Heiko Mell

Ich bin des Chefes „Arbeitsmäuschen“

Seit Monaten liegt ein Stein auf meiner Brust. Ich bin Ende 30, habe vor etwa sechs Jahren mein Studium beendet und bin seitdem bei einem Großunternehmen tätig. Ich überwache dort einige wichtige Anlagenkomponenten und bearbeite Kundenstörungen. Zu dieser Tätigkeit gehört die Wechselschicht.

Bei jedem Mitarbeitergespräch sage ich zu meinem Teamleiter, dass es mein Ziel ist, aus der Wechselschicht herauszukommen und mal in wichtigen Projekten zu arbeiten. Aber dann kommt immer wieder die Frage: „Was haben Sie geleistet? Sind Sie schon mal aufgefallen? Sie müssen Arbeiten machen, die kein anderer im Team machen wollte.“

Ich erzähle ihm, was ich leiste. Dann kommt das Argument: „Das machen die anderen im Team auch.“ Ich habe das Gefühl, dass ich sein „Arbeitsmäuschen“ bin, das die Arbeit macht, ohne zu meckern. Ich bin auch eher ein Gefühlsmensch und kann selten „nein“ sagen.

Mir ist auch aufgefallen, dass andere Kollegen in meinem Team demotiviert sind und in den letzten zwei Jahren kein Lob vom Teamleiter gekommen ist. Es wird nur kritisiert.

Seit einem halben Jahr habe ich mich in einigen Stellenbörsen eingetragen, aber es ist schwer, das Richtige zu finden.

Jetzt zu dem, warum ich an Sie schreibe. In den VDI nachrichten habe ich gelesen: „Wer lange in einem Unternehmen und dort in ein und derselben Position tätig ist, verfügt über kaum ersetzbare Erfahrungswerte. Das muss nicht von Vorteil sein. Ein Stellenwechsel innerhalb des Betriebs wird so blockiert. Wer nicht offensiv beim Arbeitgeber auf eine Neuorientierung drängt, vergibt Karrierechancen.“

Wie kann ich offensiv werden? Ich mache nach jedem Gespräch eine Nachbereitung dieses Gesprächs und finde keinen Ansatzpunkt. Vielleicht können Sie mir einen Rat geben?

Antwort:

Sie verknüpfen Ihre diversen Probleme zu einem dichten „Problemteppich“, der dann undurchdringlich wird. Dröseln wir die Dinge einmal auf und versuchen wir dann, sie einzeln anzugehen:

1. Sie arbeiten seit mehr als fünf Jahren (das ist der pauschale Richtwert) in ein und demselben Job und üben immer dieselbe Tätigkeit aus. Das ist genug – sofern Sie weitere Ambitionen haben. Fünf Jahre sind ausreichend, Sie können alles, was zu können ist, lernen (fast) nichts mehr hinzu. Andererseits haben Sie das lange genug getan – niemand kann Ihnen „Jobhopping“ vorwerfen, wenn Sie jetzt dort wegstreben. Und auch Ihr Gefühl, das Ihnen sagt, es reiche jetzt, ist völlig in Ordnung.

2. Diese vielen Jahre Wechselschicht sind eine arge Belastung, jeder wird verstehen, dass Sie damit Schluss machen möchten.

3. Ihr Teamleiter ist für Ihre Vorstellungen der falsche Ansprechpartner! Der leitet doch „nur“ ein Team von mehreren Kollegen mit vergleichbarer Aufgabenstellung. Er hat in seinem Zuständigkeitsbereich vermutlich keinen Arbeitsplatz, wie er Ihnen vorschwebt. Aber er ist dafür verantwortlich, dass seine Wechselschichten laufen.

Also wird er alles tun, damit Sie bleiben, wo Sie sind. Denn wenn Sie in ein anderes Team wechseln, hat er nichts von Ihrer Freude – aber er muss dann sehen, wie er die Lücke wieder schließt (und jemanden finden, den er zur Wechselschicht überreden kann).

Sie brauchen einen Wechsel in ein anderes Team, in eine andere Abteilung. Dazu brauchen Sie als Partner Ihren Abteilungsleiter, die Personalabteilung und einen neuen künftigen Vorgesetzten, der Sie nehmen würde.

