Heiko Mell

Frauen im Nachteil?

Zu Ihrer Jubiläumsfrage 2.330 möchte ich (w.) Folgendes aus meiner Praxis anmerken: Ihrer Aussage, dass erst mehr Frauen in Führungspositionen die Berufswelt verändern werden, stimme ich zu.

Aufgrund der damaligen Arbeitsmarktsituation bin ich nach Studienende in der Konsumgüterindustrie gelandet. Mittlerweile bin ich froh, in einer Branche zu arbeiten, in der traditionell mehr Frauen als beispielsweise in der Automobilindustrie tätig sind. Es hat zur Folge, dass auch im Management Frauen zu finden sind, die etwas bewegen und als Vorbild dienen können.

Zudem bin ich an einem ostdeutschen Standort. Bei uns gibt es nicht nur Frauen im Management (mich eingeschlossen) – alle Frauen haben auch Kinder! In unserem Werk ist es normal, dass Frauen nach dem Mutterschutz oder maximal zwei Jahren Elternzeit in den Beruf zurückkehren. Dies hat den positiven Effekt, dass Vorgesetzte und Kollegen nicht erst davon überzeugt werden müssen, dass man auch mit Kindern noch am Beruf interessiert ist. Neben Karriereinteressen wie bei mir spielt natürlich eine Rolle, dass viele Frauen aus wirtschaftlichen Gründen in den Beruf zurückkehren.

Nichtsdestotrotz habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass mein Vorgesetzter alle mich betreffenden Investitionen vom Bürostuhl bis zur Fortbildung auf Eis gelegt hat, sobald ich ihn über die Schwangerschaft informiert hatte. Die unternehmerischen Gründe dafür kann ich nachvollziehen. Trotzdem hat dieses Verhalten meine Motivation, mich für den Vorgesetzten und die Firma uneingeschränkt einzusetzen, verringert.

Weiterhin habe ich festgestellt, dass auch eine Abwesenheit von nur einem Jahr oder weniger immer das Risiko birgt, die vorher besetzte Stelle nicht wieder zu erhalten. Bei Umstrukturierungen haben Mitarbeiter vor Ort ganz einfach eine bessere Verhandlungsposition.

Ich würde mich freuen, mehr Beiträge zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Karriere trotz Teilzeitarbeit und Elternzeit zu lesen.

Antwort:

Ich finde, dass Sie uns eine bemerkenswert sachlich-informative Darstellung ohne Emotionen geben.

Wo schon viele Frauen tätig und auch im Management vertreten sind, haben es Frauen leichter, da sind wir uns einig.

Selbstverständlich verstehe ich, was betroffene Frauen wie Sie bewegt. Man muss sich dabei aber auch vor Augen halten, dass die arbeitsrechtlichen Festlegungen im Umfeld der Schwangerschaft (z. B. Elternzeit) so wie sie heute sind, als Akt der (gesellschafts-)politischen Machtausübung vom Gesetzgeber „einfach so“ festgelegt worden sind. Damit sind sie Gesetz, das muss in einer Demokratie akzeptiert werden – aber die gefundenen Lösungen müssen nicht jeden der Beteiligten, z. B. nicht alle Arbeitgeber, direkt begeistern. Es gibt ja keine zwingende Logik, den Müttern genau diese Rechte in genau dieser Form zu geben und den jeweiligen Arbeitgeber genau in dieser Art und Weise zu belasten. Der Gesetzgeber hat das so beschlossen, ich kritisiere das ja auch hier gar nicht, ich warne nur davor, diese zufällig gefundenen Regelungen etwa als Naturgesetz zu betrachten.

Worauf ich hinaus will? Ich werbe dafür, dass die Frauen neben all den Problemen, mit denen sie fertig werden müssen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen (für den wir grundsätzlich dankbar sein müssen, sonst stürben wir aus), immer auch ein bisschen Verständnis für ihren Arbeitgeber aufbringen. Der hat genug mit „artgerechten“ (also mit der Betätigung auf den Märkten in seiner Branche zusammenhängenden) Problemen zu tun und muss sich nun auch noch mit Erschwernissen herumschlagen, die mit seinem Ziel (möglichst großen Gewinn bei der Herstellung z. B. von „Tütensuppen“ zu erzielen) eigentlich eher weniger zu tun haben, Geld kosten und seine Disposition mitunter empfindlich stören.

Ich will gerade hierbei nicht missverstanden werden: Weder will ich das Rad zurückdrehen, noch etwas infrage stellen, aber gesagt werden darf ja wohl, dass diese Regelungen für viele Arbeitgeber große Probleme bringen, für die sie eigentlich nichts können und dass auch die Vorgesetzten durchaus ein wenig Verständnis verdienen (ich meine das als generellen Appell, nicht an diese Einsenderin gerichtet).

Vielleicht können wir uns auf folgende Sprachregelung einigen:

Die Mitarbeiterin darf unbedingt sagen: „Ich will Beruf, Karriere und Familie unter einen Hut bringen – das ist keinesfalls immer einfach.“ Der Arbeitgeber darf sagen: „Ich beschäftige Frauen, auch Managerinnen, im gebärfähigen Alter – das ist auch nicht einfach.“ Damit wäre ich ja schon ansatzweise zufrieden.

Wenn in Ihrem Fall, geehrte Einsenderin, Ihr Vorgesetzter weder einen Bürostuhl noch eine Fortbildung für einen Mitarbeiter (bewusst geschlechtsneutral formuliert) genehmigt, der ihm erklärt „Ich falle demnächst für eine jetzt noch nicht festliegende Zeit aus, es ist möglich, dass ich danach nur noch zeitlich eingeschränkt tätig bin“, kann ich das verstehen. Er würde sich sonst dem Vorwurf seiner Chefs aussetzen, mit dem Geld der Firma nicht anständig umgegangen zu sein. Ich verstehe zwar auch Ihre Enttäuschung, rate aber zur Gelassenheit. Sie sind Angestellte eines kommerziell ausgerichteten Unternehmens – die müssen so denken. Und aus der Sicht Ihres Chefs mag da auch eine Enttäuschung eine Rolle spielen: „Ausgerechnet jetzt kommt die mir mit einer neuen Schwangerschaft.“ Dann reduziert er sein Engagement für Sie, so wie Sie Ihres für ihn durch die Schwangerschaft auch reduziert haben. Und die wiederum ist in seinen Augen Ihre Privatangelegenheit.

Je weniger Sie beide emotional reagieren, Verständnis für die jeweils andere Seite zeigen und „kühl wie Profis“ an die Sache herangehen, desto besser.

Unbedingt eingehen möchte ich auf Ihre Feststellung, dass Mitarbeiter, die vor Ort präsent sind, bei Umstrukturierungen generell die besseren Karten haben. Das gilt immer, für Männer und Frauen gleichermaßen und unabhängig von Elternzeit u. ä.: Wenn um den Arbeitsplatz herum etwas geschieht, muss man einfach „da“ sein, sonst picken sich andere die Rosinen aus dem Kuchen. Ich habe erlebt, dass Manager an Macht und Einfluss verloren, weil sie bei Dienstantritt eines neuen Chefs in Urlaub verschwanden – als sie zurückkamen, waren alle machtpolitisch wichtigen Zuständigkeiten anderweitig vergeben.

Kurzantwort:

Die geltenden Regelungen um Schwangerschaft und Elternzeit belasten auch den Arbeitgeber. Auch er hat ein – moralisches – Anrecht auf Verständnis dafür, dass er sich mit Problemen beschäftigen muss, die weit von seinen Unternehmenszielen entfernt sind.

Frage-Nr.: 2372
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-12-04

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