Heiko Mell

Und wenn ich meinen Chef nicht mag?

Frage/1: Ich mag meinen Chef nicht – darf ich ihm das sagen?

Frage/2: Ich studiere Maschinenbau an einer TH im Hauptstudium. Im Rahmen meiner ersten Studienarbeit beschäftige ich mich mit einem neuartigen Konzept für die Geschwindigkeitsbeeinflussung an populären Fortbewegungsmitteln (diese „geschraubt“ klingende Definition ist von mir, um Diskretion zu wahren; H. Mell).

Das Projekt verbindet klassische Konstruktion mit sportlicher Leidenschaft und moderner Materialwirtschaft. Ich bin sehr stolz auf die Arbeit, da ich die Idee allein entwickelt hatte und vom interessierten Professor sogar zur Patentanmeldung motiviert worden war. Es folgten Wochen der Anerkennung bei Freunden und bei wissenschaftlichen Mitarbeitern des Instituts für Konstruktion und eine umfangreiche Patentberatung. Letztlich ist die Anmeldung jedoch gescheitert, da die Idee in ihren Grundzügen bereits existiert. Mit ungebremstem Mut habe ich sie dann als Studienarbeit fortführen wollen.

Frage/3: Es fand sich ein geeigneter Betreuer (ein Doktorand aus dem Institut mit scheinbarer Begeisterung für das Metier, um das es hier geht).

Mehrere seiner Verhaltensweisen haben mich mit der Zeit frustriert:(Es folgen mehrere Hauptpunkte, die von mangelndem Interesse bis zu dem Vorwurf reichen, nicht gern zuzugeben, wenn er etwas nicht weiß. Ich will hier bewusst nicht wörtlich zitieren, um den Einsender zu schützen; H. Mell.)

Die Studienarbeit neigt sich dem Ende zu, eine finale Korrektur steht noch an. Mein Missmut ist bisher noch nicht beim Betreuer angekommen. Ich könnte mir ein ruhiges Gespräch mit ihm unter vier Augen vorstellen. Es würde ja auch ihm etwas bringen, wenn er sich vielleicht eingestehen müsste, nicht die nötige Begeisterung an den Tag gelegt zu haben und wenn er in Zukunft bei jüngeren Kommilitonen mehr Einsatz zeigen würde.

Antwort:

Antwort/1: Lieber nicht! Mit der kürzesten Antwort dieser Serie könnte ich dieses zentrale, Millionen deutscher Arbeitnehmer beschäftigende Problem in „gewohnt brillanter Manier“ (hat mir neulich ein Leser geschrieben) erschöpfend abschließen. Aber das Leben ist oft so einfach nicht.

Antwort/2: Bis dahin riskiere ich eine dreiteilige Antwort:

a) Solche Ingenieure braucht das Land! Das ist das Holz, aus dem die Menschen geschnitzt sind, die uns morgen und übermorgen in der Welt voranbringen. Mit diesem Engagement, mit diesem Glauben an die eigene Idee und diesem Niederwalzen oder doch wenigstens Ignorieren aller Widerstände sind viele große Erfinder angetreten. Mögen Leute wie Sie wohlwollende Förderer auf allen Ebenen finden.

b) Solche Ingenieure, vor allem, wenn sie jung sind und ihre erste „große Idee“ hatten, laufen Gefahr, ihre Umwelt „in den Wahnsinn“ zu treiben oder ihr doch gehörig auf die Nerven zu gehen. Man nennt so etwas gern „Sendungsbewusstsein“ – und es ermüdet die anderen Leute. Wer an sich und seine Idee glaubt, darf deshalb dennoch nicht nachlassen, er muss kämpfen, sich weiter einsetzen, jedes Steinchen und jeden Felsbrocken einzeln aus dem Weg räumen.Das (zähneknirschende) „Ertragen“ dieser Enthusiasten ist der Preis, der für technische Bahnbrüche mitunter zu zahlen ist.

c) Das betrifft „Sieger-Erfinder“. Es gilt der Umkehrschluss.Sehen Sie, alle waren nett zu Ihnen, haben Ihre Begeisterung tapfer ertragen – solange es gut aussah. Der Professor freute sich über das bevorstehende Patent eines seiner Studenten, „Film, Funk und Fernsehen“ standen vor der Tür.

