Heiko Mell

Betriebsfeiern – ohne mich

Ich arbeite seit drei Jahren als Entwicklungsingenieur bei einem namhaften Industrieunternehmen.In nächster Zeit ist innerhalb unseres recht großen Teams ein Halbtags-Ausflug geplant. Dies halte ich grundsätzlich für eine freundliche Idee. Die teamgeistfördernde Absicht ist auch klar und grundsätzlich lobenswert.

Aufgrund fehlender überschwänglicher Sympathie für einige Kollegen möchte ich jedoch nicht teilnehmen und meine kostbare Zeit lieber für andere Dinge nutzen.

Mein Interesse an Betriebs- oder Abteilungs-Weihnachtsfeiern („X-mas-Party“, das „X“ sagt schon alles) ist ebenfalls sehr gering.

Ist diese Einstellung nachteilig oder schädlich?

Antwort:

Ich mache mir Sorgen um Sie und Ihre Zukunft. Aber es ist ein gutes Zeichen, dass Sie sich bei aller vorgetragenen „Festigkeit“ Ihres Standpunktes Ihrer Haltung nicht sicher sind – und fragen.

Zur Sache: Betriebsfeiern liebt man oder man liebt sie nicht, desgleichen Weihnachtsfeiern oder Halbtages-Ausflüge. Aber man geht hin und macht gute Miene zum Spiel, das Sie ruhig insgeheim „böse“ nennen dürfen. Insgeheim.

Denn das ist die berufliche Welt, in der Sie leben und weiter leben wollen. In diesem Umfeld wollen Sie Ihre beruflichen Erfolge erzielen, mit vielen dieser Kollegen sitzen Sie in Projekten zusammen. Sie haben sich diese Umgebung ausgesucht – nun leben Sie damit – oder suchen Sie sich eine neue. Aber dableiben, auf beruflichen Fortschritt hoffen, jedoch dieses Umfeld ablehnen, das geht auf Dauer nicht.

Die Vorgesetzten, die ständig – ob mit System oder ohne – ihr Urteil über Sie fällen, werten u. a. auch Ihre „Integration ins Team“, Ihre „Akzeptanz durch das Team“ – und dies ganz besonders, wenn es um Ihr Potenzial für die Übernahme von ersten Führungsaufgaben geht.

Und wenn Ihre Abneigung gegenüber dem Lebensstil der Team-Mehrheit eines Tages so weit geht, das sie umschlägt (und die Mehrheit Sie ablehnt), dann sind Sie dort „tot“ und können sich vermutlich auf Dauer nicht auf Ihrem Platz halten, von Beförderung ganz zu schweigen.

Selbstverständlich sind immer Leute im Team, die man für „blöd“ hält – 10 % sind normal, ab 20 % sollten Sie an Ihren Maßstäben feilen. Sie sollen ja nicht in den „Hofstaat“ Ihnen nicht genehmer Meinungsführer eintreten, ein unauffälliges Mitlaufen reicht – in Ihrem ureigenen Interesse.

Vergessen Sie auch nicht: Das Team ist nicht irgendeines, etwa so zufällig entstanden wie ein Klassenverband in der Schule, es ist die von Ihrem Arbeitgeber gewollte, aus sorgfältig ausgewählten Einzelpersonen bewusst zusammengestellte Gruppe. Ob Sie nun zu Ihrem Abteilungsleiter gehen und sagen, sein ganzer Stil gefalle Ihnen nicht oder ob Sie ihm „nur“ zeigen, mit seinem Team wollten Sie nichts zu tun haben, ist etwa gleichwertig. Karriere macht man so jedenfalls nicht.

Also: Entweder Sie machen mindestens „auf kleiner Flamme“ mit, ohne Ihre Ablehnung zu zeigen oder Sie gehen woanders hin, alles andere hat keine Zukunft.

Nun sind Entwicklungsingenieure oft eher ein wenig introvertiert, aber das ist der Rest des Teams dann auch – und Sie sollten eigentlich prächtig zueinander passen.

Zur Person: Warum nur kommt mir hier ein bestimmtes Zitat in den Sinn? Es stammt aus Lukas 18, 11: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, …“

Zunächst bewerten Sie – mit der Festigkeit des Urteils eines erprobten Kritikers – das Vorhaben:

„Die … Absicht ist … grundsätzlich lobenswert.“ Das ist schon starker Tobak mit drei Jahren Praxis. Andere hätten geschrieben, sie fänden die Absicht …, Sie jedoch verkünden absolute Urteile.

Dann Ihre Formulierung: „Aufgrund fehlender überschwänglicher Sympathie für einige Kollegen …“ Ich erkenne (warum, wollen wir hier gar nicht erörtern) Arroganz im Ansatz. Vorsicht also. Sie müssen nicht die Wahl zum beliebtesten Kollegen gewinnen. Aber „allseits geachtet“ ist beispielsweise eine anzustrebende Zeugnisformulierung. Mit Ihrer Haltung erringen Sie die nie.

Ach und „X-mas“ oder ähnliche Kürzel mag ich auch nicht. Aber wer nachforscht, stößt auf die Aussage, das „X“ solle auch schon einmal im Deutschen für Christ gestanden haben. Und X ist ja wohl auch der 24. Buchstabe des Alphabets (wie Heiligabend der 24. Dezember ist). Aber, da bin ich ganz sicher, einige unserer Leser werden mehr darüber wissen. Kämpfen Sie ruhig darum, die nächste Veranstaltung wieder „Weihnachtsfeier“ zu nennen – und gehen Sie in jedem Fall hin.

Kurzantwort:

Kollegen sind ein Teil Ihrer beruflichen Welt. Gefallen sie oder gefällt ihr Denken und Handeln Ihnen überwiegend nicht, suchen Sie sich besser neue. Sie brauchen nicht deren Zuneigung, können aber gegen ihre Ablehnung auf Dauer nicht bestehen.

Frage-Nr.: 2235
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-07-09

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