euro-Schein, den ein Angestellter beim Essen oder Telefonieren ausgibt oder der auf sein Gehaltskonto fließt, fehlt dem Chef am Jahresende im privaten Geldbeutel. Das führt zu einem ganz anderen Verhältnis zu Kosten jeder Art. Und sehr oft gilt auch: Es sind nicht die schlechtesten Inhaber, die da als „knickrig“ gelten. Meist sind ihre Firmen extrem solide finanziert, haben selten Existenzsorgen, sind bei Bedarf kreditwürdig – existieren noch, während „große Namen“ längst im Insolvenzchaos untergegangen sind. Gerade kleinere Ingenieurbüros scheinen öfter in diese Kategorie zu fallen.

5. Die Geschichte mit der Immobilie bleibt unklar – jedenfalls sollten Berufsanfänger noch keine kaufen.Und Wohnortnähe ist auch kein Argument: Es schadet jungen Menschen nicht, wenn sie einmal den Wohnsitz wechseln – Umzug statt Staustehen ist für einen ledigen jungen Mann (so unterstelle ich) die Devise.

6. Jetzt wird es ernst: Niemals, unter keinen Umständen, überhaupt nicht und auch nicht mit den besten denkbaren Ausreden kündigt man, ohne ein neues Engagement vertraglich „fest“ zu haben! So etwas führt zu einer Kombination von Arbeitslosigkeit und einem letzten Zeugnis, das „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“ bescheinigt. Das ergibt einen Zustand, den Fachleute „arbeitslos auf eigenen Wunsch“ nennen. Wer sich so außerhalb der geltenden Regeln stellt, ist für neue Arbeitgeber nicht sehr interessant – und die Agentur für Arbeit sperrt ihn beim Arbeitslosengeld.

So unzumutbar, dass er nicht besser als Arbeitslosigkeit ist, kann gar kein Job sein – ist die allgemeine Auffassung. Also für diesen Schritt gäbe es später keine Entschuldigung!

7. Die Jugend lebt häufig nur in der Gegenwart. Probleme, die erkannt werden, sind gefälligst jetzt sofort zu lösen. Dass es dadurch in der Zukunft zu viel größeren Problemen kommen kann, wird nicht gesehen.

Nichts, aber auch gar nichts schützt Ihren Sohn davor, dass in der nächsten Anstellung alles noch viel schlimmer kommt. Der nächste Chef könnte nicht mehr in Möbelhäusern essen, aber eifersüchtig sein Wissen hüten und junge Mitarbeiter von allen anspruchsvollen Tätigkeiten fernhalten. Oder er zahlt die Gehälter nur noch verspätet. Oder er verkauft seine Firma in Kürze an eine größere Gruppe, die seine Kunden übernimmt, aber sein Personal nach Hause schickt.Wenn man aber beim ersten Arbeitgeber zum frühestmöglichen Zeitpunkt (jetzt, nach zwei Jahren im ersten Job) gegangen ist, gibt es kein „Polster“, dass es erlauben würde, dann schon wieder sehr schnell zu wechseln. Also bleibt man immer, wenn es möglich ist, länger als das absolute Minimum. Drei oder vier Jahre wären empfehlenswert.

8. Unbedingt anzustreben ist ein gutes Zeugnis, gerade ein solches vom ersten Arbeitgeber nach dem Studium. Das erreicht man nicht, indem man seinem Inhaber-Chef entweder täglich oder bei der Kündigung erzählt, was man von „Ausbeutern“ hält!

Ich warne nur, denn auch auf diese Idee sind schon Mitarbeiter gekommen. Aber es gilt die Formel: Wütende Inhaber schreiben schlechte Zeugnisse – diese aber schaden ausschließlich den betroffenen Mitarbeitern.Soll man sich also „alles“ gefallen lassen? Nein, keineswegs! Wenn es wirklich unerträglich werden sollte, dann zieht man seine einzige, aber wirksame „Waffe“, die man als Angestellter im Existenzkampf hat: ein unsichtbar an der Seite hängendes Schwert, auf dem „Kündigung“ steht. Wer sich unerträglich drangsaliert fühlt, kündigt eben – bewegt sich aber innerhalb der Regeln dieses „Schwertkampfes“ (Mindestdienstzeit für Anfänger zwei Jahre, erst einen neuen Job haben, dann den alten aufgeben). Und da es bei diesem Arbeitgeber nicht auszuhalten ist, werden alle seine Angestellten gehen, an den Hochschulen wird sich seine „Unmöglichkeit“ herumsprechen, er wird keine Mitarbeiter mehr bekommen. Nicht wahr?

Mehr aber ist kaum möglich.

9. Eine Alternative zur spontanen Kündigung kann ich anbieten, ich kann sogar zwei:

a) diese Argumentation lesen (1 – 8), ihr folgen, die Umstände neu bewerten und bleiben;

b) erst einen rundum besseren neuen Job finden, dann den alten ruhig und friedlich kündigen.

10. Und dann suchen Sie noch meine Hilfe bei einem Weg, um „auch diesen Chef und Inhaber … zu einem für beiden Seiten erträglichen Arbeitsverhältnis zu bewegen“. Da nun stoße ich an meine Grenzen. Ich weiß keinen solchen Weg, ich glaube sogar, es gibt keinen. Denn:

a) Der Inhaber ist intern nahezu allmächtig. Er ist gewohnt, dass so gehandelt wird, wie er es für richtig hält. Er ist es jedoch nicht gewohnt, darüber jeweils zu diskutieren oder sich dafür zu rechtfertigen. Er tut es einfach – und er ist damit erfolgreich. Ein einfaches Argument wird ihn nicht davon abbringen.

b) Ihr Sohn würde ihn zu einer von ihm als einschneidend empfundenen Verhaltensänderung bringen müssen. Das setzt Problembewusstsein und Veränderungsbereitschaft voraus. Beides ist bei sehr mächtigen Leuten sehr(!) schwer zu erreichen.

c) Häufig reagieren mächtige Leute schon auf kleine kritische Bemerkungen sehr gereizt. Größere Kritik könnte zu nicht mehr korrigierbaren Trübungen des Verhältnisses führen – bis hin zur spontanen Kündigung.

d) Wenn sich mächtige Leute schon etwas sagen lassen, dann von „anerkannten Gegnern“ – nicht von eigenen Angestellten im zweiten Berufsjahr.So, mehr kann ich für Sie und Ihren Sohn nicht tun (er ist nach Studium dieser Antwort in meinem Fanklub herzlich willkommen, obwohl ich nicht so ganz daran glaube).

Kurzantwort:

Sicher hat ein Angestellter recht, wenn er sich über Schmerzen im kleinen Zeh ärgert. Aber stets sollte er sehr vorsichtig mit der Idee umgehen, sich deshalb den ganzen Fuß amputieren zu lassen.

Frage-Nr.: 2407
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-04-30

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