Dann der Schlag: Diese bahnbrechende Idee hatte bereits jemand gehabt. Der freie Fall ins eiskalte Wasser. Aus der Traum. So etwas gibt es. Im fortgeschrittenen Alter lernt man, damit zu leben. Das ist „Aufstieg und Fall von Emmerich Erpel aus Wiesweiler-West“ (aus Micky Maus von W. Disney; ich glaube, im Original sagt es Goofy).

Die Umwelt bedauert erst Sie, dann sich (weil sie drauf reingefallen ist). Schön, Sie sind jung, das kann passieren, Schwamm drüber, weiter in der früheren Tagesordnung. Sie haben jetzt a, b und c durchlebt. Und hätten aufhören sollen. Man soll, so die Kaufleute, nicht gutes Geld schlechtem hinterherwerfen. Also lieber ein Verlustgeschäft abschreiben als weiter „gutes Geld“ in eine verlorene Sache zu investieren. Noch dazu eine, die jeder in Ihrem Umfeld als verloren kennt. Ein sauberer Schnitt war gefordert, aber Sie quälen sich und andere mit dem leidigen Thema weiter. Und genau das halte ich für die Ursache der folgenden Probleme.

Antwort/3: Einen Rechtsanspruch auf Begeisterung des Betreuers haben Sie sicher nicht.Es ist ein Feld, auf dem Sie für „später“ üben können. Dafür gelten folgende Erfahrungsgrundsätze:

– Tote soll man beerdigen. Ihr hochgelobtes Thema war mit der Entdeckung des fremden Patents tot. Wahrscheinlich will niemand mehr etwas damit zu tun haben und kaut jetzt nur noch lustlos darauf herum.

– Vielleicht hat der Professor Sie in der Anfangseuphorie seinen Assistenten gegenüber als leuchtendes Beispiel hingestellt und die haben sich geärgert. Dann erleben Sie jetzt die „Rache des Kanalarbeiters“.

– Ein ganz, ganz wichtiger Grundsatz des menschlichen Zusammenlebens: Ihr Chef denkt über Sie wie Sie über ihn (das gilt auch weitgehend für Kollegen). Der Doktorand hält ebenso viel von Ihnen wie Sie von ihm. Man bloß: Geben jetzt Sie ihm eine Note oder er Ihnen?

– „Chefs“ sind generell durch Kritik von unten nicht zu wirklichen Verhaltensänderungen zu bewegen (!!!). Meist prallen Vorwürfe dieser Art an ihnen ab.

– Ihre gesamte Einsendung enthält nicht an einer einzigen Stelle die Frage: Habe ich etwas falsch gemacht, trage ich (Mit-)Schuld, bin ich Ursache statt Opfer? Fast immer jedoch ist das so!

– Versuchen Sie, meine Antworten zu verstehen, zu akzeptieren und möglichst zu verinnerlichen. Und dann reden Sie tatsächlich mit Ihrem Betreuer. Üben Sie Selbstkritik im obigen Sinne, richten Sie sich weitgehend nach ihm, zeigen Sie Verständnis für ihn, der er Ihre Erfinder-Leidenschaft zwangsläufig nicht teilt. Er hat das Ohr des Professors, er schreibt weitgehend die Bewertung.

Das führt uns zu der – üblichen – Frage: Muss man sich alles gefallen lassen? Darauf gibt es keine zentrale Antwort. Aber überlegen Sie bloß einmal, was gewesen wäre, hätten Sie Ihr Patent bekommen. Was hätten dort alle – Professor, Betreuer, Kommilitonen – von Ihnen ertragen müssen? Sie wären schier geplatzt vor Stolz – und ich hätte es sogar verstanden. Nun haben Sie Pech gehabt, so ist das Leben. Aber jetzt müssen Sie Ihr Verhalten der neuen Situation anpassen: vom Ruhm und Ehre beanspruchenden Erfinder zurück zu dem Verfasser einer eher als lästig empfundenen Studienarbeit, zum Normalstudenten.

Kurzantwort:

1. Keine Wiederbelebungsversuche an „toten“ Projekten.

2. Man steht so kurz vor dem Erfolg, dann schlägt das Schicksal zu – so ist das Leben, man muss sich frühzeitig daran gewöhnen.

3. Erfolgreiche nerven oft die Umwelt, diese erträgt das – solange der Erfolg andauert. Dann schlägt das Pendel zurück.

Frage-Nr.: 2383
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-01-21

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