Heiko Mell

„Kaffee, Herr Doktor?“ „Danke gern, Herr Doktor“

(Am 08.08.2008 hatten wir als Nr. 2.245 die Frage aufgeworfen, wie man als Promovierter andere Doktoren anredet, ob man den Dr. dann weglässt oder nicht etc. Es gab diverse Meinungsäußerungen dazu – nachdem ich erklärt hatte, ich wüsste es auch nicht genau. Ich weiß, dass dies ein Spezialthema für den engeren Kreis der Betroffenen ist und bitte die daran weniger interessierten Leser um Nachsicht – lassen Sie uns hier einfach einmal unseren Spaß. Außerdem ist unser Themenkreis generell so breit gefasst, dass kaum je eine Frage wirklich alle Leser bis ins Mark hinein trifft. H. Mell.)

Leser A: Zunächst vielen Dank für Ihre Beiträge, die ich schon seit Jahren mit großem Interesse lese. Soweit ich behandelte Themen aus eigener Anschauung kenne, teile ich Ihre Ansichten zu 98 %. Meinen Studierenden empfehle ich Ihre Karriereberatung ganz besonders. Ich bin sogar der Ansicht, allein deshalb würde sich der Beitritt zum VDI lohnen – es gibt natürlich noch weitere gute Gründe.

Seit 1993 bin ich promoviert. Seit 1999 habe ich eine Professur inne und kann daher diese Thematik auch gleich mit bearbeiten. Nach der Promotion, die mir wie Ihnen ohne Anleitung zum Umgang mit dem Dr. verliehen wurde, war ich zunächst unsicher und habe andere Doktoren ebenfalls mit Herr Doktor angeredet.

Nach all den Jahren kann ich heute von folgenden Umgangsregeln unter Promovierten berichten, die im Übrigen auch unter Professoren gelten:

Bei der persönlichen direkten Ansprache eines Doktors durch einen anderen bleibt der Doktor (resp. der Professor) weg, unabhängig vom Bekanntheitsgrad, der Stellung im Unternehmen und der möglicherweise unterschiedlichen Fakultät.

Wenn der Promovierte einen Promovierten Dritten gegenüber vorstellt, wird der Titel mit genannt.Wenn Promovierte, die sich nicht näher kennen, sich Briefe oder Mails schreiben, wird der Titel ebenfalls mit genannt.Ein kleiner Hinweis sei mir noch gestattet, weil dies häufiger vorkommt: Wenn nicht promovierte Personen einen Professor höflich mit Titel anreden wollen, dann wird dessen Doktor nicht genannt. Also nicht: Guten Tag Herr Professor Doktor Müller, sondern: Guten Tag Herr Professor Müller.(Kurzbemerkung zu einer Kleinigkeit: Man muss bei der Anrede „Guten Tag“ den Namen durch ein Komma abgrenzen, also schreiben „Guten Tag, Herr Professor Müller“. Ich habe es mir extra von der Duden-Sprachberatung bestätigen lassen – bevor ich einen lebenden Professor korrigiere und vielleicht falsch liege. Nur zur Sicherheit hinzugefügt: bei „Sehr geehrter Herr Müller“ gibt es natürlich kein Komma vor Herr; H. Mell).

Leser B: Vielleicht ist ein Beitrag der Art „Es gibt keine Regeln“ auch eine Möglichkeit:Regional sind die Unterschiede enorm. Ich wohne jetzt im Südschwarzwald und arbeite in der deutschsprachigen Schweiz. „Drüben“ kennt man den „doktoralen“ Umgang im Berufsleben so gut wie überhaupt nicht. Und hüben im Privaten fast ebenso. In Bayern allerdings, wo ich zur Zeit meiner Industriepromotion lebte, war ich danach für die Nachbarn immer noch der „Herr Müller“, aber meine Frau wurde durch mich die „Frau Doktor“.Mein Nachname lautet in Wirklichkeit etwa „Thomas“, nach ordnungsamtlichem Eintrag gemäß deutschem Recht nunmehr „Dr. Thomas“. Niemand bisher, selbst das Ordnungsamt nicht, konnte mir bisher verbindlich sagen, ob ich nun offiziell „Peter Dr. Thomas“ heiße und ggf. so zu unterschreiben habe. „Dr. Thomas, Peter“ (mit Komma) beispielsweise ist eine Möglichkeit; „Dr. Peter Thomas“ wäre wohl das Ordnungsgemäße, aber sprachlich-logisch nicht überzeugend: Ist dann mein Vorname etwa „Dr. Peter“?

