Heiko Mell

Unheilbar krank

Seit beinahe zwanzig Jahren beherzige ich Ihre Karrieretipps erfolgreich. Mit Anfang Vierzig bin ich bei einem Topunternehmen in verantwortungsvoller Position tätig.

Nun habe ich erfahren, dass ich an einer unheilbaren Krankheit leide, die meine körperliche Leistungsfähigkeit in den nächsten Jahren nach und nach stark reduzieren und zur Arbeitsunfähigkeit führen wird.

Ich stehe jetzt vor der Frage, den Arbeitgeber frühzeitig zu informieren, um eine Nachfolgeregelung organisieren zu können und mich gleichzeitig auf eine weniger exponierte Position im Unternehmen zurückzuziehen oder zu schweigen, bis es nicht mehr anders geht. Wie lautet Ihr Rat?

Antwort:

Zunächst zur Einstimmung: Für tragische Fälle wie diesen gibt es keine Regel, ja nicht einmal eine Standard-Vorgehensweise. Hier bleibt den Beteiligten nur die mühevolle Suche nach einem individuellen Weg, bei dem ich bewusst den Zusatz „Lösungs-“ vermeide, denn eine rundum befriedigende Lösung kann es nicht geben.

Betrachten wir einmal die Situation, in der sich die betroffenen Parteien befinden:

a) Der Arbeitgeber, vertreten durch Ihre Vorgesetzten (die sich wegen des Ausnahme-Charakters der Situation sehr weit „oben“ absichern werden):

Selbstverständlich sind auch sie mitfühlende Menschen, die viel Verständnis für Ihr Schicksal aufbringen werden. Aber das „Geschäft“ ruft, die Arbeit muss weitergehen, sie hat ihre Zwänge. Als Trost: Die jetzt dort einsetzenden Debatten und Meinungsäußerungen werden hinter Ihrem Rücken stattfinden, Sie erfahren jeweils nur die ausdiskutierten Ergebnisse.

Der Arbeitgeber muss zunächst eine Linie finden (oder er hat sie aus früheren Fällen), wie man in solch einer Angelegenheit vorgeht. Und die kann nur lauten: Die Arbeit muss gemacht werden, alles muss langfristig weiterlaufen, weder interne Abläufe noch eventuelle Kontakte zu Kunden dürfen empfindlich gestört werden. Auch die von Ihnen geführten Mitarbeiter brauchen Klarheit – und jederzeit eine engagierte Führung. Aber auf der anderen Seite ist es auch selbstverständlich, dass man Ihnen so weit wie möglich entgegenkommt, mit Ihnen gemeinsam nach Lösungen sucht, dabei auch die Wirkung auf die in- und externe Öffentlichkeit im Auge hat. Sie brauchen eine Entlassung nicht zu fürchten – solange noch keine Berufsunfähigkeit besteht.

Dies ist der Hintergrund, vor dem sich alles abspielen wird; man könnte es die strategische Betrachtung nennen. Taktisch sieht das etwas anders aus: In dem Moment, in dem die Vorgesetzten offiziell informiert sind, müssen sie in Ausübung ihrer „Ämter“ an ihre Pflichten denken. Auch an Sie als den ihnen anvertrauten Mitarbeiter, der ihrer Fürsorgepflicht unterliegt, aber vorrangig „muss der Laden weiterlaufen“. Das wirft sofort Fragen auf wie: Wann fällt der Mann aus, was kann er ab welchem Datum noch tun? Und genau darauf wird es keine konkreten Antworten geben.

Aber der Vorgesetzte sieht ein Problem – und will die Lösung einleiten: Dieser Mitarbeiter fällt in Kürze aus – wer wird Nachfolger? Hat er den gefunden, will er ihn auch installieren, einarbeiten – er will „Nägel mit Köpfen“ machen.

