Heiko Mell

Ich darf nicht alles essen

Wie geht man im Berufsleben und (noch bin ich Student) bei Firmenbesuchen anlässlich von Bewerbertagen mit einer Nahrungsmittelallergie bzw. -unverträglichkeit um, wenn man sich keine Ausnahme erlauben darf? Frage ich besser vorher, ob ich mein eigenes Essen mitbringen darf oder bringe ich es einfach mit? Oder ist es besser, komplett auf Nahrungsmittel zu verzichten und stattdessen abends zu Hause zu essen? Dürfte ich im Restaurant genau nachfragen, was im Essen drin ist und dann meine Sonderwünsche aufgeben oder bestelle ich besser nur ein Glas Wasser? Wann spreche ich diese Thematik an, direkt nach der Einladung zum Essen oder spreche ich über dieses Thema nur, wenn ich direkt gefragt werde, warum ich dieses und jenes nicht essen möchte?

Antwort:

Man spürt, wie dieses Problem Sie verunsichert – mögliche Panikreaktionen in der jeweiligen Situation inklusive. Soweit ich das kann, will ich helfen:

Lassen Sie zunächst einmal die „Bewerbertage“ völlig außen vor. Das ist ein einmaliger, hochspezieller Sonderfall. Längst nicht alle Firmen veranstalten so etwas; wenn es dazu kommt, dann nur einmal im Leben, nämlich zwischen Studium und Berufseintritt. Dann fangen Sie nur bei einem dieser Unternehmen an – und das auch nur vielleicht. Also gehen Sie fröhlich-unverdrossen auf eine dieser – raren – Veranstaltungen und schlagen Sie sich irgendwie durch.Erledigt, nun zum – größeren – Rest, dem Berufsleben: Also mit den Restaurantbesuchen, zu denen man Berufsanfänger einlädt oder mitnimmt, ist das so eine Sache: Sie sind eher selten.

Viele Mitarbeiter werkeln zwanzig Jahre vor sich hin und haben dienstlich noch nicht ein einziges Mal im Restaurant essen müssen (oder auch dürfen).

Mein erster Tipp: Meiden Sie Tätigkeitsrichtungen, die nach allgemeiner Erfahrung eher stark mit Restaurantbesuchen verbunden sind. Beispiele: Consulting, Vertrieb, allgemein mit starker Reisetätigkeit verbundene Aufgaben. Alle anderen Leute kommen beruflich kaum jemals in die Verlegenheit, vor der Sie sich fürchten. Und bei Vorstellungsgesprächen für Berufsanfänger sind Einladungen zum Essen, sei es in die Firmenkantine oder in ein Restaurant, auch eher unwahrscheinlich.

Also ist Ihr Problem mit größter Wahrscheinlichkeit auf das (berufs-)tägliche Essen in der Firmenkantine reduziert. Und die wird keinesfalls von 100 % der Belegschaft frequentiert – wenn Sie stattdessen Mitgebrachtes am Schreibtisch verzehren, fallen Sie gar nicht auf.

Im Detail haben Sie mir dann noch geschildert, was Sie derzeit nicht essen dürfen. Das ist in meinen Augen praktisch „alles“. Damit würden Sie in jedem Restaurant zum Außenseiter, würden die Bedienung überfordern und in der Gruppe, in der Sie sich befinden, schnell zum Störfaktor (der noch dazu vermutlich dem baldigen Verhungern preisgegeben ist). Aber Sie haben die Hoffnung (schreiben Sie), durch eine entsprechende ärztliche Therapie, das ärgste Problem „in einigen Monaten ganz los zu sein“. Dann sind es eher drei weniger wichtige Stoffe, die bei der Einnahme eines Mittag- oder Abendessens im Restaurant stören könnten. Meiden Sie bis dahin solche Gelegenheiten oder trinken Sie wirklich lieber nur ein Glas Wasser. Wenn es dann später nur noch drei unverträgliche Stoffe sind, können Sie mit der Bedienung sprechen (heute sind es elf, manche davon sind ganze Nahrungsmittelgruppen).

Der Hintergrund dieser Geschichte: Gerade der junge Berufsanfänger, der einerseits noch unsicher in dieser für ihn neuen Welt herumstolpert und andererseits noch keine Gelegenheit hatte, sich durch überragende Leistungen unentbehrlich zu machen, sollte zweierlei unbedingt vermeiden:

a) krank zu wirken (steht dem dominierenden Leistungsgedanken total entgegen; Auswirkungen von Krankheiten sind von Laien stets schwer zu beurteilen, diese nehmen daher gern das Schlimmste an),

b) in seiner Abteilung der einsame Außenseiter zu sein, wodurch auch immer. Um das zu überleben, braucht man eine Stärke im Persönlichkeitsbereich, die der Durchschnittsmitarbeiter nur selten hat.

Fazit: Also Sie haben erstens gar kein Problem und zweitens die berechtigte Hoffnung, es werde in Kürze noch deutlich geringer (natürlich weiß ich, dass das zutiefst unlogisch ist – na und?).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2276
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-11-26

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