Heiko Mell

Ich wär so gerne MdL

Ich bin als Dipl.-Ingenieur, Mitte 30, bei einem großen Konzern als Projektleiter tätig. Mein Beruf macht mir Spaß. Es werden mir durchaus Perspektiven geboten.

Seit mehreren Jahren bin ich Mitglied einer deutschen Volkspartei. Mein Ortsverein hat mir vorgeschlagen, mich als Ortsvereinsvorsitzenden wählen zu wollen, wenn ich dies möchte. Da ich sehr gute Kontakte zur Unterbezirksvorsitzenden habe, ist mein Name bereits im Zuge der Kandidatenaufstellung zur nächsten Landtagswahl gefallen.

Der Beruf des Landtagsabgeordneten würde mich schon reizen, jedoch weiß ich auch, welcher Aufwand gerade im Vorfeld dieser Wahl getrieben werden muss. Im Moment bin ich etwas hin- und hergerissen, ob ich meinen heutigen Beruf so ohne weiteres auf Punkt 2 meiner persönlichen Prioritätenliste setzen kann.

1. Wie wird in der Wirtschaft ein politisches Mandat angesehen? Da ich in einem großen Konzern arbeite, ist die (politische) emotionale Komponente nicht ganz so stark.

2. Wie sehen Sie die Chancen eines politischen Mandatsträgers, dem eine Wiederwahl nicht mehr gelungen ist (weil z. B. die Bundespartei in der Krise steckt)?

3. Sehen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Persönlichkeit eines erfolgreichen Managers in der Wirtschaft und eines erfolgreichen Politikers? Wie stehen Sie zu der amerikanischen Sichtweise, dass es durchaus einen Wechsel zwischen verantwortlichen Positionen in Politik und Wirtschaft geben sollte?

Antwort:

Wir haben in unserer Gesellschaft ein klares Defizit: Politiker machen ihren Job, Wirtschaftsmanager den ihrigen, aber jede der beiden Gruppen bleibt weitgehend unter sich. Gelegentliche Übertritte kommen vor, sind aber nicht Laufbahnroutine. Und wenn beispielsweise ein schließlich am Ende seiner Möglichkeiten angekommener Politiker in die freie Wirtschaft wechselt, dann nicht in klassische Standard-Managerpositionen (wie sie heute vor Ihnen liegen, wenn Sie bleiben, wo Sie sind).

Die Ex-Politiker werden gern Rechtsanwalt (sofern sie Volljuristen sind) oder übernehmen Verbands- oder Repräsentationspositionen. Konkret: Acht Jahre hauptamtliches MdL und dann Übernahme der Abteilungsleitung „Konstruktion linkslaufende Dampfturbinen“ ist wohl undenkbar.

Uneingeschränkt stimme ich der Auffassung zu, dass dies schade ist, dass beide Seiten mehr von der Erfahrung oder der Denkweise sowie insbesondere dem Wissen und Können der jeweils anderen Seite profitieren sollten. Mehr Durchlässigkeit wäre also zu fordern!Allein es gibt sie derzeit hierzulande nicht – und wie immer stehen diejenigen, die als erste einen neuen Weg gehen, vor ungeheuren Problemen. Es ist heute so, dass fast 100 % aller deutschen Manager und ambitionierten Führungskräfte kein politisches Amt (und sei es Gemeinderatsmitglied) nebenbei ausüben – und gleichzeitig sogar angeben (oft ungefragt), nicht Mitglied einer Partei zu sein. Das mag schade sein, ist aber Standard. Wer den ändern oder zumindest dagegen verstoßen will, trägt ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Zu den konkreten Fragen:

Zu 3: Ich sehe einen zentralen Unterschied zwischen Manager und Politiker: Der eine wird von oben ernannt, der andere von unten gewählt. Das allein steht schon für andere ideale Denk- und Persönlichkeitsstrukturen. Und wenn es auch flexible Menschen geben mag, die sich auf die extrem unterschiedlchen Anforderungen beider Bereiche umstellen können, so kann diese Umstellung kaum jemand täglich neu vollziehen: Morgens Konzerndirektor, abends Ortsvereinsvorsitzender, das packt man in der Regel nicht. Dem Wirtschaftsführer ist seine Basis ziemlich „wurscht“ (was er niemals zugibt, klar), dem Partei-Bezirks-Boss bleibt stets bewusst, dass die Mitglieder und Gremien von unten ihn (er)wählen und zur nächsten Wahl nominieren müssen. Und gegen einen renitenten Unterbezirksvorsitzenden kann der Landesvorsitzende nur langfristig intrigieren oder ähnlich subtil vorgehen, während der Geschäftsführer einen aufmüpfigen Abteilungsleiter ziemlich schnell feuert (und dann in alleiniger Zuständigkeit den Nachfolger ernennt). Das bedingt unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen.