(Beim letzten Thema kann ich helfen. Vor einiger Zeit hat mich ein Leser unter Beifügung von Dokumenten aufgeklärt. Die Verhältnisse sind etwa so, wenn ich mich recht erinnere:

– der Dr. ist kein(!) Namensbestandteil; das ist eigentlich logisch, denn er ist weder auf Kinder, noch auf Ehepartner übertragbar; es handelt sich nur um einen an die Person gebundenen Namenszusatz;

– der Dr. wird nicht etwa nach „ordnungsamtlichen Hoheitsakt gemäß deutschem Recht“ automatisch in die Papiere eingetragen – sondern nur auf Antrag: Wer also den Dr. im Ausweis stehen hat, war seinerzeit auch ein wenig eitel – so wie ich, beispielsweise;

– damit sind Sie dann „Herr Dr. Thomas“, ebenso auch „Herr Dr. Peter Thomas“;, den „Dr. Peter“ allein gibt es nicht und der „Dr. Thomas, Peter“ klingt scheußlich und sollte niemals verwendet werden; H. Mell.)
Zum Schluss – und jetzt wird“s gesellschaftlich diffizil: Stelle ich mich irgendwie vor als „Thomas“, dann ernte ich befremdete Blicke („fordert der mich hiermit etwa zum Duz-Umgang auf?“). Oft genug muss ich ausdrücklich klarstellen, dass es sich um meinen Nachnamen handelt; also sage ich doch eher „Dr. Thomas“. Aber dabei komme ich mir oft ziemlich ungewollt elitär, „von oben herab“ vor gegenüber meinem nicht-doktoralen Gegenüber.

(Auch dazu ein Tipp: Wer einen Nachnamen hat, der bei der Vorstellung Fragen aufwirft oder Unklarheiten provoziert, ist gut beraten, gleich selbst darauf einzugehen. Also etwa zu sagen: „Goethe – nicht verwandt“, oder eben „Thomas – Peter Thomas“ oder auch „Thomas“ – kurze Pause und dann „als Nachname“. Mit dem Dr. vor dem Namen stellt man sich eigentlich eher nie vor, die Wirkung entspricht der von Ihnen vermuteten; H. Mell.)

Leser C: Da der Doktortitel in Deutschland Bestandteil des Nachnamens ist und i. d. R. auch im Ausweis eingetragen ist (Achtung: Das ist nicht richtig, siehe meine Anmerkung zu Leser B; H. Mell), sollte ein Dr. von einem Nicht-Titelträger auch immer mit „Frau/Herr Dr. X“ angesprochen werden, außer, Frau/Herr Dr. X wünscht das nicht.

Das gilt auch „abwärts“, d. h. vom nichtpromovierten Chef zum promovierten Mitarbeiter.(Das ist korrekt, aber mit Vorsicht zu genießen! So mancher Chef ohne Dr.-Grad hätte diesen gern. Mancher schmückt sich sogar bewusst mit einem promovierten Mitarbeiter. Wenn dieser klug ist, dann bietet er seinem Chef an, ihn einfach „Herr Müller“ zu nennen. Das kommt weniger für Vorgesetzte im Gruppen- oder Teamleiterrang infrage, aber doch für Chefs, die Inhaber, Geschäftsführer, Vorstand, Direktor o. Ä. m. sind. Sollte nämlich dieser Chef darunter leiden, dass er nicht Dr. ist, dann reißt jedes „Herr Doktor Müller“ zu seinem Mitarbeiter die Wunde immer wieder etwas auf. Ob das klug wäre? H. Mell.)

Doctores unter sich, sofern sie Ingenieure sind, gebrauchen bei der gegenseitigen Anrede keinen Titel.Professoren sagen „Herr Kollege X“, wenn sie sich nicht näher kennen, sonst reicht der Name oder „Herr Kollege“.Manche Studenten kommen sich sehr „cool“ vor, wenn sie den Professor X mit „Herr X“ ansprechen (das sind häufig dieselben, die während eines Vortrages essen). Dabei scheint es auch eine gewisse Korrelation zum Prüfungs-„Erfolg“ zu geben.(Studenten unter den Lesern sollten diesen letzten Satz aufmerksam lesen. Es ist nicht klug, heute jemanden unflätig zu ärgern, von dem ich morgen etwas will, z. B. gute Noten; H. Mell.)

Es gibt natürlich auch Professoren, die mit „Herr X“ angesprochen werden wollen.

Leser D: Zum Umgang mit dem Titel Doktor gibt es keine Regeln und es kann auch keine geben.Rechtslage ist, dass der Titel Teil des Namens wird (siehe dazu meine Anmerkung bei Leser B; H. Mell).

In der Politik schämen sich die Leute oft für den Doktor – die Politiker wollen volksnah sein.

Leser E: Ein paar Anmerkungen aus der Praxis als Entwicklungsingenieur aus einem internationalen Konzern (Jahrgang 1968): Man muss schon in eines der deutschen Fertigungswerke fahren, um mit Titel angesprochen zu werden (wenn man das dann fürs Ego braucht). Im täglichen betrieblichen Umgang ist allgemein die Benutzung des Vornamens üblich. Dies auch über Hierarchieebenen hinweg.Insbesondere bei ausländischen Kollegen und Partnern weiß man gar nicht, wer zusätzlich Dr. oder PhD ist. Somit hat die Globalisierung den guten alten Dr.-Ing. zu Grabe getragen.

