Heiko Mell

Renommierte Firma hält Zusagen nicht ein

Frage/1: Nach dem Studium zum Ingenieur der … an der Universität in … habe ich mich erfolgreich um eine entsprechende Einstiegsposition bei einem hochrenommierten Unternehmen beworben. Seit gut einem Jahr bin ich dort unbefristet tätig.

Die Vergütung ist außertariflich (d. h. kein 13. Gehalt, keine Abrechnung von Überstunden, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld, jedoch eine leistungsabhängige variable Vergütung von bis zu 10 % des Jahresgehalts, welche ich auch aufgrund von sehr guter Zielerfüllung voll erhalten habe).

Frage/2: Mit meinem Einstiegsgehalt liege ich unter Berücksichtigung von voller Zielerfüllung als AT-Angestellter leicht unter dem von tariflich eingestellten Ingenieuren.

Frage/3: Auf meine Frage nach der Gehaltsentwicklung wurde eine jährliche Steigerung von ca. X00 Euro pro Monat angegeben. Nach Ende der Probezeit wurde mein Gehalt nicht wie angekündigt erhöht. Nach dreimaliger Nachfrage beim direkten Vorgesetzten wurde ich an den nächsthöheren Chef verwiesen, der die mündlichen Zusagen aus dem Vorstellungsgespräch bestätigte.

Ich habe dann auch eine Erhöhung bekommen. Aber sie liegt 10 % unter den seinerzeit genannten X00 Euro und stellt damit angeblich den äußerst möglichen Rahmen dar. Und sie ist nicht rückwirkend, wie noch vor Kurzem zugesagt. Wenn diese Summe das maximal Mögliche ist, dann kann der vormals angegebene Mittelwert von X00 Euro nicht stimmen.

Hinzu kommt, dass ganz kurz nach meiner Einstellung eine Tariferhöhung von X % stattgefunden hat, die auch an die anderen außertariflichen Kollegen weitergegeben wurde, nicht jedoch an mich. Dies mit der Begründung, ich hätte mich noch in der Probezeit befunden. Die Erhöhung wurde jedoch auch danach nicht nachgezogen.

Meine Einwände habe ich dem direkten Vorgesetzten und dessen Chef mitgeteilt (höflich, aber bestimmt). Man hat zwar Verständnis geäußert, mich jedoch mehr oder weniger vertröstet, dass man „nun mal nichts machen könne“.

Ich fühle mich aufgrund des Verhaltens meines Vorgesetzten (oder der Firma?) hintergangen und trage mich mit dem Gedanken an einen Wechsel. Nun dreht sich bei meiner Schilderung alles ums Gehalt, viel schwerer wiegt für mich jedoch der wiederholte offensichtliche Wortbruch. Ich bin nicht der einzige Mitarbeiter der Abteilung, dem dies widerfahren ist.

Ich weiß, dass ich in einer sehr renommierten Firma beschäftigt bin und dass ein so früher Wechsel keinen guten Eindruck in meinem Lebenslauf hinterlässt.

Antwort:

Antwort/1: Haken wir das bis dahin erst einmal ab, es kommt ja noch mehr – das liest sonst der moderne junge Leser nicht mehr (es gibt keine Bilder, nichts bewegt sich, keine Reklame dazwischen …).

Also Klartext: Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie 13. bis 15. Gehälter sind etwas für simple Gemüter. Punkt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Natürlich weiß auch ich, dass 5.000 Euro pro Monat, wenn sie in insgesamt 15 Gehältern gezahlt werden (13. Monatsgehalt + 1 x Urlaubs- und 1 x Weihnachtsgeld), mehr ergeben als wenn es nur 12 Gehälter à 5.000 Euro wären. Aber so darf man doch nicht rechnen! Der Arbeitgeber kalkuliert ein Bruttojahresgehalt von 75.000 Euro pro Jahr ein – es ist ihm ziemlich gleichgültig, ob er das in 12 oder in 15 Teilbeträgen zu zahlen hat. Und der Arbeitnehmer hat auch keinen wirklich maßgeblichen Vor- oder Nachteil (wenn mir jetzt jemand mit Zinsgewinnen und -verlusten kommt, schreie ich).

