Heiko Mell

Frauen noch immer im Nachteil

(Jubiläumseinsendung): Frauen sind, was Chancen und Einkommen angeht, immer noch benachteiligt. Das stört mich am System.

Antwort:

Ich hatte anlässlich des 25-jährigen Jubiläums auch um systemkritische Fragen gebeten. Und darf mich nun nicht wundern, wenn Sprengstoff pur auf den Tisch kommt.

Zwei Aspekte sind hier besonders interessant:

1. Es ist so ein großes Thema – und nur diese eine der zahlreichen Zuschriften hat es zum Inhalt.

2. Es gibt so viele Frauen – aber es war ein Mann, der hier geschrieben hat. Was immer das bedeutet, es fällt auf.

Nun, ich sollte zunächst vorbeugende Abwehrstrategie gegen denkbare Angriffe aller Art betreiben und also darauf hinweisen, dass ich die geltenden Regeln zwar erläutere, aber nicht gemacht habe – und dass ich in der Frauen-(Kampf-)Zeitschrift „Emma“ bereits vor vielen Jahren als abschreckendes Beispiel erwähnt worden bin. Es ging auch damals um einen Beitrag in dieser Serie, und ich stand neben dem großen Fernsehmann Werner Höfer („internationaler Frühschoppen mit 6 Journalisten aus 5 Ländern“), der es sogar zum „Pascha des Monats“ gebracht hatte, was mich zu jenem Zeitpunkt mit etwas Neid erfüllte. Nun, wie hat Curd Jürgens („der normannische Kleiderschrank“) gesagt: „Hauptsache, ich stehe in der Zeitung und mein Name ist richtig geschrieben.“

Konkret zur Frage, sie hat eine ernsthafte Betrachtung verdient.

Unsere Verfassung enthält das strikte Gleichbehandlungsgebot. Damit sind gleiche Chancen und gleiches Einkommen geboten, wenn es um gleiche … geht. Die Pünktchen sind Absicht. Denn wir müssen der Frage nachgehen: Was honorieren wir eigentlich mit „Chancen und Geld“?

„Arbeit“ könnte man sagen, aber der Begriff ist diffus und enthält in der physikalischen Betrachtung nur eine Mengen-, aber keine Zeitkomponente. Die steckt in „Leistung“, damit können wir schon mehr anfangen.

Aber ist Augenblicks-Leistung allein das, was wir honorieren? Ist mit „gleicher Lohn für gleiche Leistung“ schon alles gesagt? Das ist es absolut nicht! Wir honorieren nicht nur die „Leistung hier und jetzt“, sondern auch Aspekte wie z. B. den Marktwert. Es ist nicht zu leugnen, dass auch der einen großen Einfluss auf das Entgelt hat.

Im Marktwert stecken nun aber auch langfristige Aspekte. Wir honorieren einen Ingenieur nicht nur für seine heutige Leistung in der heutigen Position, wir berücksichtigen dabei immer auch Zukunftsaspekte. Wie hoch ist die Gefahr von Ausfällen in absehbarer Zeit und wie groß ist das Potenzial des Ingenieurs (gemeint als geschlechtsneutraler Begriff) für die Übernahme größerer Verantwortung morgen und übermorgen? Inwieweit kann er (oder sie) Führungsreserve für Managementpositionen sein?

Und in diesen speziellen Aspekten, die über die „Leistung hier und heute am definierten Arbeitsplatz“ hinausgehen, sind die Männer immer noch etwas im Vorteil. Das mag sich ändern; die Politik arbeitet daran (indem auch junge Männer mit finanziellen Vorteilen in die Elternzeit gezogen werden sollen), der gesellschaftliche Veränderungsprozess geht ebenfalls in diese Richtung. Aber noch ist beispielsweise im Bereich „Ausfallgefahr“ Gleichheit absolut nicht hergestellt. Dann kann man noch die Beobachtung machen, dass Frauen offenbar schneller und öfter hinter einem neu kennengelernten oder den Arbeitgeber wechselnden Partner herziehen als umgekehrt (woraufhin ihr Arbeitgeber sie verliert, ohne dass er Einfluss darauf gehabt hätte).

