Heiko Mell

Alle wollen mich duzen

Nach Ausbildung und anschließendem Studium arbeite ich seit vier Jahren in einem …betrieb. Parallel zur Arbeit absolviere ich ein zusätzliches Studium zum Master.

Ich bin häufig damit konfrontiert, dass mir das Du angeboten wird. Für die Kollegen ist es sozusagen eine Selbstverständlichkeit, sich zu duzen. Ich aber denke, es ist nicht notwendig, das mit jedem Kollegen zu tun.

Es ist teilweise so, dass ich gar nicht gefragt werde. Es ergibt sich einfach, z. T. wird gesagt: „Wenn ich du sagen darf?“ Natürlich ist es unhöflich, nein zu sagen. Gibt es eine höfliche Art, das Duzen abzulehnen, ohne die Kollegen vor den Kopf zu stoßen und die gute Zusammenarbeit zu erhalten?

Antwort:

Grundsätzlich gilt: Die anderen Mitarbeiter sind der Maßstab. Zeigen die praktisch ausnahmslos ein bestimmtes Verhalten, dann hat es schwer, wer sich ausschließt. Tragen alle stets eine Krawatte, wird der einzige Kollege mit offenem Hemd leicht zum Außenseiter – und umgekehrt. Das gilt für diverse Verhaltensweisen, auch für das Duzen.

Erst langjährige Gruppenzugehörigkeit in Verbindung mit irgendwelchen allseits anerkannten herausragenden Qualifikationen sind ggf. eine Basis, um innerhalb einer homogen aussehenden oder auftretenden Gruppe eine Sonderrolle zu spielen – und dennoch toleriert oder sogar anerkannt zu werden.

Ansonsten ist gut beraten, auch zu heulen, wer Mitglied in einem Wolfsrudel bleiben will (respektive auch zu schnattern, wenn jemand Ente unter Enten sein will).

Gruppen (insbesondere von Menschen) können sehr empfindlich reagieren, wenn ein Mitglied sich außerhalb üblicher Gruppennormen stellt. Das gilt insbesondere dann, wenn sich der Vorwurf konstruieren ließe, dieses eine Mitglied dünke sich „etwas Besseres“ und wolle sich mit den Kollegen nicht auf eine Stufe stellen. Es sind im Einzelfall Ablehnungen denkbar, die ein Verbleiben in diesem Kreis ausschließen.

Solange also nicht bestimmte Grenzen überschritten werden (alle bestehlen ihren Arbeitgeber, also mache ich fröhlich mit), passt man sich besser der Gruppe weitgehend an – oder sucht sich ein neues Umfeld.

Nun schrieb ich einleitend, das alles gelte grundsätzlich. Also muss es Ausnahmen oder Sonderfälle geben. Und die gibt es:Es ist denkbar bis wahrscheinlich, dass die Duzerei in den Führungsetagen des Unternehmens nicht pauschal üblich ist. Nicht bei den Abteilungs- und sonstigen Leitern untereinander und schon gar nicht zwischen ausführenden Mitarbeitern und ihren Chefs. In einem solchen Fall ist Vorsicht geboten, wenn man heute noch „unten“ ist, aber Ambitionen im Hinblick auf Karriere hat!

Die Chefs, die ja das Aufstiegspotenzial beurteilen müssen, könnten in so einem Fall Bedenken haben: „Der (oder die) hängt so eng mit seinen Kumpels in der Abteilung zusammen, duzt sich mit jedem, ist ständig ein Herz und eine Seele mit den Kollegen – den können wir nicht in eine Leitungsposition heben. Der schafft es nie, später die nötige Distanz zu ‚seinen Leuten“ aufzubauen. Wir wollen hier schließlich keinen in unserem Führungskreis haben, den seine Mitarbeiter mit ‚Hallo, Klaus-Dieter“ anreden.“

Und da im zweiten Satz Ihrer Einsendung steht, Sie arbeiteten derzeit an einer Verbesserung Ihres Diplom-Levels, ist ja wohl die Vermutung erlaubt, dass Sie das Ziel verfolgen, eines Tages …-Leiter zu sein.

Falls Sie nach diesen Hinweisen zum Schluss kommen sollten, in Ihrem Fall könnte tatsächlich Zurückhaltung angebracht sein, dann sollten Sie versuchen, sich aus der Duzerei herauszuhalten. Das geht durchaus, ohne sich die anderen zu Feinden zu machen – auch wenn Sie das Rennen um den beliebtesten Kollegen der Firma dann wohl nicht mehr gewinnen. Aber Sie wollten ja auch nicht Betriebsratsvorsitzender (von unten gewählt), sondern Abteilungsleiter (von oben ernannt) werden.

Für diese Ablehnung ist Fingerspitzengefühl erforderlich: Sie haben natürlich nichts gegen das Duzen allgemein und nichts dagegen, dass die Kollegen entsprechend verfahren. Sie bedanken sich auch schön für das Angebot, Sie dort mit einzubeziehen. Aber Sie wollen auch ganz ehrlich sein und die Dinge klar aussprechen, auch die Kollegen wollten sicher nicht, dass Sie sich zu einem bestimmten Verhalten nur zwängen. Jedenfalls sei es so, dass Sie aus dem Umfeld, in dem Sie aufgewachsen seien, das allgemeine Duzen unter Erwachsenen nicht gewohnt seien. Sie fühlten sich einfach nicht wohl dabei. Und Sie bäten um Verständnis. Für Sie sei das Du ein besonderer, seltener Vertrauensbeweis, mit dem Sie ein besonderes Verhältnis verbänden. Sie brauchten dafür Zeit, viel Zeit.

Und dann müssen Sie noch ein wenig aufpassen, dass Sie nicht noch irgendetwas tun, was das Missfallen der Kollegen herausfordert (sich vom gemeinsamen Ausflug / Betriebsfest / Abteilungskegeln ausschließen oder sonst wie eine Sonderrolle spielen). Im Gegenteil, Sie sollten dann besonders freundlich und hilfsbereit sein. Das müsste eigentlich klappen.

Kurzantwort:

1. Wenn das Duzen am Arbeitsplatz betriebsüblich ist, braucht man gute Gründe – und starke Nerven -, wenn man sich ausschließt.

2. Eine allzu enge Vertrautheit mit gleichrangigen Kollegen („Kumpel unter Kumpeln“) kann einer Beförderung durchaus entgegenstehen. Man kann einen „Saufkumpan“ nicht zum Chef der anderen Kumpane machen.

Frage-Nr.: 2281
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-07

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