Heiko Mell

Nach ein paar Wochen langweilen sie sich

(Jubiläumseinsendung): Was mich aktuell am meisten irritiert, ist die Tatsache der Schnelllebigkeit. Viele Neuanfänger, die an einem Thema länger als ein paar Wochen sitzen, werden dessen schon bald überdrüssig und wollen etwas Neues machen und dann gleich wieder etwas Anderes usw. Damit wird aber kein belastbares Wissen beim Mitarbeiter erzeugt. Es ist schwer zu vermitteln, dass man auch mal ein Jahr an einem Thema dranbleiben muss, um es vollständig zu durchdringen und selbst das kann bekanntlich manchmal nicht ausreichend sein.

Antwort:

Das Studium erzieht nicht für die Praxis. Diese Einschränkung muss man sehen, um die Prägung des jungen Mitarbeiters zu verstehen. Nun ist es nicht vorrangige Aufgabe der Praxis, Verständnis für Schwächen der Angestellten zu entwickeln und ihnen eine Art Nachlass in der Beurteilung einzuräumen, weil sie z. B. eine „schwere Kindheit“ hatten. Dieser Begriff wurde den Standardausreden von Straftätern entlehnt, die damit jeden Verstoß gegen die Regeln der Gesellschaft entschuldigen wollen.

Aber es gibt im einschlägigen Vorleben der Berufsanfänger tatsächlich ein ähnlich entlastendes Argument. Zwar war ihre „Kindheit“ nicht zu schwer, sondern zu leicht, aber der Effekt dürfte vergleichbar sein – der Neuling fängt „verdorben“ in der Praxis an:

In der Schule und im Studium wechseln alle 45 Minuten oder spätestens alle 1,5 Stunden Thema und Lehrer/Professor. Unbedeutende Ausnahmen sind gelegentliche Studien- und Hausarbeiten, die aber nur die Regel bestätigen. Wer einmal einen Studenten bei seiner Diplomarbeit erleben musste oder durfte, kann ein Lied davon singen: Erstmals steht ein Thema im Mittelpunkt – und schon reagiert der junge Mensch stark überfordert. Meist äußert sich das in der totalen Unmöglichkeit, während dieser Zeit andere Probleme auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Bewerben, Briefe schreiben, über Lebensläufe nachdenken? Keine Chance: Die Diplomarbeit – die Notwendigkeit, sich in ein Thema einzudenken und es tiefgehend zu bearbeiten, ist erkennbar ungewohntes und oft ungeliebtes Neuland. Danach soll es dann bitte mit der aus Schule und Studium gewohnten Abwechslung weitergehen.

Gehasstes und stets negativ gebrauchtes Schlagwort ist „Routine“. Kaum etwas, das schlimmer sein könnte. Dabei gilt zumindest pauschal: Das ganze Berufsleben ist Routine. Das gilt für Sachbearbeiter ebenso wie für Top-Manager.

Wobei ich glaube, dass ein wesentlicher Teil der Lösung in der Definition des Begriffs steckt:

Stellen Sie sich einen begnadeten Chirurgen vor. Der kann durchaus sagen: „Nach ein paar Jahren habe ich das, was man operieren kann, alles gemacht, sogar vielfach. Schön, gelegentlich gibt es neue Erkenntnisse im Fachgebiet, dann setze ich die eben auch noch um. Aber letztlich wird alles zur Routine. In zwanzig Chefarzt-Jahren wiederholt sich alles immer wieder. Was soll“s.“

Derselbe Mann mit demselben Job könnte aber auch formulieren: „Ich operiere jetzt jahrelang Herzen. Ein durch und durch faszinierendes Metier. Jeder Fall liegt anders, jedes Krankheitsbild ist individuell, jeder Patient ist ein besonderes Schicksal. Dann der ständige Versuch, Neuland zu betreten. Durch neue OP-Methoden schneller arbeiten zu können oder den Patienten weniger belasten zu müssen ist ebenso herausfordernd wie das Ziel, selbst neue Techniken oder Abläufe zu entwickeln. Ich bin Herzchirurg mit Leib und Seele – der interessanteste Beruf der Welt.“

Die von Ihnen beobachtete Suche nach Abwechslung, nach dem immer neuen „Kick“, den der Anfänger sucht, ist oft Ausdruck der Erwartungshaltung des Berufseinsteigers in Richtung „Man erheitere mich“. Der Anfänger sollte wissen, dass ein „Maurer“ eingestellt und bezahlt wird, damit er viel, schnell und gut „mauert“ – auf täglich andere Steine und stündlich wechselnde Wände hat er keinen Anspruch.

Und wer so gut und brillant ist, dass er sein Talent in der Entwicklung immer wieder variierter neuer Kurbelwellen vergeudet sieht, der überzeuge durch so viele neue Ideen, ein solches Maß an Kreativität und genialen Lösungsvorschlägen, dass der Arbeitgeber von sich aus beschließt, sein Talent vielseitiger und auch einmal anderswo zu nutzen.

Als Faustregel: Für den Einsteiger gelten zwei Jahre Tätigkeit im gleichen Aufgabengebiet als absolut zumutbar, danach sind es etwa fünf Jahre im jeweiligen Fachgebiet. Dann hat das Unternehmen von der wachsenden Erfahrung profitiert und der Mitarbeiter darf sich fachlich sattelfest fühlen. Aber alle paar Wochen nach Abwechslung durch neue Aufgaben zu rufen, geht an den Realitäten des Berufslebens vorbei.

Auch ich könnte meine 25 Jahre, die ich an dieser Serie arbeite, als stumpfsinnige Routine einstufen oder jede neue Frage als „spannende“ (die Jugend liebt das Wort) Herausforderung begreifen. Ich habe mich für die letztgenannte Möglichkeit entschieden. Vielleicht spüren Sie das gelegentlich.

Kurzantwort:

1. Routine ist grundsätzlich ein unerlässlicher Teil des Berufslebens. Was aber darunter fällt, unterliegt der Einschätzung durch den betroffenen Mitarbeiter.

2. Gesucht sind Fachleute, die ihr Metier beherrschen. Das aber kann man erst nach etwa zwei bis fünf Jahren im weitgehend gleichbleibenden Job behaupten.

3. Das Drängen von Berufsanfängern nach ständiger Abwechslung ist zwar von ihrer Prägung durch Schule und Studium her verständlich, geht aber an der Realität des Berufslebens vorbei.

Frage-Nr.: 2333
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-07-15

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