Bitte lesen Sie dies alles richtig: Ich liste nur nüchtern Kriterien auf, die sich aus meiner Sicht nun einmal zeigen. Ob das „ungerecht“ ist, weiß ich nicht – das System kennt keinen Gerechtigkeitsbegriff. Und damit keine Zweifel entstehen: Ich bin sehr für Kinder, habe selbst zwei und freue mich ungeheuer über meine kleine Enkeltochter. Aber die Natur hat die Umstände im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und Kleinstkindbetreuung nun einmal etwas einseitig verteilt.

So brisant das alles für manche Betrachter schon sein mag, ich halte das eigentlich für Randbereiche. Der Kern des Problems liegt tiefer: Unser berufliches System ist hierarchisch aufgebaut; die Entscheidungen laufen von oben nach unten, die unteren Ebenen richten sich an den oberen aus. Daraus folgt nahezu zwingend: Eine Bevölkerungsgruppe, die „unten“ gleichberechtigt behandelt werden will, tut gut daran, „oben“ angemessen vertreten zu sein. Konkret: Sind in der Leitungsebene beide Geschlechter ausgewogen vertreten, ist die Chance groß, dass auch unten und im Mittelbau Geld und Perspektiven ausgeglichen verteilt sind.Und genau daran hapert es! Keine Frage: In den für Ingenieure interessanten technischen Leitungspositionen sind zu wenig Frauen vertreten. Wären es mehr, hätten es alle weiblichen Ingenieure im Job leichter. Denn: Jeder Apparat macht, wenn kein starker äußerer Einfluss ausgeübt wird, weiter wie zuvor. Und heute sitzen deutlich überwiegend Männer in den technischen Führungsjobs. Das bedeutet, dass Männern in den unteren Ebenen mehr mittel- und langfristiges Potenzial für die Übernahme größerer Verantwortung zugesprochen wird (weil „da oben“ überwiegend Männer sitzen, werden wohl auch in Zukunft Männer dorthin aufrücken, unterstellt man – mit dem erwähnten Ergebnis).

Daraus folgt: Wenn Frauen in der angeschnittenen Frage Fortschritte erzielen wollen, müssen sie sehr viel stärker in Führungspositionen vertreten sein als heute. Nun „stöhnen“ Sie bitte nicht etwa in die Richtung, das genau sei ja der Punkt, die Männer ließen eben keine Frauen durch. Inwieweit das stimmt, kann ich nicht beurteilen – mangels (Vergleichs-)Masse. Aber ein ganz wesentlicher Aspekt liegt auf der Hand: Es gibt heute viel zu wenige Frauen, die sich aktiv um den Aufstieg in technische Führungspositionen bemühen! Sprich, wenn solche Positionen ausgeschrieben werden, gibt es kaum weibliche Bewerber. Selbstverständlich würden Frauen auch nicht in jedem Fall problemlos akzeptiert werden, das ist immer noch ein Problem. Aber in vielen Fällen hätten sie – das wird in den Vorgesprächen klar – eine ehrliche Chance. Allein es gibt nicht hinreichend viele Interessentinnen. Solange sich das nicht ändert und Frauen nicht aktiv um den Aufstieg in technische Führungspositionen kämpfen, wird sich auch wenig am Grundproblem ändern. Gegenbeispiel: Ich habe gerade an der Besetzung einer Industrieposition „Leiter Rechtsabteilung“ mitgewirkt. Die Hälfte der Bewerber waren Frauen, die beiden Spitzenkandidaten waren Frauen, eine davon wurde eingestellt.

Vereinfachen Sie meine Aussage nicht dahingehend, dass ich gesagt hätte, die Frauen trügen selbst die Schuld an dem dargestellten Problem. Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, ich versuche lediglich, Erklärungen für Besonderheiten zu finden. Selbst das ist brisant genug, fürchte ich.

Kurzantwort:

1. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ greift etwas zu kurz. Das Entgelt steht auch für den Marktwert und der wiederum enthält Komponenten wie „Potenzial für die Besetzung von Aufstiegspositionen“ oder Ausfallrisiken der verschiedensten Art.

2. Erst wenn Frauen in technischen Führungspositionen angemessen vertreten sind, wird man ihnen auch in den unteren Ebenen problemlos gleiches Entgelt und gleiche Chancen zuordnen. Dazu aber ist es eine Mindestvoraussetzung, dass sie sich engagiert um solche Positionen überhaupt bewerben.

Frage-Nr.: 2330
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-07-08

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