Konkret: Wenn Sie in bester Absicht Ihren Chef „vorsorglich“ informieren, obwohl Sie noch über längere Zeit Ihren Job wie bisher machen könnten, treten Sie eine Lawine los, die Sie nicht mehr stoppen können. Unterrichten Sie also Ihren Chef, wenn Sie es für richtig halten – und dazu bereit sind, sich kurzfristig(!) aus dieser Position zurückzuziehen. Mit Ihrer Aussage: „Noch habe ich alles im Griff, aber in den nächsten zwei Jahren könnte der Fall eintreten, dass ich nicht mehr die volle Leistung bringe“, kann er nichts anfangen. Wenn er Bescheid weiß, tickt die Uhr Ihres Rückzuges. Er muss so denken und handeln – Sie müssten es andernfalls auch. Am besten schlagen Sie dann gleich selbst vor, welche Aufgaben Sie abgeben und auf welche Position Sie sich zurückziehen möchten.

Und selbst wenn Sie – nach vorbeugender Information Ihres Chefs – mit ihm vereinbaren würden, dass Sie zunächst einfach so weitermachen wie bisher, hätten Sie nichts davon. Er würde Sie und Ihre Arbeit misstrauisch beobachten und sich bei jedem Arztbesuch Ihrerseits fragen, ob es jetzt „losgeht“ mit den Problemen.

b) Die andere Partei sind Sie:Auch für Sie gibt es in dieser Situation keine pauschal richtige, „normgerechte“ Vorgehensweise. Sie müssen Ihre individuelle Strategie finden. Dazu gehört die Frage: Mache ich bis zum letztmöglichen Tag so weiter wie bisher, bleibe ich im vertrauten Umfeld und sage niemandem etwas, solange es geht – oder ziehe ich mich sehr früh zurück, nutze ich meine schwindende Kraft vorwiegend privat und bin dafür im Betrieb frühzeitig zu Abstrichen bereit? Mit ein wenig „Pech“ könnte dann aber der nächste Schub Ihrer Krankheit lange auf sich warten lassen. Sie hätten sich auf einen „zweitklassigen“ Job zurückgezogen, aber niemand sähe Ihnen etwas an, niemand würde Sie verstehen.

Ich kenne die Art Ihrer Krankheit nicht, daher dieser pauschale Rat: Je weniger konkret Sie Zeitpunkte und Grad der Beeinträchtigung Ihrer Leistungsfähigkeit vorhersagen können, desto zurückhaltender sollten Sie mit Informationen vorbeugender Art sein. Mag Ihr Chef sich auch hinterher ein bisschen ärgern und sich wünschen, Sie hätten viel früher Andeutungen gemacht – er wird, wenn Sie es ihm dann erklären, Verständnis aufbringen.

Sie dürfen jetzt ruhig auch ein wenig egoistisch denken und die Dinge so angehen, wie es Ihren Vorstellungen entspricht. Die Solidargemeinschaft der Kollegen und Mitarbeiter sowie der sozial stärkere Arbeitgeber können die daraus vielleicht resultierenden Belastungen leichter tragen als Sie Ihr Schicksal. Nicht zuletzt unser Steuersystem beruht auf diesem Prinzip.

Ich will, liebe Leser, geehrter Einsender, gerade diesen Beitrag nicht so einfach schließen. Er klingt bisher recht technokratisch, der Fall hätte mehr an menschlicher Wärme und Anteilnahme verdient, niemand weiß das besser als ich. Aber es gibt für das, was Worte bewirken können, Grenzen. Für mitfühlende Gedanken gibt es sie nicht. Seien Sie dessen versichert.

Kurzantwort:

Ein Vorgesetzter wird ebenso viel Verständnis für einen Schicksalsschlag empfinden, der einen seiner Mitarbeiter trifft, wie jeder andere Mensch auch. Aber wenn er von einem Problem erfährt, dass die Leistungskraft seines Bereichs gefährdet, muss er handeln und das Hindernis wegzuräumen versuchen.

Frage-Nr.: 2267
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-10-29

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