Übrigens wird aus diesem Grunde in Bewerbungen stets das (Brutto-)Jahresgehalt angegeben – weil es „entscheidend ist, was hinten rauskommt“ (Kohl, Helmut, Ex-Bundeskanzler).

Also nerven Sie bloß niemanden mit Weihnachts- und sonstigen Geldern. Das ist unter Ihrem Niveau.

Antwort/2: Sie waren bei der Bundeswehr, also wird Ihnen dieses Beispiel etwas sagen: Sie sind als AT-Mitarbeiter in der „Offiziers-Laufbahn“, also etwa wie ein Fahnenjunker oder Fähnrich, der auf dem Wege ist zum Leutnant, um dann – vielleicht – eines Tages General zu werden. Oder so.

Darauf ist man stolz, so die Regel. Und rechnet nicht täglich aus, ob ein gleichalter Mannschafts- oder Unteroffiziersdienstgrad nicht im Moment etwa X Euro mehr verdient! Das Beispiel hinkt (wie fast jedes), stimmt aber vom Prinzip her. AT ist der Führungsnachwuchs, die Managementelite von morgen und übermorgen. Natürlich hat auch der Tarifangestellte Aufstiegschancen – aber dazu muss er dann zuerst einmal in das AT-Verhältnis hinein „befördert“ werden – Abteilungsleiter im Tarif sind nicht üblich. Wenn Sie das nie werden wollen, stecken Sie im falschen Vertragsmuster.

Sofern Sie also weiterkommen wollen, müssen Sie irgendwann den Sprung raus aus dem Tarif schaffen. Sie haben das schon erreicht, Glückwunsch dazu.

Natürlich ist es richtig, dass

a) Konstellationen vorstellbar sind (Beispiel: viele Überstunden), in denen Sie als AT-Angestellter vorübergehend messbare finanzielle Nachteile gegenüber dem Tarifmitarbeiter haben. Aber darauf kommt es doch nur an, wenn Sie keinerlei Karriereambitionen haben. Dann aber sind Sie hier in der falschen Serie. Dann wären Sie in der „Offiziersanwärter-Laufbahn“, ohne je Ambitionen in Richtung Aufstieg zu haben. Lohnt dann ein aufwendiges Studium? Wo doch Ihr Werdegang davor (Lebenslauf liegt bei) sehr viel bodenständiger ausgerichtet war, sodass gerade in Ihrem Fall das Studium als „Griff nach den Sternen“ gelten kann.

b) manche Unternehmen in manchen Situationen ganz bewusst AT-Verträge vergeben, um – zumindest auch – Geld zu sparen, z. B. im Falle von Überstunden, Tariferhöhungen etc. Aber mittel- bis langfristig gilt pauschal: Die AT-Gehälter liegen über den Tarifbezügen, jedoch stehen die beiden Systeme nicht „aufeinander“, sondern sie überlappen sich im Grenzbereich. Das bedeutet: Die bestbezahlten Tarifleute haben „mehr“ als die geringsten der AT-Angestellten.

Sie haben ein Jahr Praxis. Ich habe 45 – geben Sie Ihren noch fehlenden 44 Jahren eine Chance. Wenn Sie erst „General“ oder vielleicht auch „Oberstleutnant“ sind, lächeln auch Sie über die Besoldung von „Offiziersanwärtern“. Ich bin – im Tarif, bitteschön – zu 850 DM (ca. 425 Euro!) brutto monatlich eingestiegen in das Berufsleben. Und nein, ich war nie bei der Bundeswehr (befreit als einziger Sohn eines im Krieg gefallenen Vaters). Ich nehme nie Beispiele aus Bereichen, von denen ich persönlich berührt werde, das verkompliziert die Dinge nur (völlig ernst gemeint nach langjähriger Übung).

