Heiko Mell

Traumjob – aber nichts zu tun

Ich arbeite – in meinem ersten Job nach dem Studium – seit mehreren Jahren im europäischen Forschungszentrum eines außereuropäischen Konzerns. Meine Arbeitsinhalte finde ich sehr interessant, ich wurde bereits einmal befördert und kann meine Projekte recht frei selbst bestimmen und koordinieren. Das Gehalt ist angemessen und das Verhältnis im Kollegenkreis ist fast freundschaftlich.

Alles scheint in bester Ordnung zu sein, außer: Mein Team und ich sind durchweg unterfordert! Es gibt einfach nicht genug Arbeit für uns. Die wichtigen Projekte laufen im fernen Mutterland, und wir werden kaum in die Entwicklung eingebunden, unsere Vorschläge werden kaum einmal gehört.

Das Problem ist meinen Vorgesetzten bekannt, sie sehen unsere Unterbeschäftigung allerdings nicht sehr kritisch. Ich hingegen habe ich schlechtes Gewissen und das Gefühl, nicht genug zu leisten.

Ich bin ratlos: Soll ich versuchen, den Arbeitgeber zu wechseln und auf größere Herausforderungen hoffen oder soll ich mich weiter über die hervorragenden Arbeitsbedingungen freuen und schön still, jedoch mit einem schlechten Gefühl meine Zeit absitzen?

Antwort:

Sicher gibt es Leser, die Ihnen am liebsten spontan einen Arbeitsplatztausch anbieten würden. Und man könnte darüber spekulieren, was denn die Gründe für diese heute doch eher selten zu beobachtende Situation sein mögen. Aber das alles bringt uns, vor allem aber Sie, keinen Schritt weiter.

Konzentrieren wir uns also auf die Kernfrage. Zwei erste Aussagen dazu: Ja, so etwas gibt es. Und es ist richtig, dass Sie diese scheinbar paradiesischen Zustände als Problem erkennen. Denn

1. ist das Umfeld nicht gut Sie. Der Erfolg harter Arbeit bleibt gleich doppelt aus (weil es keine harte Arbeit gibt und weil aus der Sicht der Forscher im Mutterland wahrscheinlich das ganze europäische Zentrum überflüssig ist und man daher bei der Mutter nicht auf das hört, was von hier dort hinfließt). Ihr Arbeitsstil wird „verdorben“, Sie gewöhnen sich an diese Umstände – und empfinden eines Tages eine Standardbelastung bereits als unzumutbar hoch. Und Sie leben in der Ungewissheit, wie lange das wohl gut gehen wird.

2. wird der Konzern sicher nicht ewig sein Geld zum Fenster hinauswerfen. Das kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten. Die ersten roten Zahlen tauchen irgendwann auf, alles kommt auf den Prüfstand – und spätestens dann merkt jemand bei der Mutter, dass dies eine Luxuseinrichtung ist, die man ohne große Beeinträchtigung der Gesamtleistung der Konzernforschung schließen kann. Oder doch wenigstens auf ein Drittel reduzieren. Dann aber wäre Ihr Arbeitsplatz massiv gefährdet.

3. dürften sich die Verhältnisse in der Branche, auf die Sie ja bei künftigen Wechseln angewiesen sind, bald herumsprechen. Und dann sind Bewerber von dieser Institution nicht mehr sehr begehrt auf dem Arbeitsmarkt („für richtiges Arbeiten sind die verdorben“).Bleibt die Frage, was Sie tun könnten, um intern etwas zu ändern. Die Antwort ist klar: nichts. Mit Ihren Chefs brauchen Sie nicht zu reden. Die hängen auch nur hilflos im System und können nichts ändern – sie haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert. Aber sie sind auch älter als Sie. Und wenn Sie dauernd zu ihnen laufen und mehr Arbeit erbitten, bringen Sie die nur in eine peinliche Situation. Außerdem: Eigentlich müssten Ihre Chefs Mitarbeiter, für die es nichts zu tun gibt, entlassen. Sonst werden sie ihrer Verantwortung nicht gerecht, weil sie das Geld ihres Arbeitgebers verschleudern.

Briefe an die ausländische Muttergesellschaft können Sie auch nicht schreiben – Sie hätten anschließend Todfeinde in allen Ebenen und sowohl hier als auch dort.

Die Konsequenz: Sie müssen da weg. Bewerben Sie sich extern, loben Sie Ihren Arbeitgeber und sein europäisches Forschungszentrum sehr. Dann brauchen Sie nur noch einen plausiblen Grund für den Wechsel. Der liegt erstens in Ihrer Dienstzeit – Sie suchen nach diesen ersten Jahren gezielt den Aufbruch zu „neuen Ufern“, wollen sich neuen fachlichen Herausforderungen stellen. Zusätzlich können Sie andeuten, das sei zwar alles ganz toll, aber die Entscheidungen fielen im fernen Mutterhaus und das dauerte sehr lange. Oft würden Sie sich mehr Einfluss der Europäer auf die letztlich akzeptierte Technologie, auf das fertige Produkt wünschen. Das reicht!

Von Ihrem eigentlichen Problem reden Sie überhaupt nicht! Sie würden Ihren Wert damit reduzieren und sehr nahe an den abzulehnenden Typ desjenigen Bewerbers herankommen, der schlecht über seinen Arbeitgeber spricht.

Kurzantwort:

Wer in einem halbwegs geordneten Unternehmen tätig ist und dort dauerhaft zu wenig Arbeit hat, schadet sich mittelfristig selbst – und lebt gefährlich.

Frage-Nr.: 2206
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-04-02

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