Abstimmungsstrukturen, wie sie in der Politik grundsätzlich herrschen, würden manchen Konzernmanager zur Verzweiflung treiben; sich nur nach der Meinung von „höheren Dienststellen“ richten zu müssen, ohne sich von der Begeisterung der „Basis“ tragen lassen zu dürfen, überfordert sicher so manchen volkstümlichen Parteiführer.

Also ist es üblich, sich früh für eine der beiden Seiten zu entscheiden und in jungen Jahren in die Politik oder in die Wirtschaft zu gehen. Eher selten eignet sich jemand für beides gleichermaßen. Viele Berufspolitiker haben schon als Schüler mit der Parteiarbeit angefangen – ihr Netzwerk ist später äußerst tragfähig.

Zu 2: Eine Rückkehr in Wirtschaftsunternehmen über allgemeine Bewerbungen wäre für Sie sicher sehr schwierig. Rechnen Sie mit Erfolgen eher nicht. Manchmal lässt sich mit dem Unternehmen, von dem kommt, ein Arrangement treffen, das eine Rückkehr ermöglicht oder sogar eine Art Weiterführung des bisherigen Angestelltenverhältnisses vorsieht. Aber wenn danach externe Bewerbungen anfallen, schlagen die üblichen Vorbehalte wieder zu.Sagen wir es so: Beide Engagements gleichermaßen zur Karriere zu führen, dürfte pauschal nicht möglich sein (einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel). Beides halb zu machen, geht gelegentlich (z. B. kleiner Angestellter hier und kleines Gemeinderatsmitglied dort). Man hat halt nur 100 % an Kraft und Energie sowie Talent. Und die konzentriert man nicht ungestraft auf zwei Ziele und zwei Wege gleichzeitig und gleichermaßen. Es sind schon große Feldherren an einer „Zersplitterung der Kräfte“ gescheitert, Schlachten gingen deshalb verloren etc.

Nun zu 1: Ich setze diesen Punkt an den Schluss, weil die Antwort jetzt nicht mehr überrascht: Die Berührungen beider Kreise sind – leider – eher gering, das Ansehen ist es gegenseitig oft auch.

Und noch etwas muss gesagt sein: Ich schrieb oben, dass die weitaus meisten Manager und Nachwuchsleute noch nicht einmal aktives Parteimitglied sind. Wie bei allem, was ist, muss man sich fragen, warum das so ist – und ob es nicht auch gute Gründe dafür gibt.

Und einer der Gründe ist: Wir halten die Parteipolitik auf diese Weise aus den Unternehmen, aus dem Tagesgeschäft, aus den Entscheidungen über Beförderungen und Entlassungen heraus.Wenn man ein Antidiskriminierungsgesetz (eine Meisterleistung deutscher Politik; da ist es wieder, das Vorurteil der einen Seite gegen die andere – die Aversion der Politik gegen Managergehälter ist ein Gegenbeispiel) braucht, weil man Entscheidungsbeeinflussung durch Rasse, Geschlecht und Alter befürchtet: Wie wahrscheinlich ist es dann, dass ein Inhaber oder Geschäftsführer, dem eine Partei gestern mit einem Beschluss über Steuerpolitik auf die Füße getreten ist, morgen einen ihrer Ortsvereinsvorsitzenden einstellt oder befördert? Also hat es auch Vorteile, wenn jeder denkt, was er will und wählt, was er will, aber dies im Stillen tut – sofern er hauptamtlich Manager in der Wirtschaft ist oder danach strebt.

Kurzantwort:

1. „Mit zween Herrn ist schlecht zu kramen“, sagt Wilhelm Busch (und fügt hinzu: „Noch schlechter, fürcht“ ich, mit zwo Damen.“). Das geht zurück auf Matthäus 6, 24: „Niemand kann zwei Herren dienen.“

2. Politiker werden „von unten“ gewählt, Manager hingegen werden „von oben“ ernannt. Das verlangt jeweils völlig unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen – und verhindert einen problemlosen Wechsel zwischen beiden „Welten“.

Frage-Nr.: 2278
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-12-04

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