Antwort/3: Beim Versuch einer Analyse, die sich zwangsläufig auf die engagiert-betroffene Schilderung nur einer „Partei“ stützt, bin ich gezwungen, die hier fehlenden Aussagen der anderen Seite auf einem allgemeinen Erfahrungshintergrund aufzubauen. Und danach wird es etwa so gewesen sein:

Sie sind jung, im Industriebereich völlig unerfahren, waren bei den Vorstellungsgesprächen blutiger Anfänger und haben auch jetzt erst ein Jahr Praxis. Zusätzlich sind Sie unglücklicherweise auf Geld fixiert – in einem fast schon ungesunden Maße.So hat Ihnen die Erfahrung gefehlt, die Aussagen Ihrer Vorgesetzten im Vorstellungsgespräch und danach richtig zu verstehen und zu werten. „Alte Hasen“ hätten gewusst:

– Alle mündlichen Aussagen sind bestenfalls unverbindliche Absichtserklärungen, mehr nicht. Sie dürfen auf Einhaltung hoffen, aber Sie dürfen nicht damit rechnen.

– Niemals werden Vertreter eines so angesehenen Unternehmens bewusst und gezielt mit Falschaussagen arbeiten, um die Unterschrift eines Anfängers(!) unter einem Arbeitsvertrag zu erreichen (ich garantiere es Ihnen!). Dafür sind Berufsanfänger nicht wichtig genug (u. a.).

– Bestimmte Fragen soll man gar nicht stellen – aber das haben Sie als Anfänger nicht gewusst.

Die Erklärung für „soll man nicht“ ist einfach: Es gibt keine vernünftige Antwort darauf. Die Frage des Anfängers nach der künftigen Gehaltsentwicklung ist eine solche. Ein bisschen aus Schwäche, ein bisschen, um nett zu sein und ein bisschen auch, um Sie nicht ohne Antwort stehen zu lassen, haben Ihre Chefs eine Antwort versucht (und nicht die einzige objektiv richtige Antwort gegeben: „Dazu kann man nichts Konkretes sagen, das hängt von zahlreichen Faktoren ab“) und vermutlich etwas gesagt wie: „Gehen Sie einmal davon aus, dass wir bei solchen Positionen etwa X00 Euro pro Jahr im Monat mehr zahlen.“ Vermutlich hat das (± 25 %) im Durchschnitt der letzten fünf Jahre auch gestimmt. Sie aber hätten wissen müssen, dass z. B. in einer Wirtschaftskrise kein Stein auf dem anderen bleibt und alles ungewiss ist.

Zur Tariferhöhung „ganz kurz“ (vermutlich Wochen) nach Dienstbeginn: Alle Tarifmitarbeiter müssen die Erhöhung bekommen, sie haben einen Rechtsanspruch. AT-Mitarbeiter haben keinen (ist allseits bekannt), hier spielt man auf Arbeitgeberseite gern einmal mit den „Möglichkeiten“ (Erhöhung später gewähren, sie gelegentlich geringer ausfallen lassen). In Ihrem Falle würden Börsianer sagen: Die unmittelbar anstehende Tariferhöhung war bei der Festlegung Ihres Gehalts schon „eingepreist“. Mit der Probezeit hat das formal nichts zu tun. Wenn eine solche Erhöhung „durch“ ist und Sie waren nicht dabei, dann ist das für Sie erst einmal „gelaufen“. Ärgerlich, aber davon geht die Welt nicht unter. Es sei denn, Sie machen sich selbst mit der ungesunden Fixierung auf das Thema „Geld“ verrückt (wie der Volksmund sagt).

Nehmen wir einmal an, Sie seien in den Augen Ihrer Chefs ein tüchtiger, vielversprechender Mitarbeiter (vom „Tick“ mit dem Geld einmal abgesehen). Dann wollen die

– Sie nicht verlieren,

– Sie motivieren,

– Sie bei Laune halten.