Bei meiner Frau, die als Lehrerin tätig ist, ist das allerdings noch ganz anders. Menschen, die ich nicht kenne und denen ich in meiner Freizeit begegne, duze ich mit weit geringerer Hemmschwelle als sie das tut …(Wer länger in einem einzigen großen Unternehmen arbeitet – wie dieser Leser -, hält nach einiger Zeit sein berufliches Umfeld für „die Welt schlechthin“. Das ist nicht richtig, wie man beim Arbeitgeberwechsel gelegentlich erfährt. Und Achtung: In Deutschland sind im Mittelstand – in dem man beispielsweise Inhaber eigentlich eher nicht spontan duzt – deutlich mehr Menschen beschäftigt als in Konzernen. Die „Politik“ des Konzerns dieses Einsenders wird nicht in Deutschland gemacht, sollte ich vorsichtshalber hinzufügen; H. Mell.)Leser F: Jeder Mensch hat das Recht, von anderen so angeredet zu werden, wie sein Name mit allen Zusätzen im Personalausweis steht, also auch mit dem dort ggf. verzeichneten Doktortitel. Keiner dieser Menschen hat jedoch die Pflicht, sich im normalen Umgang so anreden zu lassen.

Promovierte reden sich üblicherweise nicht mit dem Titel an. „Man doktert sich nicht an“, so die überlieferte Regel. Die eigene Erfahrung zeigt, dass selbst Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, Politiker und Wissenschaftler von Promovierten nicht mit dem Doktortitel angeredet werden wollen. Wer es dennoch tut, riskiert geringschätzig als Unterwürfiger angesehen zu werden.

In Besprechungsprotokollen großer Firmen, auch in der VDI-Geschäftsführung, hat es sich eingebürgert, nur die Namen ohne Titel anzugeben. Hiermit wird herausgestellt, dass die Aussagen der Teilnehmer in der Gewichtung nicht vom Titel abhängen.

Leser G: Benimm-Regel ist wohl immer noch, dass sich Promovierte untereinander nur „Grüß Gott, Herr Meier“ ohne Dr. ansprechen. Für alle anderen, und da bin ich jetzt sehr konservativ, aber auf der sicheren Seite, ist der Dr. Teil seines Namens und wird auch ausgesprochen (ob „echter“ Dr. oder „h. c.“ ist wurscht!).

Bitte informieren Sie Ihre Leser, dass bis zum hörbaren und wiederholten Protest des Titelinhabers der zum Namen gehörende Titel auch gesagt wird. Alles andere ist leider sehr, sehr unhöflich.

Leser H: Ich möchte nach fünfzehn Jahren Erfahrung in einer von Promovierten nur so wimmelnden Umwelt (ich war in der Medizintechnikbranche sowie bei einem Forschungsdienstleister tätig) meinen Beitrag zu diesem launigen Thema leisten. Da ich selber mit den entsprechenden „Weihen“ versehen bin, erlaube ich mir, hier auch ein wenig das Nähkästchen zu öffnen.

Wie so häufig sind es die ungeschriebenen Gesetze: Der Dr.-Titel gehört bekanntlich zum Namen und de jure bezeichnet man sich selbst nicht ganz korrekt, lässt man bei der eigenen Vorstellung den Titel einfach weg (siehe Anmerkung zu Leser B, H. Mell).

Der souveräne Zeitgenosse würde sich allerdings eher auf die Zunge beißen, als sich selbst mit „Dr. Müller“ vorzustellen. Die akademischen Verhältnisse müssen aber doch geklärt werden. Schließlich will man die in harten Jahren mühevoll erarbeiteten Meriten nicht ganz in Vergessenheit geraten lassen. Aber wie? Die elegante Lösung: Man spricht einen Kollegen, von dem die sonstigen Anwesenden wissen, dass er einen Titel hat, konsequent mit „Herr Müller“ an. Alle wissen dann: Der ist in Augenhöhe! Unter Professoren ist das Spiel ebenso beliebt. Einen Professor mit „Herr Meier“ anzusprechen, schreit gewissermaßen laut heraus: „Ich bin auch Professor!“

Antwort:

Für viele Leser war das ein Thema, manche Einsender davon haben den Dr.-Grad selbst gar nicht, manche wiederum sind sogar Professor. Keiner scheint die Geschichte mit dem Namensbestandteil richtig gewusst zu haben. Falls es Sie interessiert, forschen Sie einmal im Internet und lassen Sie sich die juristischen Begründungen auf der Zunge zergehen, warum das so zu sehen ist. Sie erinnern ein wenig an Beschreibungen wie „von hinten durch die Brust ins Auge“.

Und als Trost für alle Nichtpromovierten: Die Mitmenschen mit dem Dr.-Grad haben auch ihre Probleme. Wie wir sie irgendwie alle haben.

Noch eine Warnung: Themen mit großer Leserbeteiligung zeigen, dass viele sich davon be- oder auch getroffen fühlen. Achten Sie beim täglichen Umgang darauf.

Frage-Nr.: 2265
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-10-22

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