Heiko Mell

Projektentwickler ohne Projekt

Ich bin seit einigen Monaten technischer Sachbearbeiter in der Projektentwicklung eines Konzerns. Aufgrund aktueller Finanzmarktverstrickungen und der Wirtschaftskrise sowie dadurch ausgelöster Sparmaßnahmen werden Projekte verschoben, eingestellt oder minimiert. Von Beginn meiner Tätigkeit an gab es weder klar zugeordnete Themengebiete noch umfassende Aufgaben für mich.

Ich habe nun schon mehrmals gegenüber meinem Vorgesetzten auf diese Situation hingewiesen und mein Engagement zum Ausdruck gebracht. Einerseits setzen sich meine Vorgesetzten nicht konstruktiv mit meinem Anliegen auseinander, andererseits gibt es keine zu erledigenden Tätigkeiten (da Projekte fehlen).

Das Dilemma ist, dass ich mich einerseits engagieren möchte, andererseits keine Aufgaben für unsere Abteilung vorliegen und wir somit ein Opfer einer internen Strategieänderung sind.

Meinen Sie, dass ich den Wunsch nach einem Arbeitsplatzwechsel gegenüber neuen Arbeitgebern nach so kurzer Zeit mit der beschriebenen Situation hinreichend begründen kann? Würden Sie mir zu einem solchen Wechsel raten oder würden Sie (mit Blick auf den Lebenslauf) ein Verweilen während der Wirtschaftskrise befürworten?

Antwort:

Ich nehme einmal an, dass dies Ihre erste Stelle ist. Darauf aufbauend meine ich:

1. Ganz klar ist, was Sie nicht mehr tun dürfen – nämlich „die Vorgesetzten weiterhin mehrmals auf die Situation hinweisen“. Die wissen das schon, können nichts dagegen tun – und denen ist höchst unwohl, wenn Sie ständig offen und laut darüber sprechen. Führungskräfte sind gehalten, nahezu alles zum Besten der Firma zu tun. Das bedeutet Gewinnmaximierung oder im Notfall wenigstens Verlustminimierung. Keinesfalls dürfen Ihre Chefs auf Dauer Leute bezahlen, die nichts zu tun haben, damit kommen sie „in Teufels Küche“. Haben sie hochqualifizierte Super-Experten im Team, so könnte man es verantworten, diese in der Hoffnung auf bessere Zeiten einige Monate mit „durchzufüttern“. Weil man solche Leute händeringend braucht, wenn es wieder losgeht mit neuen Projekten.

Aber bei einem Anfänger zieht das alles nicht. Also müssten Ihre Chefs eigentlich Ihren Fall melden, Ihre Entlassung betreiben und Sie loswerden (um Ihr Gehalt etc. einzusparen). In schlechten Zeiten wie jetzt würden aber deren Chefs bei der Begründung „wir haben für den Mann auf absehbare Zeit keine Arbeit“ nicht nur Ihre Entlassung betreiben (schlecht für Sie), sondern gleich auch noch Ihre Planstelle streichen (schlecht für Ihre Chefs, die dann bei Bedarf extra wieder in einem sehr aufwändigen Verfahren mit unsicherem Ausgang eine neue Planstelle beantragen müssten).

Also nerven Sie wenigstens Ihre Chefs nicht mit „offiziellen“ Aussagen, die sie sich eigentlich gar nicht anhören dürften, ohne Ihre Entlassung zu beantragen.

Diese Handlungsmöglichkeit streichen Sie besser. Bleiben noch zwei:

2. Sie können einfach klaglos dort bleiben, sich im Rahmen des Möglichen Arbeit „suchen“, ruhig und unauffällig vor sich hindösen und auf bessere Zeiten hoffen. Länger als ein weiteres halbes Jahr wird das keinesfalls dauern – wenn das Umfeld (Aufträge) sich nicht bessert, müssen Sie mit Entlassung rechnen. Ewig hält ein Unternehmen so etwas nicht durch.

Das wäre der Nachteil dieser Lösung. Der mögliche Vorteil läge darin, dass Sie vielleicht doch zwölf Jahre im Konzern bleiben können und dass später niemand mehr weiß, dass Sie damals (2009) nichts zu tun hatten. Aber dann ging es aufwärts und Ihnen relativ gut.

Zu den Nachteilen gehört auch: Sie haben derzeit keine Chance, sich zu beweisen, zu profilieren. Wenn Sie denn doch gehen müssen, werden Sie auch noch ein schwaches Zeugnis mit auf den Weg bekommen (worauf sollte eine warmherzige Begeisterung Ihres Chefs denn auch fußen?).

3. Sie können wechseln. Ja, die tatsächliche Begründung wird akzeptiert. Aber Sie müssen das so formulieren, dass Sie Ihren heutigen Arbeitgeber dabei nicht angreifen. Etwa so:“Leider haben sich die Hoffnungen im Hinblick auf neue Projekte und damit auf Auslastung unserer Abteilung, die man bei meiner Einstellung hatte, im Zuge der Wirtschaftskrise nicht erfüllt. Ich kann also nicht in meinem Aufgabenfeld arbeiten und muss, sofern sich die Situation nicht durchgreifend ändert, zu irgendeinem Zeitpunkt mit Anpassungsmaßnahmen im personellen Bereich rechnen. Derzeit jedoch ist mein Arbeitsverhältnis ungekündigt und unbelastet. Ich suche nunmehr eine Tätigkeit, in der ich engagiert arbeiten und mein Engagement auch unter Beweis stellen kann.“

Das versteht jeder. Und Sie kommen auch damit durch.

Die „Belastung“ des Lebenslaufes durch den viel zu schnellen Wechsel müssen Sie so sehen:

a) Ist am neuen Arbeitsplatz alles absolut in bester Ordnung, bleiben Sie dort fünf oder sieben Jahre und werden Sie dabei auch noch befördert – ist alles vergessen, Sie haben dann überhaupt kein Problem.

b) Nichts, rein gar nichts kann Sie aber davor schützen, dass Ihnen etwas Vergleichbares wieder passiert. Oder der neue Arbeitgeber wird verkauft und Sie in der Probezeit entlassen oder Sie bekommen einen Chef, der Sie nicht mag oder, oder. Und dann müssen Sie wieder nach ein paar Monaten gehen, müssen wieder eine Begründung ins Anschreiben setzen – und sind „Wiederholungstäter“. Sogar eine weitere Wiederholung einer kurzen Arbeitszeit (unfreiwillig) beim dritten Arbeitgeber ist schon vorgekommen.

Fazit: Was immer Sie tun, ein Risiko bleibt.

Da Sie ein Anrecht auf meine Meinung haben: Ich würde wechseln. Das Risiko, das damit verbunden ist, lässt sich klar definieren und abgrenzen. Heute jedoch schwebt das Damoklesschwert eines Schreckens ohne (baldiges) Ende über Ihnen. Sie erfahren jetzt Ihre Prägung für das Arbeitsleben. Das ist eine wichtige Phase – und Ihre Prägung taugt nichts. Also riskieren Sie den Schritt.

Etwa nach dem Motto: „Nur nicht ängstlich“, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn.

Kurzantwort:

Für einen Berufsanfänger ist es schier unzumutbar, im ersten Job keine Aufgaben, ja nicht einmal eine Beschäftigung zu haben. Da kann ein (eigentlich zu) schneller Wechsel das kleinere Übel sein. Aber dieser Wechsel bringt ein neues Risiko mit sich, Sie könnten später unfreiwillig „Wiederholungstäter“ werden.

Frage-Nr.: 2369
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-11-20

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