Und wenn Sie dann wieder einmal „höflich, aber bestimmt“ mit Ihrem „Dauerbrenner-Thema“ anfangen, dann ist es möglich, dass man Ihnen etwas mehr zusagt, als zu verantworten ist – und dass Sie zusätzlich auch noch mehr heraushören als gesagt wurde. Schon ist die Grundlage für neuen Ärger gelegt.

So, auf dieser Basis habe ich folgende Empfehlungen für Sie und kann folgende Regeln für Ihren Fall zitieren:

1. Sie haben eine Anfangsstellung bei einem Top-Unternehmen. Dort scheinen Sie mit allen anderen Aspekten zufrieden zu sein. Eine Karriere liegt vor Ihnen (zunächst intern, später – mit diesem Arbeitgebernamen im Rücken – ggf. auch extern). Das alles hat einen Wert von ca. 100 fiktiven Punkten, bezogen auf Ihr Berufsleben.

2. Etwa ein Jahr nach Berufsstart verdienen Sie nicht ganz so viel wie erhofft, wie vielleicht sogar früher einmal von den Chefs in Aussicht gestellt (nicht „zugesagt“ – das tun Chefs nicht, das denken Mitarbeiter immer nur). Dafür dürfen Sie, bezogen auf das ganze Berufsleben, etwa 3 der fiktiven Punkte abziehen, bleiben 97.

3. Man kommt als Industrieangestellter nicht „zu Geld“, indem man auf unteren Hierarchieebenen einen Kleinkrieg um + X % führt. Man verdient viel, wenn man schnell und konsequent aufsteigt. Einen Hauptabteilungs-/Bereichsleiter Ihres Hauses schätze ich auf 180 – 250.000 Euro Jahreseinkommen + Dienstwagen + Altersversorgung. Das zu werden, lohnt diverse Anstrengungen. Ihre derzeitigen Anstrengungen um „viel Geld hier unten“ lohnen sich nicht.

4. Ich fürchte, Sie stehen kurz davor, Ihren Chefs gehörig auf die Nerven zu gehen. Hören Sie mit diesem Thema auf, genießen Sie die verbleibenden 97 Punkte (irgendwas ist ja stets nicht so, wie es ideal wäre).

5. Sie sind Anfänger. Lernen Sie, speichern Sie Eindrücke, sammeln Sie Erfahrungen. Aber werten Sie (noch) nicht, vor allem nicht in Bereichen, die fast kapitale Ausmaße annehmen („Wortbruch“, „man hintergeht mich“, „ich weiß nur noch nicht, ob das meine Chefs sind oder ob das Firmenstil ist“). Sie stehen kurz davor, Ihre Zukunft zu verspielen; die Geduld Ihrer Chefs hat Grenzen.

6. Planen Sie ein: Fünf Jahre bleibe ich mindestens, ich will dort noch meine erste Beförderung (auf dem Wege zum „Oberstleutnant“) mitnehmen.

Während ich mir diesen Fall noch einmal durchlese, wird mir bewusst, wie typisch er für die Situation vieler junger Menschen am Beginn des Berufslebens ist: Mangels Erfahrungen überbewerten sie Kleinigkeiten und lassen sich schnell zu unüberlegten Handlungen hinreißen. Ich kann das auch brutaler formulieren: Natürlich ist das unschön. Aber im Berufsleben sind Ereignisse möglich und durchaus üblich, an denen gemessen unser Einsender höchstens mit einer hochgezogenen Augenbraue auf sein „Problem“ reagieren sollte.

Kurzantwort:

1. Viele junge Ingenieure verstehen nicht, was mit dem fehlenden „Blick für das Wesentliche“ gemeint ist. Eine Antwort liegt in diesem Fall.

2. Deutlich mehr Geld verdient man durch Aufstieg, nicht durch Abnutzungskriege in unteren Rängen.

3. Das Einkommen sollte bei beruflich relevanten Fragen nie auf Nr. 1 der Prioritätenliste stehen. Der Status des Mitarbeiters heißt „Angestellter“, nicht „Großverdiener“.

Frage-Nr.: 2367
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-11-13

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