Sie sollten also mit der Personalabteilung sprechen und sich nach dem üblichen hausinternen Verfahren für solch einen Schritt erkundigen. Hat Ihr Abteilungsleiter Positionen in seinem Zuständigkeitsbereich, die Ihnen zusagen, wäre er – nach vorheriger Information des Teamleiters – der nächste Ansprechpartner für Sie. Aber Achtung: Dies ist eine theoretische Überlegung, die eher für die anderen Leser gedacht ist. Lesen Sie bitte erst 4.

4. Für nahezu alles, was Sie vom Arbeitgeber wollen (Gehaltserhöhung, Beförderung, besseres Aufgabenfeld etc,) brauchen Sie als Basis das Wohlwollen Ihres direkten Vorgesetzten, in Ihrem Fall also des Teamleiters. Der muss Sie gut beurteilen, von Ihrer Leistung überzeugt sein, sonst läuft kaum etwas für Sie.

Und Ihr Teamleiter ist nicht überzeugt von Ihnen und Ihren Leistungen. Legen Sie seine zitierten Worte nicht auf die Goldwaage – Vorgesetzte sagen, wenn sie kritisieren, kaum je, was sie denken. Aber der Inhalt seiner Aussage wird deutlich: Sie haben bisher nichts Besonderes geleistet, sind nie durch besondere Taten aufgefallen. Das ist – ob nun objektiv richtig oder nicht – die derzeitige offizielle Beurteilung, die Sie im Unternehmen genießen.

Sagen Sie jetzt nicht „Das sieht der falsch“ oder „Wie hätte ich denn auffallen sollen?“, nehmen Sie einfach einmal diese Tatsache hin. Sie hatten sechs Jahre lang eine Chance, Ihre Chefs zu begeistern – und Sie haben sie nicht genutzt. Andere hätten das geschafft, seien Sie dessen versichert. Sei es durch pure Leistung, sei es durch geschicktes Marketing in eigener Sache (beides ist gleichermaßen wichtig).

Dieser Negativaspekt hängt Ihnen unternehmensintern nun an – und verhindert einen fühlbaren beruflichen Fortschritt in diesem Hause. Ihre einzige realistische Chance ist die externe Bewerbung mit dem Ziel des Arbeitgeberwechsels und der Chance zum Neustart.

5. Mögen auch die Kollegen demotiviert sein oder bloß meckern – kümmern Sie sich nicht darum. Es beweist nichts und es hilft Ihnen nichts. Sie sind anfällig für „Kollektivgefühle“, halten Sie sich zurück. Ihren Teamleiter haben Sie vermutlich durch Ihre Beharrlichkeit („Bei jedem Mitarbeitergespräch sage ich zu meinem Teamleiter, …“) ohnehin schon „sauer gefahren“, kommen Sie jetzt nicht auch noch mit dem Argument, „die anderen sind auch alle frustriert“. Die haben ihre Probleme, die sie lösen müssen, Sie haben Ihre.

6. Sie müssen also wechseln. Aber es reicht nicht, sich in Stellenbörsen einzutragen und – passiv! – zu warten, bis sich jemand meldet. Sie müssen aktiv nach Stellenangeboten suchen (Zeitungen, Internet-Stellenbörsen, Homepages potenzieller Arbeitgeber) und sich dort bewerben.Sehen Sie, genau das hat Ihr Teamleiter gemeint als er fragte, was Sie bisher geleistet hätten! Sie müssen aktiver werden, sonst gehen Sie unter.

7. Und als Antwort auf Ihre zentrale Frage nach dem zu langen Verbleiben in ein und derselben Position: Das wussten wir auch schon, dass man nicht zu lange auf einem Job sitzen sollte. Zitat aus einem Buch, das aus der Arbeit für diese Serie entstanden ist und praktisch ausschließlich Gedanken aufgreift, die hier schon gestanden haben:“Wer mehr als fünf Jahre lang eine weitgehend gleichbleibende Tätigkeit ausübt, läuft Gefahr, sich am Arbeitsmarkt vorbei zu ‚qualifizieren“, …“ (Heiko Mell, Spielregeln für Beruf und Karriere, 3. Auflage 2004, Verlag Springer, Seite 107, Kapitel „Berufserfahrung ist wie das Salz in der Suppe – zuviel ist schädlich“).

Kurzantwort:

Für alles, was intern nach vorn oder oben führen soll, brauchen Sie eine positive Beurteilung Ihres direkten Vorgesetzten.

Frage-Nr.: 2233
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-06-25

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